Als Dhaka erwachte

von Claudia Kotte

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Bangladesch ist auf der literarischen Landkarte ein weißer Fleck. In Tahmima Anams Roman „Zeit der Verheißungen“ ist es das östliche der zwei Hörner, die auf der Landkarte links und rechts an Indien kleben, nachdem das Land 1947 geteilt wurde. Das heutige Bangladesch unterstand bis zum Unabhängigkeitskrieg 1971 der westpakistanischen Regierung in Karachi. Die beiden Teile trennten nicht nur Tausende Kilometer indischer Boden, sondern auch Kultur und Sprache. Im überwiegend muslimischen Westpakistan sprach man Urdu, im überwiegend von Hindus bewohnten Ostpakistan Bengali.

Welch zerrissene Identitäten diese Konstellation hervorbringt und wie tragisch sich Loyalitäten in Zeiten von Bürgerkrieg verschieben, das schildert „Zeit der Verheißungen“ auf eindrucksvolle Weise. Seine Hauptfigur ist Rehana Haque, eine muslimische Witwe in Dhaka. Aus einer verarmten aristokratischen Familie in Kalkutta stammend, steht sie nach dem Tod ihres Mannes völlig mittellos da, sogar ihre beiden Kinder musste sie abgeben an den kinderlosen Schwager im fernen Lahore.

Im März 1971 – die Kinder Maya und Sohail sind inzwischen 17 und 19 und wohnen wieder bei ihrer Mutter – spricht alles für einen Regimewechsel. Der bengalische Oppositionsführer Scheich Mujib hat die Wahlen gewonnen, doch Westpakistan erkennt das Ergebnis nicht an, und ein blutiger Bürgerkrieg beginnt. Rehanas Kinder engagieren sich umgehend in der Widerstandsbewegung und begeistern auch ihre Mutter für die Sache. Ihr Haus wird zum Waffendepot der Untergrundkämpfer, zum Hauptquartier der Guerillabewegung und zum Krankenhaus für einen verletzten Major.

Während sich der Sohn Sohail an die Spitze der Untergrundbewegung setzt, geht die Tochter Maya nach Kalkutta, um Pressearbeit für die Widerstandsbewegung zu machen. Zugleich trifft Rehanas verhasster Schwager in Dhaka ein, er gehört nun zu den Besatzern. Auch Rehana verlässt vorübergehend das Land und arbeitet in einem Flüchtlingslager bei Kalkutta. Als der Krieg im Dezember 1971 zu Ende geht, ist von Euphorie keine Spur, denn die Armee hat das Waffenlager in ihrem Haus aufgespürt und Rehana Verrat begangen.

„Zeit der Verheißungen“ steigert sich – nach anfänglich eher hölzernen Dialogen – auf den letzten Seiten zu einem dramatischen und zugleich poetischen Finale. Die Autorin versteht es meisterlich, die Auswirkungen des Krieges auf den Alltag einer Familie zu schildern: wie Angehörige zu Besatzern, Freunde zu Folteropfern und Nachbarn zu Flüchtlingen werden, und wie Zugehörigkeit immer neu verhandelt wird.

Dhaka bleibt dennoch merkwürdig farblos und fern. Man hat als Leser kein Bild eines Ortes vor Augen, keine Laute im Ohr, allenfalls den Geruch von Biryani oder Rosenbüschen in der Nase. Das fehlende Lokalkolorit kommt nicht von ungefähr, denn die Autorin, Tochter eines Diplomaten und Jahrgang 1975, ist in Paris, New York und Bangkok aufgewachsen. Heute lebt sie in London. Vom Unabhängigkeitskrieg weiß sie nur aus Interviews mit Überlebenden und aus Geschichten in ihrer Familie. Ihre Großmutter stand Pate für die Figur der Rehana, ihr Onkel für Sohail.

„Zeit der Verheißungen“ ist der Beginn einer literarischen Auseinandersetzung mit dem hierzulande unbekannten Bangladesch. Der Roman ist der erste Teil einer Trilogie, die Tahmima Anam über das Land ihrer Herkunft schreiben will.

Zeit der Verheißungen. Von Tahmima Anam. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Insel Verlag, Berlin, 2010.



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