Die globale Frau

Saskia Sassen

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Die Rolle der Frau in internationalen ökonomischen Abläufen ist schon länger ein Thema der Forschung. Anfangs wollten Wissenschaftler bei der Erforschung der internationalen ökonomischen Entwicklung ein Gegengewicht zu der bis dahin beinahe ausschließlichen und zumeist impliziten Fokussierung auf die Rolle der Männer aufbauen.
Dann konzentrierte man sich auf die Kommerzialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft. Diese richtet sich heutzutage eher auf den Export und nicht mehr auf die Ernährung der einheimischen Bevölkerung, wie dies bei einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft der Fall war. Ausländische Unternehmen oder nationale Eliten investierten Kapital und der Einsatz bezahlter Arbeitskräfte wurde erforderlich. Diese neue Art der Landwirtschaft ist zum Teil vom Haushalt abhängig, also von der Arbeit der Frauen in der für die Selbstversorgung notwendigen Landwirtschaft, von der Zubereitung von Lebensmitteln, der Gesundheitspflege und der Herstellung von Kleidung. Gerade die „unsichtbare“ Arbeit der Frauen, die für den privaten Gebrauch Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter produzieren, trägt dazu bei, das extrem niedrige Lohnniveau in den – größtenteils auf die Exportmärkte ausgerichteten – kommerziellen Plantagen und Bergwerken zu ermöglichen, den „modernisierten“ Sektor zu finanzieren und die Lohnarbeit der Männer zu unterstützen.
In einem zweiten Forschungsstadium ging es um die Internationalisierung der Industrieproduktion und die Feminisierung des Proletariats, die damit einherging. Die Verlagerung industrieller Arbeitsplätze ins Ausland (offshoring), die unter dem Druck billiger Importe erfolgte, mobilisierte in den ärmeren Ländern ganz überwiegend weibliche Arbeitskräfte, die bis dahin weitgehend außerhalb der industriellen Ökonomie verblieben waren. So betrachtet, überkreuzt sich diese Analyse mit inner-nationalen Fragen, etwa mit der Frage, warum Frauen in gewissen Industriezweigen dominieren, namentlich in der Textilindustrie und in der Montage elektronischer Bauteile – ganz unabhängig vom Entwicklungsstand eines Landes. Aus der Perspektive der Weltwirtschaft betrachtet, ermöglichte die Entstehung eines feminisierten Offshore-Proletariats den Unternehmen, die mächtigen Gewerkschaften der Länder, aus denen das Kapital kam, zu umgehen, und wettbewerbsfähige Preise für die re-importierten Waren, die im Ausland hergestellt wurden, zu garantieren.
Es zeichnet sich jetzt ein drittes Stadium der Forschung über Frauen und die globale Ökonomie ab: anhand von Vorgängen, die gewisse Transformationen der geschlechtsspezfischen Rollenzuweisung (Gendering) in der Wirtschaft, in den Selbstwahrnehmungen der Frauen und in den Vorstellungen der Frauen über ihre Zugehörigkeit betonen. Die neue feministische Forschung über Immigrantinnen untersucht beispielsweise, wie die internationale Migration die Gender-Strukturen verändert und wie die Enstehung transnationaler Haushalte Frauen mehr Macht verleiht, nicht allein, weil sie über ein eigenes Einkommen verfügen, sondern auch, weil ältere patriarchale Kulturen ihrer Herkunftsländer sich allmählich auflösen können, wenn die Männer nicht länger über ihre typischen „Männer-Milieus“ (etwa die Eckkneipe, das Fußballspiel am Sonntag) verfügen. Es gibt eine weitere wichtige neue Forschungsrichtung, die auf neue Formen grenzüberschreitender Solidarität, auf Zugehörigkeitserfahrungen und auf die Enstehung von Identitäten ausgerichtet ist. All diese Vorgänge lassen neue Selbstwahrnehmungen – einschließlich feministischer – erkennbar werden. Frauen beginnen sich selbst als Trägerinnen von Rechten zu erfahren – ganz unabhängig davon, was der Staat oder ihre Ehemänner und Väter sagen.

Einer dieser Schauplätze, an dem diese Art der geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen, die ich „strategisches Gendering“ nenne, sichtbar wird, ist die globale Stadt. Es geht über die bekannteren Aspekte des Genderings hinaus: etwa darüber, dass Frauen für dieselbe Arbeit geringere Löhne als Männer erhalten oder das für „frauentypische“ Jobs geringere Durchschnittslöhne gezahlt werden als für „männertypische“ Jobs. Die globalen Städte stellen eine entscheidende Infrastruktur für die spezialisierten Dienstleistungen, die Finanzierung und das Management globaler Wirtschaftsprozesse dar.
