Das verlorene Jahr

Wie die fehlenden Touristen der spanischen Wirtschaft zusetzen 

von Sergio C. Fanjul

 

Spanien zählt zu den am stärksten vom Coronavirus betroffenen Ländern. Regierungsangaben zufolge waren bis zum 9. Juli 2020 rund 28.400 Menschen daran gestorben. Die Ausbreitung der Krankheit scheint nun zwar unter Kontrolle, dennoch kam es erneut zu Ausbrüchen in verschiedenen autonomen Regionen. Mancherorts mussten die Ausgangssperren wieder verhängt werden, so wie im Gebiet um die katalanische Stadt Lleida. 

Die spanische Regierung, eine Koalition der Mitte-Links-Partei PSOE mit dem linken Parteienbündnis Unidas Podemos, verhängte eine strikte Ausgangssperre und rief vom 13. März bis zum 21. Juni den Notstand aus – bis hin zum völligen Stillstand aller nicht systemrelevanten wirtschaftlichen Tätigkeiten. Zu Beginn konnte die Regierung dabei noch auf die Unterstützung aller politischen Lager zählen, doch mit der Zeit kehrte man zur üblichen Schlammschlacht in der spanischen Politik zurück. Die gesellschaftliche Spaltung vertiefte die Gräben zwischen Linken und Rechten. Die Opposition, zu der eine wachsende, von der Partei VOX vertretene, ultrarechte Kraft gehört, zog ihre Unterstützung der Notstandsregelungen zurück und beschuldigte die Regierung nun eines misslungenen Krisenmanagements. 

Kaum hat das Land den Tiefpunkt der Gesundheitskrise durchschritten, schlägt die Wirtschaftskrise zu. Anfang April schnürte die Regierung ein soziales Rettungspaket, das die Bewilligung der „ERTE“ beinhaltet (eine zeitlich begrenzte Unterstützung für Unternehmen, die ihre Tätigkeit krisenbedingt einstellen mussten) und das bis September verlängert wird. Es umfasst neben der Verlängerung von Mietverträgen auch ein Moratorium für Mieten, Kreditzinsen oder Einnahmen für Lieferungen wie Wasser oder Strom. Das große Problem, dem die spanische Gesellschaft nun gegenübersteht, ist die Wiederankurbelung der Wirtschaft. Diese ist in hohem Maße vom Tourismus abhängig, der insgesamt 12,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Im vergangenen Jahr wurde Spanien von 83,7 Millionen Touristen besucht, eine historische Rekordzahl. Doch dieser Schlüsselsektor ist mit am stärksten betroffen durch Mobilitätseinschränkungen, Grenzschließungen, Konsumrückgang und die Angst vor Ansteckung. 

Die spanische Regierung hat am 18. Juni ein Hilfspaket in Höhe von 4,26 Milliarden Euro für die von Corona besonders heftig gebeutelte Tourismusbranche des Landes beschlossen. Rund 2,5 Milliarden Euro sind für Kredite vorgesehen, die nicht zinsfrei vergeben werden.

Die Regierung und sogar das Königshaus sprechen sich derzeit für eine Förderung des Inlandstourismus aus. Spanier sollen in ihre eigenen Berge und Dörfer und an ihre eigenen Strände reisen, um den voraussehbaren Wegfall des ausländischen Tourismus auszugleichen. Unklar ist noch, ob diese Strategie auch aufgeht – denn viele geben das Jahr bereits jetzt verloren. 

Aus dem Spanischen von Miriam Denger

SERGIO C. FANJUL ist Kolumnist bei der Tageszeitung EL PAÍS und schreibt über Technik und das Leben in Madrid.