Zum Anbeten: Frauen in den Weltreligionen

Gayatri Devi Sinha

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Die Größte aller hinduistischen Göttinnen hat 1.001 Namen. Einer ist „Neti Neti“, was soviel heißt wie „weder dieses, noch jenes“. Gleichzeitig ist sie aber auch „Sarvachitarupini“: die, die alles Leben gibt. Angebetet wird sie überall in Indien, als „Durga“, Göttin der Vollkommenheit, die auf einem Tiger reitet und manchmal mehr als vier Arme besitzt (ein Zeichen großer Kraft). Besonders stark wird sie als „Kali“, als schwarze Göttin, die für das Nichtige und Schlechte steht, aber als Herrscherin über die Zeit gilt. Durch ihre starken weiblichen Eigenschaften gilt sie vielen Gläubigen den männlichen Göttern überlegen. Sie vertritt das mütterliche Prinzip und wird gleichermaßen als Mutter Erde angesprochen. Von der heiligen Dreifaltigkeit der männlichen Götter Brahma, Vishnu und Shiva unterscheidet sie sich in ihrer einzigartigen Wandlungsfähigkeit und Immanenz. In der Bhagavatapurana, eine der wichtigsten Schriften für die Göttinnenverehrer, wird die Geschichte erzählt, wie Sati ihren Ehemann Shiva antreibt, dem gro-ßen Opferzeremoniell ihres Vaters Daksha beizuwohnen. Shiva aber weigert sich. Schließlich hat ihn Daksha nicht dazu eingeladen. Über die Zurückweisung ihres Ehemanns seitens ihres Vaters ist Sati so wütend, dass sie die Gestalt von zehn Göttinnen annimmt, um ihre göttliche Macht zu demonstrieren. Sie entfaltet sich in der ganzen Spannbreite weiblicher Erscheinungsformen: von der jungen und schönen Kamala bis zur alten Frau Dhumavati, die auf einer Krähe reitet. Auch die flatterhafte und böse Matangi ist darunter. Sie erscheint mit blutverschmiertem Mund. Auf diese Weise zeigt sie Shiva die Vielseitigkeit der weiblichen Natur. Allerdings sind alle diese Erscheinungsformen voneinander abhängig und bedingen sich. Der Mythos von Sati zeigt auch, wie sich die Göttin mit dem Land identifiziert. Und wie leicht es für ihre Verehrer ist, Zugang zu ihr zu finden. Enttäuscht von der väterlichen Ablehnung stürzt sich Sati in ein Feuer und verbrennt bei lebendigem Leibe. Von wahnsinniger Trauer erfüllt, trägt Shiva ihren Körper mit sich herum, bis Vishnu erscheint und Teile ihres Körpers abschneidet und über eine Landkarte Indiens verstreut. Jeder einzelne dieser Teile markiert einen der 51 heiligen Stätten der Göttin. Diese Tempelstätten werden immer noch häufig aufgesucht, um den Segen für Fruchtbarkeit und eine glückliche Ehe zu empfangen.



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