Lichtschutzfaktor

von Risdel Kasasira

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Millionen Menschen in Uganda sind momentan gezwungen, mit Holzkohle zu kochen und Kerzen anzuzünden, um abends ihre Wohnungen zu beleuchten. Denn eine fünf Jahre dauernde Dürre hat die Wasserpegel in zwei der wichtigsten Stauseen des Nils so stark gesenkt, dass die zwei Hauptdämme Nalubale und Kiira bei den Wasserfällen von Jinja’s Owen nur noch halb so viel Strom produzieren können. Weil die Wasserkraftwerke Ugandas wichtigste Energielieferanten sind, prägt eine Energiekrise das gesellschaftliche Leben: Unternehmen mussten schließen oder sich unter schwierigen Bedingungen durchschlagen, viele Leute verloren ihre Arbeit, während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten immens anstiegen. Zwischen September und Dezember 2006 musste der Staat Steuereinbußen von über zehn Milliarden Uganda-Schilling (etwa 50 Millionen Euro) verkraften, weil die Produktion in der Textilindustrie zurückgefahren wurde.

Um das Land ausreichend mit Strom zu versorgen, werden 380 Megawatt benötigt, etwa dreimal so viel, wie derzeit erzeugt werden kann. Mittlerweile gehört es daher zum Alltag, dass der Strom gekappt wird. Dreißig Stunden komplette Dunkelheit die Woche sind die Norm – dies spart 140 Megawatt. 

Als unmittelbare Folge dieser Krise hat die Regierung Initiativen ins Leben gerufen, um in den nächsten drei Jahren 20 bis 30 Megawatt einzusparen. Zudem wird die Nutzung von alternativen Energieformen gefördert, wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum – bis der von der Weltbank gesponsorte Bujagali Wasserkraftdamm 2009 fertig gestellt ist. Kabagambe Kaliisa, Staatssekretär im Energieministerium, glaubt, dass sich der Energiehaushalt stabilisiert, wenn man stärker auf Wärmeenergie setzt, auf Leuchtstofflampen umsteigt oder Wohnungen und Büros nur nachts beleuchtet. So wurden letztes Jahr 800.000 Energiesparlampen aus Deutschland importiert, von denen die Hälfte kostenlos an private Haushalte wie auch an Klein- und Großunternehmen in der Hauptstadt Kampala verteilt wurde. Erweist sich dieses Pilotprojekt als erfolgreich, sollen mehr Lampen importiert und auch das Landesinnere beliefert werden. Der Staatsminister für Energie Simon D’Ujang rät zudem, Kleidung nicht im trockenen, sondern im feuchten Zustand zu bügeln: Der Energieverbrauch sei geringer. „Wir befinden uns in einer heiklen Situation“, sagt D’Ujang, „und müssen sparen, wo es nur geht.“ Das Ministerium verteilt in den Straßen von Kampala Broschüren und Flyer mit Tipps zum vernünftigen Umgang mit Strom, wie etwa den Kühlschrank nicht gleichzeitig mit dem Radio oder Fernseher einzuschalten.

Die Regierung bekämpft ebenfalls den Energieverlust während der Stromerzeugung und -verteilung, der durch illegales Anzapfen und veraltete Geräte entsteht. „Wir gehen gegen die Stromdiebe vor und ersetzen alte Stromwandler und Kabel. So konnten wir den Stromverlust im letzten Jahr von 31 auf 22 Prozent senken“, sagt Kabagambe. Das Versorgungswerk Umene hat vor zwei Jahren begonnen, Hoch- und Niedrigspannungsleitungen sowie Strommaste und -wandler zu zählen und den Zustand der Geräte zu ermitteln, um künftige Verluste zu vermeiden. Man habe bereits 60 Prozent des Bestandes erfasst, sagt William Tumwine von Umene. Nach Angaben von Shoka Energy Uganda Ltd., einem Beratungsunternehmen für Energiefragen, kostet die Überwachung und Erneuerung des Stromnetzes die Regierung über 20 Millionen Dollar. Godfrey Kasibante, Vorsitzender der Verbrauchervereinigung in Uganda, befürchtet daher, dass Kosten für die Instandsetzung des nationalen Stromnetzes auf die Strompreise umgewälzt werden könnten. Diese Befürchtung teilt D’Ujang nicht, denn die Projekte würden von der Weltbank subventioniert.

