„Sie sehen gar nicht wie eine Feministin aus“

ein Interview mit Jessica Valenti

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Können Sie mir als Mann bitte erklären: Was ist Feminismus?

Ich halte mich gerne an die Lexikon-Definition. Danach ist Feminismus der Kampf für die wirtschaftliche, soziale und politische Gleichstellung der Frauen.

Ich hatte gehofft, Sie würden es sich nicht so einfach machen.

Mir gefällt diese Definition, weil es schwierig ist zu widersprechen. Denn: Wer würde das nicht wollen? Außerdem ist es wichtig, so einfach wie möglich über Feminismus zu sprechen, gerade weil der Begriff absichtlich so verfälscht und verwässert wurde.

Verfälscht und verwässert?

Sie haben ja auch zuerst gefragt, was Feminismus überhaupt ist. Niemand würde fragen: Was genau heißt das, dass du dich gegen Rassismus engagierst? Aber wenn es um Feminismus geht, scheinen die Menschen nicht zu verstehen, worum es geht. Dabei ist es so einfach.

Die Menschen verstehen es nicht? Oder doch eher die Männer?

Männer und Frauen gleichermaßen. Es gab eine enorme antifeministische Gegenreaktion. Dabei wurden vollkommen verrückte Stereotype über Feministinnen verbreitet. Und das hat die Menschen einfach verwirrt.

Welche Stereotypen meinen Sie?

Feministinnen hassen Männer, sind gegen Sex, hässlich und humorlos. Der Letzte nervt mich persönlich am meisten. Diese Stereotypen erfüllen eine strategische Aufgabe. Sie sind ein gutes Mittel, um junge Frauen vom Feminismus fernzuhalten. Wenn die Gesellschaft dir sagt, dass dein Wert als Frau darin besteht, gut auszusehen und von Männern gemocht zu werden, warum sollte man dann etwas gut finden, das mit dem Gegenteil verbunden wird?

Sie haben leicht reden. Sie sehen ja gut aus.

Oh, vielen Dank! Aber egal wie eine Frau aussieht, ich denke, jede Frau spürt, dass sie nach ihrem Aussehen beurteilt wird.

Was machen Sie denn, wenn Sie einen Mann kennenlernen?

Klar, der erste Eindruck hat immer mit dem Aussehen zu tun. Aber Frauen werden ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt. Sogar, nachdem man angefangen hat, miteinander zu sprechen. (lacht)

Was steckt hinter der antifeministischen Gegenreaktion?

In den 1960er und 1970er Jahren haben die Frauen bedeutende Fortschritte gemacht. Das hat eine Gegenbewegung der Medien und des konservativen Teils der Gesellschaft provoziert. Heute werden zwei Dinge über den Feminismus verbreitet: Entweder, er sei tot und vorbei, oder er sei zu dominant und überlagere alles andere. Ich frage mich, wie das beides gleichzeitig sein kann. Und: Wenn der Feminismus tot und vorbei ist, warum geben sich dann Leute so viel Mühe, ihn zu töten?

Und Ihre Antwort darauf ist?

Es geht um die Angst davor, Frauen mehr Zugang zur Macht zu gestatten. Männer denken wahrscheinlich, dass sie Macht abgeben und teilen müssen. Es macht auch denen Angst, die starr an alten Geschlechterbildern festhalten.

Warum sind sogar Frauen gegen Feminismus?

Weil sie auf die antifeministischen Stereotype reinfallen. Viele junge Frauen sehen, dass etwas getan werden muss. Aber ihnen wurde das Wort „Feministin“ so lange als etwas Negatives vermittelt, dass sie sich selbst nie so beschreiben würden. Viele machen feministische Arbeit, sie nennen es nur nicht so. Sie treten ein für freien Zugang zu Verhütungsmitteln, für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, gegen häusliche Gewalt. Das Wort „Feminismus“ zeigt den Frauen: Ihr seid nicht allein. Ich bekomme viele Mails von jungen Frauen, die meine Texte gelesen haben und schreiben: „Hey, cool, ich mach das doch auch, ich wusste gar nicht, dass ich auch eine Feministin bin!“

Cool ist Feminismus auch?

Feminismus ist cool, er macht dein Leben besser, auch den Alltag. Man trifft bessere Entscheidungen. Hat besseren Sex. Versteht besser, wogegen man kämpft und wie man am besten mit Widerständen umgeht. Man kann endlich aufhören zu glauben, man sei nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht hübsch genug.

Wirklich? Als Feministin hat man besseren Sex?

Ja. Man kann die Doppelmoral überwinden, nach der Frauen keinen Spaß am Sex haben sollen. Nach der man eine Schlampe ist, wenn man zu viel Sex hat. Oder prüde, wenn man zu wenig hat. Man erkennt, dass es um den eigenen Körper geht. Nicht darum, was andere erwarten.

Männer werden auch optisch beurteilt. Gut aussehende Männer verdienen bis zu einem Viertel mehr Geld als unattraktive.

