Das letzte Tabu

Kaj Björkqvist

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Lange glaubte man, sexueller Missbrauch sei eine ausschließlich männliche Tat, mit Frauen oder Mädchen (und bisweilen Männern oder Jungen) als Opfer. Doch bereits im Laufe der 1980er Jahre entlarvten wissenschaftliche Studien diese Ansicht als Mythos. Als dann 1992 in London eine Konferenz zum Thema „Weiblicher sexueller Missbrauch“ abgehalten wurde, richtete das Radioprogramm „This Morning“ eine Hörer-Hotline zum Thema ein. An einem einzigen Tag gab es über 1.000 Anrufe. 90 Prozent der Betroffenen sagten, sie hätten vorher noch niemandem davon erzählt. Eine Studie bewies, dass Kindern, die ihren Bezugspersonen erzählten, sie seien von Frauen missbraucht worden, in 86 Prozent der Fälle nicht geglaubt wurde.


 Wie häufig ist der sexuelle Missbrauch durch weibliche Täter? Die Antwort hängt stark von der Definition ab. Die Forscher Fromuth und Burkhart fanden heraus, dass die Verbreitungsrate bei 582 befragten Collegestudenten, abhängig von der jeweiligen Definition des sexuellen Kindesmissbrauchs, zwischen vier und 24 Prozent schwankte. Eine weithin übliche Definition ist die „Ausbeutung eines Kindes zur Befriedigung eines Erwachsenen“. Das Wort Ausbeutung ist jedoch vieldeutig und beinhaltet eine große Bandbreite von Verhaltensweisen: das Entblößen von Genitalien, Streicheln, Voyeurismus, Exhibitionismus, Oralsex, vaginaler oder analer Geschlechtsverkehr. Zudem gibt es ein Altersproblem: Wenn das Kind erst fünf Jahre alt ist, fällt die Einstufung als Missbrauch nicht schwer. Doch was ist, wenn die Frau 20 ist und das Opfer 14-jährig? 


 Die amerikanische Sozialpsychologin Diana Russell hat zahlreiche Erlebnisberichte studiert und kommt zu dem Schluss, dass bis zu 27 Prozent der Jungen und bis zu zehn Prozent der Mädchen durch Frauen sexuell missbraucht wurden. Wie Hastings im Jahr 2000 feststellte, ist in den letzten 20 Jahren die Quote von Kindesmissbrauch durch Frauen enorm gestiegen. Jeder fünfte Missbrauch wird von einer Frau begangen. Dieser wird aber nur selten gemeldet. Männer nehmen im Unterschied zu Frauen sexuelle Erfahrungen als Minderjährige nicht unbedingt als Missbrauch wahr. Werden diese Erfahrungen als Teenager gemacht, können sie durchaus als sexuelle Initiation und nicht als Vergewaltigung empfunden werden. Auf der anderen Seite ist es für sie oft zu beschämend, sich anderen mitzuteilen, wenn sie beispielsweise von der eigenen Mutter oder einer anderen nahen Verwandten missbraucht wurden. 


 Auf Grundlage des gegenwärtigen Forschungsstandes lässt sich sagen, dass etwa 25 Prozent der Missbrauchsfälle von Frauen verübt werden. Warum ist es so schwer, dies zu akzeptieren? Der Grund ist wohl, dass dieses Verhalten in völligem Widerspruch zum allgemein verbreiteten Bild der Frau als Ernährerin, Versorgerin, Beschützerin steht, die sich mit all ihrer Kraft um die Kinder kümmert. Solche Taten scheinen vollkommen unnatürlich zu sein und allen Instinkten zuwiderzulaufen. Und doch sagte in einer Studie die Hälfte von 50 verurteilten Sexualstraftäterinnen aus, sie habe Vergnügen dabei empfunden, den Opfern Schmerz zuzufügen.


 Was sind die Hauptmerkmale weiblicher Täter? Noch gibt es zu wenig Studien, um darauf eine klare Antwort zu geben. Man vermutet, dass sie oft selbst als Kind sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt wurden. Häufig war ihre Kindheit von sozialer Isolation und Entfremdung geprägt. Altersgemäßes Sexualverhalten kann durch schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen oder auch durch eigene Eheprobleme verhindert werden. Die Täterinnen leiden zudem oft an fehlender Selbstkontrolle, Alkoholismus oder Psychosen. Die Gründe für weibliche Pädophilie dürften demnach ähnlich gelagert sein wie bei Männern.


 Eine verstörende Tatsache ist, dass die Täterinnen häufig als Kinderbetreuerinnen arbeiten. Viele Opfer berichten, sie seien während der Tagesbetreuung missbraucht worden. Allgemein können weibliche Sexualstraftäterinnen leichter als Männer in Vertrauenspositionen gelangen, in denen sie Autorität über Kinder haben. Rosencrans fand 1997 heraus, dass Mütter, die ihre Kinder missbrauchen, meist verheiratet und älter sind. In 49 Prozent der Fälle war der Missbrauch auch physisch gewalttätig. Die Folgen für die Opfer können schwerwiegend sein und zu sexueller Disorientierung führen. 


 Das Forschungsfeld des weiblichen Sexualmissbrauchs ist noch relativ jung. Alles deutet aber darauf hin, dass sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen weitaus häufi-ger vorkommt als früher angenommen. Bedenkt man die Folgen für die Opfer, so muss das Ganze als ein gravierendes Problem betrachtet werden, das zukünftig nicht unterschätzt werden sollte.

Aus dem Englischen von Ralf Oldenburg



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