Damit alle entscheidenden Komponenten dieser Infrastruktur wie am Schnürchen funktionieren, werden viele qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. In der Produktionssphäre globaler Unternehmen wird das Gendering besonders bei der Vermittlungstätigkeit zwischen unterschiedlichen Kulturen (cultural brokering) zu einem strategischen Vorteil, wenn sich gewisse Branchen, Länder oder die Welt der Konsumenten aufgrund der Globalisierung der Aktivitäten eines Unternehmens oder eines Marktes gegenüber neuen Arten von Geschäften, Praktiken und Normen öffnen müssen. Qualifizierte Frauen, so nimmt man an, können gut über ausgeprägte kulturelle Grenzen und Unterschiede hinweg Vertrauen aufbauen, gerade bei denjenigen, die neuen globalen Bedingungen und Zwängen unterworfen sind – vielleicht deshalb, weil sie als Frauen (wenigstens in gewisser Hinsicht) als verletzlich gelten. Die vertrauensstiftende Funktion der Frauen zeigte sich selbst bei Firmen der Wall Street, die traditionelle Investoren zu überzeugen versuchten, sich für neuartige Finanzinstrumente zu entscheiden.
In der Sphäre der sozialen Reproduktion werden Frauen in der globalen Stadt strategisch eingesetzt, um dem Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften nachzukommen. Einerseits gibt es immer mehr Frauen in hochqualifizierten Berufen, und andererseits bevorzugen sowohl die männlichen als auch die weiblichen hochqualifizierten Arbeitskräfte angesichts ihrer langen Arbeitszeiten und ihrer anspruchs- und verantwortungsvollen Arbeit, in der Stadt zu leben.
Die übliche Weise der Haushaltsführung und die üblichen Lebensstile sind für solche Arbeitskräfte inadäquat, und so steigt in den Städten die Zahl von „Haushalten ohne ‚Hausfrau’“ – wie ich sie gerne nenne – heftig an. So wie hochqualifizierte Arbeitskräfte für die Infrastruktur globalisierter Branchen entscheidend sind und wie am Schnürchen funktionieren müssen, müssen aber auch ihre Haushalte wie am Schnürchen funktionieren. Hausarbeit wird zu einer unentbehrlichen Infrastruktur, und Haushaltsangestellte, die die Aufgaben der „Hausfrau“ erfüllen und die sicherstellen, dass in diesen Haushalten alles funktioniert, werden unentbehrlich.
Als eine Konsequenz daraus erleben wir derzeit die Rückkehr der sogenannten Dienstbotenklasse in den globalen Städten überall auf der Welt. Diese Klasse besteht weitgehend aus Migrantinnen und Immigrantinnen. Die miserablen Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung dieser Haushaltsangestellten und ihre in vielerlei Hinsicht schutzlos-exponierte Situation sind eine Tatsache. Die Art und Weise, in der diese Frauen in globalisierte Branchen einbezogen werden, lässt ihre entscheidende Rolle unsichtbar werden. Dies hat sowohl mit der Art ihrer Tätigkeit zu tun – dass es Hausarbeit ist, die nur selten als strategisch bedeutsam oder als wesentlich betrachtet wird – als auch mit dem Typus dieser Arbeitskräfte – Immigrantinnen oder Bürgerinnen aus ethnischen Minderheiten. Beide Faktoren tragen dazu bei, ihre strategische Rolle in der globalen Informationsökonomie zu verschleiern. Und sie tragen dazu bei, den geschichtlichen Nexus zwischen der Tatsache, in Wachstumsbranchen beschäftigt zu sein, und der Chance, zu Arbeitspositionen mit größeren Kompetenzen aufzusteigen, zerbrechen zu lassen – im Gegensatz zu dem, was historisch betrachtet, in den industrialisierten Ökonomien der Fall war.

Der zweite Schauplatz, den ich betrachten möchte, ist die alternative politische Ökonomie. Sie ergibt sich aus einer Mischung größerer globaler Trends, die in vielen der krisengeschüttelten unterentwickelten Ländern anschaulich werden. Es geht mir hier vor allem um den „globalen Süden“ und den Aspekt der Feminisierung des Überlebens. Hier entstehen alternative Überlebenskreisläufe für Individuen, Unternehmen und Regierungen.
