Weißes Gold

von Karola Klatt

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Wie auf einer modernen aristokratischen Landpartie fühlt man sich inmitten der hellen Entwürfe der „ECO“- Kollektion, die der Fachbereich Mode der BEST-Sabel-Berufsfachschule für Design auf der Mercedes-Benz-Fashionweek Anfang Juli in Berlin ausstellen wird. Die Schüler mussten für ihren Stoff 30 Euro extra zahlen, denn die Entwürfe sind aus handgewebter malischer Biobaumwolle. Nicht alle Schüler fanden das gut. Ökologie und soziale Verantwortung – diese Themen waren ihnen zu ernsthaft, zu problematisch. Mode soll doch leicht sein und Spaß machen.

Mali ist der zweitgrößte Baumwollproduzent Afrikas und das Textilhandwerk ist Broterwerb für jeden dritten Malier. In der Hauptstadt Bamako gibt es viele kleine Handwerksbetriebe, die afrikanische Stoffe und Bekleidung herstellen – Bogolan-Stoffe mit geometrischen Formen, buntbedruckte Pagne-Stoffe oder Damast, der steif ist, glänzt und knistert.

„Tragen Sie weiße Kleidung gegen die Moskitos“, lautete der Ratschlag der Tropenmediziner, als Susanne Kreuz, Leiterin des Fachbereichs Mode der BEST-Sabel-Berufsfachschule im Jahr 2006 zu ihrer ersten Reise nach Afrika aufbrach. Blass wie der Tod kam sie sich damit unter ihren farbenfroh gekleideten malischen Schülern vor. In Bamako unterrichtete Susanne Kreuz 20 Schneiderinnen und Schneider zwischen 18 und 40 Jahren aus kleinen Ateliers in den Grundzügen des Designens. Ins Leben gerufen hatte das von der Europäischen Union geförderte Qualifizierungsprogramm „Mode Sup“ die malische Modedesignerin Mimi Konaté, um den Ausbildungsstand der malischen Schneider zu erhöhen und ihnen westliche Standards der Gestaltung, wie das Zeichnen und Ausloten der Proportionen des menschlichen Körpers, zu vermitteln.

Als unverheiratete, kinderlose Geschäftsfrau ist Mimi Konaté in der patriarchalischen Gesellschaft Malis eine Ausnahmeerscheinung. Sie kombiniert Traditionelles mit Modernem und scheut sich nicht, in ihren Entwürfen Stoffe und Muster zu verbinden, die traditionell verschiedenen Ethnien und sozialen Rängen der malischen Gesellschaft vorbehalten sind. Jetzt ist sie zudem Schulleiterin der ersten malischen Schule für Modedesign und hofft, dass mit der Qualifizierung nach westlichem Maßstab die traditionellen Stoffe ihren Weg in die Moderne finden werden und das kunstvolle Handwerk eine Zukunft hat. Wie überall in Westafrika tragen die jungen Malier heute oft lieber Secondhand-Ware aus Europa als afrikanische Gewänder. Wie mit Kenntnissen im Designen aus Traditionellem Modernes entstehen kann, haben die afrikanischen Schüler von Susanne Kreuz mit einer Modenschau auf den Straßen Bamakos bewiesen.

„Weißes Gold“ nennen die Malier ihre Baumwolle, obwohl sie auf dem stark subventionierten Weltmarkt kaum konkurrenzfähig ist. Nur eine Umstellung auf Bioproduktion kann diese Situation verbessern. „Mit unserer weißen Kollektion setzen wir dafür ein Zeichen und werden auch in den nächsten Jahren mit dem ‚Gold aus Mali‘ arbeiten“, sagt Susanne Kreuz. Inzwischen sind auch die Schüler versöhnt, denn mit ihren 20 nachhaltigen Modellen jenseits jeglichen Ökoklischees haben sie es bis auf die Fashionweek geschafft.



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