Der Regenwald Liberias

von Vamba Sherif

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Nachmittag des zweiten Tages sahen wir uns inmitten der unermesslichen Weite des Waldes. Neben mir wuchsen Bäume wie Riesen aus einem Märchen in den Himmel. Ich hielt inne, bestaunte ihre Höhe, das Spiel des Sonnenlichts auf dem Waldboden und lauschte den Rufen der Vögel und Tiere. Es lag eine Gelassenheit über dem Wald, die mir sehr gefiel. Doch meine Mutter drehte sich nach mir um und rief: „Die Wälder sind voller böser Geister, den Namensvettern meines Vaters!“ Sie wollte noch vor der Dunkelheit das nächste Dorf erreichen, aber die Nacht hatte uns bald eingeholt. Feierlich band meine Mutter mich an ihren Rücken und eilte weiter. Die ganze Zeit über spürte ich ihre stille Angst.

Auch das Grab meines Urgrossvaters in Fasolahun liegt tief verborgen im Wald. Der sandige Pfad, der dorthin führt, wurde von vielen Menschen flankiert, als wir ihn erreichten. Einer rief: „Macht Platz! Gebt den Weg frei! Das sind die Nachkommen des heiligen Mannes!“ Mein Urgrossvater war ein islamischer Geistlicher aus der Stadt Bakedu, einem Zentrum der Gelehrsamkeit. Pilgerer aus Liberia, Sierra Leone und Guinea waren an seinem Grab versammelt, denn hier im Regenwald sollen Wünsche in Erfüllung gehen.

Die Menge schaute mir zu, wie ich den Sand von der Grabstelle durch meine Hände rieseln liess. Ohne recht zu wissen, was ich tat, begann ich, ihn an die Leute zu verteilen. Später gab man uns herrliche Gerichte zu essen und mit der Aussicht, solches Essen in Zukunft öfter geniessen zu dürfen, schlief ich an diesem Tag ein. Ich habe mich oft gefragt, was meinen Urgrossvater in diese Abgeschiedenheit geführt hat. Vielleicht war auch er damals schon ein Weltmann, ein echter Kosmopolit - wie ich.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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