Schulden und Probleme, diese Schulden zu bedienen, sind seit den 1980er Jahren zu einer systemischen Eigentümlichkeit der Entwicklungsländer geworden. Strukturanpassungsprogramme wurden für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu einer neuen Norm, da sie langfristiges Wachstum und eine solide Regierungspolitik auf den Weg zu bringen schienen. Doch all diese Länder blieben heftig verschuldet. Die Absicht solcher Programme war und ist es, die Staaten durch einschneidende Kürzungen in verschiedenen Sozialprogrammen „wettbewerbsfähiger“ zu machen. Bis zum Jahr 1990 wurden beinahe 200 solcher Kreditprogramme aufgelegt. Die Auswirkungen auf die Frauen und auf die Feminisierung des Überlebens ergeben sich durch die besonderen Eigenschaften dieser Schulden, dazu zählen Kürzungen in speziellen Regierungsprogrammen, die über lange Zeit hinweg für Frauen und Kinder entscheidend waren: im Gesundheits-, Bildungs- und Wohlfahrtssystem. Außerdem hat nicht nur die Arbeitslosigkeit der Frauen, sondern auch die der Männer den Druck auf die Frauen steigen lassen. Sie mussten Wege finden, das Überleben des ganzen Haushalts sicherzustellen und die Kosten der Arbeitslosigkeit der Männer abzufedern.
Unter diesen Bedingungen sind die Produktion überlebensnotwendiger Nahrungsmittel, informelle Arbeit, Emigration und Prostitution zu Überlebensoptionen für die Frauen und – im weiteren Sinne – auch für ihre Haushalte geworden. Außerdem tragen die Frauen durch diese Überlebensoptionen zu den Einkünften ihrer Regierungen bei, und sie verschaffen den Unternehmen „Geschäftsoptionen“, indem sie illegale Handelsnetzwerke betreiben. Die starke Staatsverschuldung und eine schrumpfende reguläre Ökonomie haben in einer wachsenden Zahl armer Länder – seitens der Regierungen und der Unternehmen – eine sich ausweitende Abhängigkeit von illegalem Gewinnstreben mit sich gebracht. Daher können wir sagen, dass die Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und IWF, indem sie zu den drückenden Schuldenlasten beitrugen, eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Gegen-Geografien des Überlebens, des Gewinnstrebens und der Steigerung der Staatseinkünfte gespielt haben. Ein Indiz für das Unvermögen dieser Anpassungsprogramme, das zu leisten, was sie leisten sollten, zeigt sich in der Tatsache, dass Anfang 2006 die führenden Industrienationen offiziell dafür stimmten, den 18 ärmsten Ländern ihre Schulden zu erlassen, und vorschlugen, diesen Schuldenerlass auf mehrere andere arme Länder auszudehnen.
Weiterhin hat die ökonomische Globalisierung eine institutionelle Infrastruktur für grenzüberschreitende Finanzströme und globale Märkte bereitgestellt, welche die Aktivität dieser Gegen-Geografien auf globalem Maßstab ermöglichten. Sobald es eine institutionelle Infrastruktur für die Globalisierung gibt, können andere Vorgänge, die im Wesentlichen auf nationalem oder regionalem Niveau abliefen, auf das globale Niveau gehoben werden. Zu diesen Vorgängen gehören die Netzwerke des Frauenhandels für die Sexindustrie, die im Wesentlichen national oder regional waren und jetzt global werden können.
Dies ist der Kontext, in dem seit den 1990er Jahren alternative Überlebenskreisläufe entstanden. Dieser Kontext kann als eine systemische Gegebenheit beschrieben werden, die sich durch hohe Arbeitslosigkeit, eine drastische Zunahme der Armut, zahlreiche Konkurse kleiner und mittlerer lokaler Betriebe und schrumpfende staatliche Ressourcen auszeichnet dies ergab sich aus dem Anwachsen der Staatsschulden, wodurch immer geringere Ressourcen für die Befriedigung sozialer Bedürfnisse aufgebracht werden konnten. So hat sich die Feminisierung des Überlebens über die Privathaushalte hinaus auf Unternehmen und Regierungen ausgeweitet. Es gibt jetzt neue Möglichkeiten des Gewinnstrebens und neue Möglichkeiten, nach denen die Regierungen Einkünfte erzielen können, die sich auf die Migranten und insbesondere auf die Migrantinnen stützen.
