Gegen Unsicherheit und Misstrauen

Private Initiativen in Italien versuchen in der Corona-Krise staatliche Defizite auszugleichen

von Veronica Tosetti

 

Italien, das von den Balkonen singt, um Mut zu fassen, Italien, das sich auf den Slogan »Es wird alles gut gehen« einschwört – aber auch Italien, das hasst und soziale Medien zur Beleidigung all jener nutzt, die ihren Sport wieder aufnehmen oder sich einen Aperitif im Freien gönnen, das den Impfstoff nicht möchte, die tatsächliche Existenz des Virus bestreitet und nach der Verschwörung schreit. Italien ist – mal wieder – zweigeteilt: zwischen Optimismus und Katastrophe, zwischen jenen, die im Homeoffice unermüdlich weitergearbeitet haben, und jenen, die arbeitslos geworden sind, zwischen dem von zahlreichen Infektionen und Todesopfern gebeugten Norden und dem Süden, der Touristen aus der Lombardei eher feindlich begegnet.

Die wirtschaftliche Erholung gestaltet sich aufgrund des starken Rückgangs der Beschäftigten, vor allem in bestimmten Branchen, sehr schwer (man schätzt, dass bei drei von zehn Familien das Einkommen nicht bis zum Monatsende ausreicht). Die Arbeitslosenquote wird dieses Jahr voraussichtlich zwölf Prozent erreichen. Die Kulturschaffenden flehen die Regierung um klare Richtlinien an, damit sie wieder mit der Organisation von Veranstaltungen beginnen können, aber sie erhalten keine Antwort. Viele kulturellen Begegnungsstätten kündigen ihre Schließung an.

In dem Maße, wie der Regierung eine klare Linie fehlt, stellen sich die lokalen Verwaltungen hingegen den Herausforderungen des täglichen Lebens: Die Bürgermeister suchen den Kontakt zu ihren Mitbürgern durch soziale Medien, so zum Beispiel Beppe Sala, Bürgermeister von Mailand, der in einem Video nach den Monaten zu Hause zur »Rückkehr an den Arbeitsplatz« auffordert, oder auch die Präsidenten der Regionen, wie Vincenzo de Luca aus Kampanien, der Zuwiderhandelnde streng zurechtweist.

Das Sozialversicherungssystem ist unter Druck und hält nur mühevoll Schritt. Verspätungen bei Zahlungen an Arbeitslose, Freischaffende und Unternehmer stehen auf der Tagesordnung, das nährt eine allgemeine Atmosphäre des Misstrauens. Angesichts der wachsenden Unsicherheit versuchen manche, die Defizite des Wohlfahrtsstaats durch Solidarität auszugleichen. In Mailand beispielsweise haben Netzwerke junger Menschen damit begonnen, die Armen materiell zu unterstützen. Und unterdessen herrscht Verwirrung: Das nationale Gesundheitssystem gibt in einigen Regionen wie in der Lombardei weiterhin privaten Anbietern den Vorrang, was mit höheren Kosten für die Bürger verbunden ist. Der italienische Sommer kann aber beginnen: Die Regierung hat 150 Euro für jeden Bürger bereitgestellt, der beschließt, seinen Urlaub in einer Einrichtung des »Bel Paese« zu verbringen, um den heimischen Tourismus und die Wirtschaft zu unterstützen.

Aus dem Italienischen von Maria Grazia Mangione

VERONICA TOSETTI ist freie Journalistin und Expertin für digitale Kommunikation.