Sexismus kann auch Männern schaden, keine Frage. Dieses ganze „sei kein Mädchen“ und „Männer weinen nicht“. Aber ich lese im US-Wahlkampf dauernd über das Dekolleté von Hillary Clinton oder ihre Frisur. Niemand spricht über Barack Obamas Anzug. Nur einmal wurde über John Edwards neuen 400-Dollar-Haarschnitt geredet. Und das war auch Sexismus, weil es der Versuch war, ihn zu verweiblichen. Nach dem Motto: „Schaut euch den Weichling an.“

Nervt es Sie, nach Ihrem Äußeren beurteilt zu werden?

Natürlich! Ich hab mich daran gewöhnt, aber es nervt trotzdem und ist so lächerlich. Und zwar egal, ob man wegen seines Aussehens negativ oder positiv beurteilt wird. Ich bekomme oft zu hören: „Hm, Sie sehen gar nicht aus wie eine Feministin.“ Das sollte wohl ein Kompliment sein.

Sie möchten nicht, dass jemand Ihnen sagt: „Sie sehen gut aus“?

Doch, jeder möchte gefallen. Es ist nur falsch, wenn man vom Aussehen auf die Cleverness, auf politische Ansichten, auf sonstige Fähigkeiten schließt.

Was ist das dringendste Problem feministischer Arbeit?

In den nächsten Jahren müssen wir uns auf die weibliche Sexualität konzentrieren. Es geht nicht nur um Schwangerschaft, Sex und Verhütung. Es geht um die Hoheit der Frauen über ihren eigenen Körper, ihre Sexualität. Und Armut ist ein wichtiges Problem. Viele der Armen in den USA sind Frauen, das wird ziemlich vernachlässigt.

Wo ist Feminismus schon erfolgreich?

Ich glaube nicht, dass man das so fragen kann. Eine Menge Leute fragen das und meinen damit: „Warum beharrst du so auf diesem Feminismus-Ding?“ Ein Richter in Nebraska hat kürzlich in einem Vergewaltigungs-Prozess verboten, das Wort „Vergewaltigung“ zu benutzen. Vor Gericht durfte die Frau dann, um zu beschreiben, was ihr angetan wurde, weder „Vergewaltigung“ noch „sexueller Angriff“ sagen, sie musste sagen: „Sex“. Solange es so was gibt, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Klingt nicht sehr optimistisch.

Ich bin sehr optimistisch. Auch wegen des Internets. So viele Blogs entstehen, Frauenorganisationen gehen online. So kann selbst eine junge Frau in einer Kleinstadt in Iowa online gehen und sehen, was sich im Feminismus tut.

Warum zeigt Ihr Buchcover einen nackten Frauenbauch?

Der nackte Bauch ist für mich ein traditionell sexistisches Bild, welches das Cover durch den Schriftzug „Feminism“ umdeutet. Frauenkörper werden schon lange dazu benutzt, alles und jeden zu verkaufen, jetzt eben etwas Gutes.

Werden Sie auch angegriffen?

Ja, nachdem ich bei der Talkshow The Colbert-Report aufgetreten bin, bekam ich ein paar hässliche Mails wegen meines Outfits. Vorgeworfen wurde mir, ich hätte einen nuttigen Rock getragen, zu viel Bein gezeigt, und warum ich unbedingt High Heels tragen muss. Zum Kotzen.

Aber Sie sind nicht beleidigt?

Es nutzt ja nichts. Die Leute wollen ja, dass man sich aufregt. Also ist es das Beste, einfach weiterzumachen. Und irgendwie scheine ich ja erfolgreich zu sein, wenn sich Leute über meine High Heels aufregen.

Werden Sie gerade zum Vorbild für junge Frauen?

Ich möchte viel lieber eine Art Übersetzerin für Feminismus werden als ein Vorbild. Ich möchte etwas, das auf den ersten Blick so sperrig scheint, einfach machen, zugänglich, unterhaltsam.

Sollen Frauen Frauen wählen?

Nein. Frauen sollten für Politiker stimmen, die Feministen sind. Nur weil jemand Eierstöcke hat, macht ihn das noch nicht zu einer guten Politikerin oder zu einer Feministin. Ich denke, es ist sehr gefährlich, für Frauen zu sein, bloß weil es Frauen sind. Das unterstellt, dass alle Frauen toll sind und großartige Dinge für die Gesellschaft leisten – und das ist natürlich lächerlich.

Also nicht Hillary Clinton, weil sie eine Frau ist?

Nein, man sollte sie wählen, wenn man ihre Politik gut findet. Gleichzeitig hat die Vorstellung einer ersten Präsidentin etwas sehr Verlockendes.

Auch Condoleezza Rice wäre eine Frau als Präsidentin.

Ja, aber für mich nicht ganz so verlockend.

Wollen Sie selbst in die Politik gehen?

Ich glaube, dafür ich bin zu offen, ehrlich und direkt.

Das Interview führte Dirk Schönlebe



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