Schlagabtausch

von Helen Driscoll

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Beim Begriff „Aggression“ denken wir schnell an Männer, und was wir unter Aggression verstehen, definiert sich über männliches aggressives Verhalten. Männer neigen mehr als Frauen zu direkter, offener Aggression und sind weltweit für etwa 90 Prozent aller Gewaltverbrechen verantwortlich. Sie führen Kriege, planen Terroranschläge und kämpfen um Status, Gebietsansprüche und letztlich um Frauen. Dieses Verhaltensmuster findet sich in allen Kulturen und historischen Epochen. Aggression und Gewalt scheinen wesentliche Aspekte des männlichen Seelenlebens zu sein. Da überrascht es kaum, dass weibliche Aggression bis vor Kurzem so gut wie gar nicht untersucht wurde. Vielleicht dachten Wissenschaftler schlicht, hier gäbe es nichts zu erforschen. Tatsächlich hat sich die Forschung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei aggressivem Verhalten bislang auf die Frage konzentriert, warum Männer das aggressivere Geschlecht sind. Die allgemeine Gültigkeit dieses Unterschieds deutet auf seinen evolutionären Hintergrund hin. Die Bereitschaft zu aggressivem Konkurrenzkampf bedeutete für Männer einen genetischen Vorteil.

Der Wille des Mannes zum Kampf um die Frau hängt mit dem evolutionshistorisch vielleicht wichtigsten Unterschied zwischen den Geschlechtern zusammen: Männer können ihre Nachkommen mit einem vergleichsweise minimalen Aufwand produzieren. Ein Mann muss grundsätzlich nur die Energie für den Geschlechtsakt und zur Produktion von Spermien aufbringen. Demgegenüber muss die Frau eine große, nährstoffreiche Eizelle zur Verfügung stellen und neun Monate der Schwangerschaft investieren, der auch noch eine potenziell gefährliche Geburt folgt. Dieser unterschiedliche Aufwand hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung der Psyche beider Geschlechter. Das Geschlecht, das am meisten investiert, die Frau, wird zum Hauptakteur der Reproduktion, um den sich das andere Geschlecht bemüht.

Der geringe notwendige Aufwand für Männer ermöglichte es ihnen, potenziell eine große Anzahl an Nachfahren zu produzieren. Daher machte es hinsichtlich der Fortpflanzung Sinn, so viele fruchtbare Frauen wie möglich zu begatten. Da Frauen hingegen nur eine begrenzte Anzahl von Nachkommen hervorbringen können, gewinnen sie durch häufige Paarung wenig. Aufgrund dieses Musters, nahm man an, hätten Männer eine Neigung zu aggressivem Konkurrenzverhalten entwickelt, während es für Frauen wenig gab, um das zu konkurrieren sich gelohnt hätte – und sie sich deshalb bloß zu passiven Begünstigten des männlichen Wettbewerbs entwickelt hätten.
Dieses Verständnis ist allerdings durch eine Art männliche Psychologie geprägt. Es hat die Stereotypen vom aggressiven, wettbewerbsorientierten Mann und der sanftmütigen, fürsorglichen Frau noch verstärkt. Bilder dieser Klischees haben unsere Kultur nachhaltig geprägt: die Hausfrau aus den 1950er Jahren zu Hause mit ihrem Kind das Foto einer nackten Frau mit samtener Haut, die eng umschlungen ihr Baby hält. An dieses Gesicht Evas haben wir uns gewöhnt. Entspricht das Bild der Wirklichkeit oder ist es ein Mythos?

Die Vorstellung, dass sich eine ganz auf Fürsorge gepolte Frau aggressiv verhalten könnte, erscheint abstoßend, unangebracht und unvereinbar mit der weiblichen Natur. Doch zeichnet sich in den westlichen Medien neuerdings ein zweites Gesicht der guten alten Eva ab. Englische Zeitungen berichten über gewalttätige junge Frauen, genannt „ladettes“, deren Verhalten eher zu männlichen Stereotypen passt. Dennoch wird dies nicht als Hinweis auf die Unzulänglichkeit herrschender Klischees über die Weiblichkeit gesehen, sondern als Zeichen für die Schwäche der Frauen – und womöglich als Konsequenz einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Frauen gelten oft immer noch als von Natur aus passiv, und so sucht man den Grund für weibliche Aggression in gesellschaftlichen Umständen.
In jüngerer Zeit stellt die Wissenschaft das Klischee von der passiven Frau jedoch infrage. Tatsächlich ist in einigen Ländern ein Anstieg der weiblichen Kriminalitä zu verzeichnen. Dennoch sind Männer nach wie vor für die überwältigende Mehrzahl aller Verbechen verantwortlich. Eine Frage wurde jedoch immer außer Acht gelassen. Auch wenn es unstrittig ist, dass ein Wettstreit um möglichst viele Partner Frauen keinen Vorteil bringt, sollte man trotzdem annehmen, dass sie um andere für die Reproduktion wichtige Dinge kämpfen, etwa knappe Ressourcen, einen hohen Sozialstatus oder fähige Männer. Die Professorin Anne Campbell kehrte die Frage nach den geschlechtsspezifischen Unterschieden in Sachen Aggression um. Statt zu erforschen, warum Männer offener aggressiv als Frauen sind, wollte sie wissen, warum Frauen weniger offen aggressiv sind. Sie vermutet, dass Selektionsdruck die Entwicklung von unmittelbar aggressiven Konkurrenzverhalten verhindert habe.