Besonders am Geldtransfer der Immigranten und Immigrantinnen in ihre Herkunftsländer lässt sich die Entstehung einer alternativen politischen Ökonomie ablesen, die ältere Vorstellungen einer internationalen Arbeitsteilung erschüttert und eine Ressource des Überlebens darstellt. Immigrantinnen treten durch das Geld, das sie nach Hause schicken, auf dem Makro-Niveau der Entwicklungsstrategien in Erscheinung – Frauen, die zu Objekten des Frauenhandels wurden, sogar auf zweierlei Weise: durch das Geld, das sie nach Hause überweisen und durch die Gewinne der „Frauenhändler“. Wenn diese Geldströme im Vergleich zu den riesigen täglichen Kapitalströmen der globalen Finanzmärkte eher gering sein dürften, können sie für die sich entwickelnden oder ums Überleben kämpfenden Ökonomien eine gewaltige Rolle spielen. Die Überweisungen in die Herkunftsländer sind in einer ganzen Zahl von Ländern eine wichtige Ressource für die Devisenreserven der Regierungen. Die Weltbank veranschlagte 2006 die weltweiten Überweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer auf 230 Milliarden Dollar – gegenüber 70 Milliarden Dollar im Jahr 1998 von diesem Gesamtbetrag gingen 168 Milliarden Dollar in Entwicklungsländer – 73 Prozent mehr als im Jahr 2001.

Ein Beispiel dafür sind die Philippinen – das Land mit dem am weitesten entwickelten Programm für den Export von Arbeitskräften. Die Regierung der Philippinen hat bei der Emigration von Filipino-Frauen in die USA, in den Nahen Osten und nach Japan eine wesentliche Rolle gespielt, und zwar durch die Philippines Overseas Employment Administration (POEA). Sie wurde 1982 gegründet und organisierte und kontrollierte den Export von Krankenschwestern und Haushaltshilfen. Die Regierung der Philippinen verabschiedete ihrerseits Regelungen, die es Agenturen für „Bräute auf Bestellung“ erlaubten, junge Filipinas auf der Basis vertraglicher Vereinbarungen als Ehefrauen für ausländische Männer zu rekrutieren. Die wesentliche Bedingung dafür, dass Familien ihre Töchter gehen ließen oder sie verkauften, war die hoffnungslose ökonomische Situation. In den letzten Jahren haben die Filipinos, die in Übersee arbeiten, im Durchschnitt fast eine Milliarde Dollar nach Hause überwiesen. Doch unter der Regierung von Corazón Aquino führten ab 1989 die Berichte über Missbrauch durch ausländische Ehemänner dazu, dass das „Braut-auf-Bestellung“-Gewerbe untersagt wurde. Jedoch ist es beinahe unmöglich, diese Organisationen zu beseitigen, und sie sind – unter Umgehung der Gesetze – weiterhin tätig. Die größte Zahl der Filipinas, die durch diese Programme ins Ausland verschickt wurden, arbeitet als Haushaltshilfen, insbesondere in anderen asiatischen Ländern. Die zweitgrößte Gruppe stellen die „Entertainerinnen“ dar, die ursprünglich weitgehend nach Japan gingen, heute aber in eine wachsende Zahl von Ländern „exportiert“ werden, oder von Menschenhändlern dorthin verkauft werden. Die rapide ansteigende Zahl der Migrantinnen, die als „Entertainerinnen“ ins Ausland gehen, verdankt sich weitgehend den mehr als 500 „Entertainment-Maklern“, die auf den Philippinen ohne staatliche Billigung arbeiten. Die Arbeit dieser „Makler“ besteht darin, Frauen für die Sex-Industrie – vor allem in Japan –
herbeizuschaffen, wobei diese Industrie im Wesentlichen durch organisierte Gangs aufrechterhalten und kontrolliert wird, und weniger durch das von der Regierung kontrollierte Programm für die Einreise von „Entertainerinnen“.

Um zu ermitteln, ob die heutige Weltwirtschaft, die auf der Finanzbranche und auf spezialisierten Dienstleistungen basiert, tatsächlich Fälle strategischen Genderings einschließt, dürfen wir die Beschreibung der Globalisierung nicht auf die Hypermobilität des Kapitals und die Dominanz der Informationsökonomien beschränken. Wir müssen vielmehr der Tatsache gerecht werden, dass auch bestimmte Arten von Orten und Arbeitsabläufen Teil der ökonomischen Globalisierung sind. Dieser Aufsatz konzentrierte sich auf drei konkrete Gegebenheiten: Die eine ist die Globalisierung von meist älteren überlebensnotwendigen und gewinnbringenden Aktivitäten, die heute dazu beitragen, ein globales Angebot von niedrig bezahlten weiblichen Arbeitskräften für einen wachsenden Bereich von Arbeiten bereitzustellen, die – historisch gesehen – als Frauenarbeiten konstruiert wurden, wie Dienstleistungen und Hausarbeit. Niedrig bezahlte Arbeitskräfte werden in die führenden Branchen integriert, aber dies geschieht unter Bedingungen, die sie unsichtbar werden lassen dies untergräbt das, was historisch gesehen, eine Quelle für die Ansprüche der Arbeiter darstellte: dass sie nämlich in Wachstumsbranchen beschäftigt waren.