Im Juli 2007 verkündete Energieminister Daudi Migereko, dass die Regierung ein Energieeinsparungsgesetz durchsetzen wolle, um die Bürger zur Befolgung der empfohlenen Maßnahmen zu verpflichten. Ein solches Gesetz betrachten viele jedoch als einen Verstoß gegen die Menschenrechte. Kasibante fragt: „Mit welchem Recht will mir jemand vorschreiben, wann ich den Fernseher ein- oder ausschalte?“ Der Vorstoß der Regierung sei von Grund auf falsch und zeige lediglich, dass die Regierung im Energiemanagement versagt habe.

Eine andere Maßnahme, um den Stromverbrauch zu senken, war die Einführung eines neuen Holzkohleofens zum Preis von sechs Dollar. „Der Ofen ist mit Lehm beschichtet und leitet dadurch Wärme nicht ab“, erklärt James Baanabe, der stellvertretende Beauftragte für Energieeffizienz. Rhodah Mutatina, Bewohnerin eines Vorortes von Kampala, spart dank des neuen Ofens bis zu 60 Prozent der bisherigen Kosten. „Früher habe ich alle zwei Wochen einen Sack Kohle gekauft. Heute hingegen reicht ein Sack für einen ganzen Monat.“ Nach Angaben des statistischen Amtes werden 70 Prozent der Energie im Land auf der Basis von Holzbrennstoffen hergestellt. Holzkohle wird vor allem in den Großstädten oder als Brennholz in ländlichen Gegenden verwertet.

Durch solche Sparkampagnen und durch die ständig steigenden Strompreise mussten viele Menschen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Im Landesinneren und in den westlichen Provinzen von Uganda, wie zum Beispiel in Bushenyi oder Kabale, wo wegen des Ausbaus der Farmen viel Wald abgeforstet wurde, nutzen Leute auch Bioabfälle, um ihre Öfen zu heizen. Eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts Prime Services im Mai 2007 ergab, dass 30 Prozent der in Kampala Befragten sich inzwischen einen anderen Arbeits- und Schlafrhythmus angeeignet haben. Hiervon sind vor allem diejenigen betroffen, die außerhalb der Industriegebiete wohnen. Denn nur die großen Industrien werden tagsüber mit Strom beliefert. So sind immer mehr kleine Unternehmen gezwungen, nachts zu arbeiten.

Uganda setzt jetzt vermehrt auf die Erkundung von Gas- und Erdölquellen im Westen des Landes. Ab 2009 sollen täglich Kohlenwasserstoff im Wert von 134.000 Dollar und 4.000 Barrel Öl produziert und damit weitere 50 Megawatt abgedeckt werden. Auch soll die Umsetzung von Biomasse gefördert und professionalisiert werden. Weiter gehört Uganda zu den sonnenreichen Gebieten der Welt mit einer täglichen Sonneneinstrahlung von etwa vier bis fünf Kilowattstunden pro Quadratmeter. Unternehmen, die über Solarbatterien verfügen, bieten ihre Dienste nun verstärkt in ländlichen Gegenden an, um dort den Ausfall der Regierungsinitiativen zur Elektrifizierung zu kompensieren.

Andere afrikanische Länder haben schon auf erfolgreichere Stromversorgungsmodelle umgestellt. In Ruanda oder Tansania wurde eine Stromkarte eingeführt, die ähnlich wie eine Telefonkarte funktioniert. Der Strom wird automatisch abgestellt, sobald die im Voraus bezahlten Einheiten verbraucht sind. In Uganda hingegen lesen die Anbieterfirmen den Verbrauch direkt am Stromkasten ab. Weil der Zählerstand oft manipuliert wird, muss die Regierung Verluste hinnehmen.Wie Dave Munangari, Angestellter der tansanischen Botschaft in Uganda, berichtet, wurden erstmalig 1997 in seiner Heimat Maßnahmen zum Einsparen von Energie eingeführt. Zunächst durfte jeder Haushalt nur eine bestimmte Zahl von Glühbirnen verwenden.

Wie Uganda heute, hatte Tansania damals Millionen von Energiesparlampen aus den USA und Großbritannien importiert. Die Lage stabilisierte sich aber erst, als man zusätzlich Gas einführte. In Uganda hat sich die Bevölkerung bisher für den Einsatz von Sparlampen und den neuen Holzkohleöfen offen gezeigt, denn diese Innovationen sind billig anzuschaffen und sparen gleichzeitig Kosten. Aber nur wenn auch andere Maßnahmen Erfolg zeigen und andere Energiequellen aufgedeckt werden, wird Uganda seine Energieversorgung auf Dauer sichern können. Denn bereits 2025 wird das Land schätzungsweise 2000 Megawatt Strom brauchen. 

Aus dem Englischen von Evi Chantzi



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