Warum also könnte offen aggressives Verhalten für Frauen problematisch sein? Menschenbabys kommen nicht zuletzt deshalb als hilflose Wesen zur Welt, weil es eine evolutionäre Entwicklung hin zu größeren Gehirnen gab. Da das Gebären von Babys mit großen Köpfen zu schwer und gefährlich wäre, findet ein Großteil der Hirnentwicklung nach der Geburt statt und Kinder sind über mehrere Jahre auf elterliche Pflege angewiesen. Als das Geschlecht, das den größeren Aufwand in den Nachwuchs investiert, fiel den Frauen die Aufgabe der Betreuung zu. Die Verletzlichkeit von Babys bedeutet daher auch, dass Überleben und Wohlergehen der Mütter an erster Stelle stehen. Ein Vater ist gut, eine Mutter unverzichtbar. Deshalb, meint Campbell, müssen Frauen körperliche Gefahren vermeiden, auch jene, die aus direkt aggressivem Verhalten resultieren.

Ich habe die psychischen Mechanismen untersucht, die unmittelbar aggressives Verhalten bei Frauen verhindert, etwa die Hemmung durch Furcht. Frauen fürchten sich eher als Männer, vor allem bei drohender körperlicher Gefahr. Diese Furcht hemmt und verhindert aggressive Regungen. Männer leiden häufiger unter pathologischer Enthemmung, Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität. Das Maß an Enthemmung wird in der Forschung oft als Indikator dafür gesehen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person Gewaltverbrechen begehen wird. Die Tendenz zur Enthemmung ist bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Der Unterschied hinsichtlich direkter Aggression ergibt sich also auch aus einer geringeren Angstschwelle bei Frauen.

Doch bedeutet dies, dass Frauen passiv sind? Nein, denn die weibliche Psyche hat eine Alternative zum inakzeptabel hohen Risiko körperlicher Gewalt gefunden. Frauen neigen zu indirekter Aggression, die verdeckt abläuft, schwieriger zu erfassen ist, aber beträchtlichen Schaden bei den Opfern anrichten kann. Zu diesen Strategien zählen die soziale Ausgrenzung anderer, Klatsch und das Streuen von Gerüchten, die das Ansehen von Rivalinnen beschädigen. Mit solchen Taktiken kämpfen Frauen um die „besten“ Männer, um Status, Ressourcen und Ansehen – ohne körperliche Verletzungen zu riskieren.

Manchmal greifen allerdings auch Frauen auf direkt aggressives Verhalten zurück. Über die Gründe hierfür wissen wir erst wenig. Statistiken zeigen, dass Frauen eher zu Eigentums- als zu Personendelikten neigen. Bei knappen Ressourcen kann es auch für Frauen sinnvoll sein, größere Risiken einzugehen und offen aggressiv um die Sicherung von Vorräten zu kämpfen.

Über die Bedeutung moderner Anforderungen lässt sich spekulieren. Die Kultur entwickelt sich heute schneller als die Biologie, wir leben alle in einer Welt, an die wir uns noch nicht angepasst haben. Zwar hat das 20. Jahrhundert in vielen Gesellschaften die Emanzipation der Frau mit sich gebracht, dafür aber auch neue Belastungen, etwa durch eine Doppelfunktion als berufstätige Frau und Mutter. Auch gibt es weltweit immer mehr alleinerziehende Mütter, von denen viele in absoluter oder relativer Armut leben. Soziale und ökonomische Probleme wie diese können zu einem Anstieg weiblicher Kriminalität führen. Ein kleiner Prozentsatz von Frauen verhält sich aber auch unabhängig vom Kampf um knappe Ressourcen gewalttätig und kriminell. Viele dieser Frauen leiden unter den gleichen Störungen der Hemmfunktionen wie aggressive Männer. Insgesamt wäre es eine grobe Vereinfachung zu behaupten, dass Männer das aggressivere Geschlecht seien.

Was meinen wir genau mit Aggression? Letztlich fällt jedes Verhalten unter den Begriff, mit dem man andere absichtsvoll verletzt. Da man lange Zeit nur die männlichen Formen der Aggression erforschte, wurde Aggression mit Blick auf die männliche Psyche definiert. Aggression bedeutet aber nicht nur Mord, Vergewaltigung und andere Arten körperlicher Gewalt. Auch Manipulation, Ausgrenzung, das Verbreiten von Gerüchten und die Anstiftung zur Gewalt sind aggressive Handlungen, und hier haben es einige Frauen zu großer Meisterschaft gebracht. Diese Formen der Aggression wurden auch deshalb so lange übersehen, weil sie verdeckter ablaufen – und weil wir womöglich an die weibliche Tugendhaftigkeit glauben wollen. Ironischerweise kann gerade ihre mütterliche Natur die Frau zur aggressiven Kämpferin machen – als Ausdruck eines fürsorglichen Verhaltens.

Obwohl die beiden Gesichter Evas – das der fürsorglichen und jenes der kämpferischen Frau – ein Zeichen für die evolutionär begründete Sorge um Kinder sind, schienen sie lange unvereinbar. Wir stehen erst am Anfang der Erforschung von Evas dunkleren Seiten, dem Produkt einer subtil konstruierten weiblichen Psyche, die darauf ausgerichtet ist, die Vorteile aus aggressivem Verhalten zu ziehen und zugleich die damit verbundenen Risiken zu minimieren.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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