Dazu kommt die Feminisierung des Arbeitskräfte-Angebots durch die im „globalen Norden“ wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften im Dienstleistungssektor im weitesten Sinne, nach Kindermädchen, Haushaltshilfen, Reinigungskräften, Restaurantarbeitern, Krankenschwestern und Sexarbeiterinnen. Dies trug seit den 1980er Jahren zu einer schroffen Neuausrichtung der Nachfrage nach Arbeitskräften bei. In den globalen Städten, die für das globale Großunternehmens-Kapital strategisch entscheidende Schauplätze darstellen, sind diese Dynamiken besonders deutlich zu erkennen.
Die dritte Gegebenheit besteht in der steigenden Nachfrage nach Frauen in „Grenzgebieten“ auf hohem Qualifika-tionsniveau: in Branchen der globalisierten Ökonomie, in denen man andere dazu bringen muss, gänzlich neue Auffassungen zu akzeptieren, was in der Ökonomie wünschenswert ist, aber auch zunehmend in den internationalen Beziehungen und in der Außenpolitik, da die Politik immer globaler wird und sich gänzlich neuartigen Problemen gegenübersieht. Hier sehen wir die Frau auf höchstem Qualifikationsniveau als Vermittlerin, als Schlichterin, als jemand, der die Akteure auf neuartige Weise zusammenbringen kann. Beispiele dafür sind die große Koalition von Angela Merkel und die führenden weiblichen Spitzenmanagerinnen, die meist in nicht-traditionellen Branchen arbeiten.
Die zunehmende Verelendung von Regierungen und ganzen Ökonomien im „globalen Süden“, die zu guten Teilen den Politiken der Globalisierung zu verdanken ist, hat die starke Zunahme von überlebensnotwendigen und gewinnbringenden Aktivitäten ermöglicht, welche die Migration von Frauen und den kriminellen „Handel“ mit Frauen einschließen. Eine wachsende Zahl von Menschenhändlern und Schmugglern beutet Frauen aus, um zu Geld zu kommen, und viele Regierungen sind in zunehmend stärkerem Maße von dem Geld abhängig, das diese Frauen nach Hause überweisen. Diese Überlebenskreisläufe sind häufig komplex, sie umfassen verschiedene Schauplätze und verschiedene Sets von Akteuren, die immer globalere Ketten von „Händlern“ und „Arbeitern“ konstituieren.
Und dennoch lässt eine Analyse, die diese Prozesse im Lichte des strategischen Genderings betrachtet (und nicht nur den Opferstatus der Frauen betont), die Tatsache ins Blickfeld treten, dass Frauen als entscheidende Akteure in neuen und expandierenden Arten der Ökonomie in Erscheinung treten. Gerade durch diese angeblich recht „geringwertigen“ ökonomischen Akteure sind entscheidende Komponenten dieser neuen Wirtschaftssysteme aufgebaut worden.
Die Globalisierung spielt hier in zweierlei Hinsicht eine besondere Rolle, indem sie Verknüpfungen zwischen den Herkunfts- und den Aufnahmeländern entstehen lässt und indem sie lokalen und regionalen Praktiken ermöglicht, einen globalen Maßstab anzunehmen. Die Rolle der Frauen als ausgebeutete Arbeitskräfte in diesen Überlebenskreisläufen und in den niedrig bezahlten Jobs der globalen Städte trägt den Keim zur Politik der Veränderung in sich. Aber um diese Möglichkeiten herauszuarbeiten und zu verwirklichen, muss man das Gendering in diesen Kreisläufen und in diesen Städten als ein strategisches anerkennen. Entscheidend ist, dass die Machtlosigkeit dieser Frauen komplex und in diesem Sinne politisch ist. Die Formen von politischen Maßnahmen werden je nach Land, Branche und Regierung stark variieren. Es muss hier viel Arbeit geleistet werden. Der erste Schritt wäre, anzuerkennen, dass geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen strategisch sein können – doch dieser erste Schritt umfasst bereits eine Politik.

Aus dem Englischen von Johannes Gramm



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