Musik aus Island: Das sonderbar Schöne

von Katharina Troch

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Ein quirliges, exzentrisches Energiebündel, mit heller, kindlicher Stimme. Zunächst mit der Band Sugarcubes, bald aber solo, sang und performte sie in die Welt hinaus und weckte Neugier auf den Inselstaat.Über zehn Jahre später gibt es eine vielfältige isländische Musikszene, die über die Plattform Icelandic Music Export (IMX) von der Regierung unterstützt wird. Es sind nicht die typischen Rockstars, sondern Juwelen des Musikgeschäfts, Raritäten in ihren Genres. Die Posthippies Gus Gus um den DJ President Bongo tragen ihre House-Arrangements in die Clubs der internationalen Metropolen. Mugison macht sich einen Namen als Sänger und Songwriter. Ein alter Seefahrer namens Steindór Andersen präsentiert die isländische Epikdichtung Rimur, lässt sie mit Elektrobeats untermalen und tourt mit jungen Musikern durch die Welt. Mindestens so bekannt wie Björk, nur noch erfolgreicher, ist mittlerweile die vierköpfige Band Sigur Rós.

Der Gruppe um Sänger Jón þór Birgisson ist es mehr als jedem isländischen Politiker gelungen, die Insel in den Blick der Welt zu rücken. Die Musiker füllen die großen Konzerthallen der Metropolen und tourten bereits mit der englischen Rockband Radiohead. Sie sind beliebt und werden verehrt, ohne dass die Mädels reihenweise in Ohmacht kippen, wie bei der Band Mando Diao aus Schweden. Die Bandmitglieder von Sigur Rós sind ein bisschen blass, ein wenig schüchtern und damit ungeeignet als Motiv für Teenie-Poster. Ihre Musikvideos und CD-Booklets hingegen sind kleine Kunstwerke, die Texte eine Art Lautpoesie, da die Band in einer selbst erfundenen Sprache singt. Die Musik von Sigur Rós ist eine Insel, ausgedrückt in Melodien.

Mit einer klassischen Besetzung (Gitarren, Bass, Schlagzeug, Keyboard) und der eigentümlich hellen und zerbrechlichen Stimme von Birgisson macht Sigur Rós unkonventionelle Rockmusik, mal laut und energetisch, doch meistens sphärisch und ruhig. Oft werden die Musiker von dem Streichquartett Amiina unterstützt. Ihre Arrangements können bis zu sieben Minuten lang sein. Eine künstlerische Eigenart der Band, die sogar einen Auftritt in der David Letterman Show verhinderte. Im November 2007 erschien der Film Heima („Heimat“), ein außergewöhnlicher Film, der die Schönheit Islands mit der Musik von Sigur Rós verbindet. Schon jetzt wird er als einer der größten Musikfilme aller Zeiten gehandelt. Die Band lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihr Land liebt. Wenn man Stücke wie Hoppípolla („Pfützenspringen“), Glósóli („Frohnatur“), Flugufrelsarinn („Fliegender Retter“) oder Hafssól („Meeressonne“) hört, dann springt dieser Funke über, und man möchte auch dorthin. Diese Ruhe und Gelassenheit spüren, die Weite der Landschaft mit eigenen Augen betrachten und ihre Menschen kennenlernen. Und tatsächlich: Es wird behauptet, dass die Buchungszahlen im isländischen Tourismus immer dann ansteigen, wenn Sigur Rós gerade mal wieder auf Tour war.



Ähnliche Artikel

Ich und die Technik (Thema: Technik )

Wer glaubt noch an Autoritäten?

von Ethan Zuckerman

Das Vertrauen in demokratische Institutionen ist tief erschüttert. Wie digitale Technik die Demokratie retten kann

mehr


Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Thema: Erfindungen)

Das Elektro-Flugzeug

von Harry Valentine

Ökologisch, praktisch, gut: Wie wir künftig kurze Strecken fliegen

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

Ich kann etwas, was du nicht kannst

von Don Tapscott

Zum ersten Mal in der Geschichte beherrscht die junge Generation eine Kulturtechnik, die sie nicht von ihren Eltern gelernt hat

mehr


Oben (Thema: Berge)

Fremd und fern, eisig und leuchtend

von Esther Kinsky

Was uns Berge erzählen. Eine Wanderung durch die Gebirgslandschaft des Kanin im italienischen Friaul

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Editorial)

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr


Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

Die ersten Bilder

von Carole Peterson

Warum manche Kindheitserlebnisse im Gedächtnis bleiben und andere verschwinden 

mehr