Probieren geht über Studieren

von Wolf Wagner

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Fehler und Hochschule klingt wie Feuer und Wasser. An Hochschulen geht es um Wahrheit und Wissen. In der Wissenschaft haben Fehler nichts zu suchen. Und tatsächlich überwiegt an deutschen Hochschulen – anders als in skandinavischen und angelsächsischen Ländern – eine Kultur der Fehlerfeindlichkeit. Hierzulande dreht sich alles um das exakte Denken.

Das geht auf Kosten der Kreativität, die neben dem exakten das verrückte Denken braucht: assoziativ, regellos, Unerhörtes wagend – fehlerfreundlich eben. Das verrückte Denken ersinnt Neues. Das exakte Denken überprüft es auf seine Tauglichkeit, feilt an ihm herum, um es passgenau und anwendbar zu machen. Im kreativen Prozess wechseln Verrücktes und Exaktes sich ab wie in einem Wirbel, der schließlich zu einer praktikablen Lösung, zur Innovation führt.

Fehlerfreundlichkeit ist dort gegeben, wo der Fehler als Chance gesehen wird: „Aus Fehlern wird man klug“ und im Verfahren „trial and error“ kommt man zum Ziel. Es geht darum, die Angst vor Fehlern zu nehmen, weil nur durch das Ausprobieren der Irrwege der richtige Weg gefunden werden kann. Auch können die ausprobierten Irrwege zum richtigen Lösungsweg eines anderen Problems werden.

In der Psychoanalyse wird der Fehler sogar zur Hauptsache. Die Fehlleistung kann unbewusste Grundstrukturen der Person aufdecken. Seit den frühen 1980er-Jahren hat eine Arbeitsgruppe um Theo Wehner, heute an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, diese psychoanalytische Sicht auf Organisationen und Arbeitsprozesse übertragen. Im Fehler offenbart sich nicht Bedachtes, die blinden Flecke des Systems, die entscheidenden Aufschluss über seine Wirkweise und Struktur geben.

Um eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit an deutschen Hochschulen zu verwirklichen, müsste dem verrückten Denken Raum geschaffen werden. Zum Beispiel, indem das dreijährige Bachelorstudium um ein Kreativitätsjahr erweitert würde, das auf das ganze Studium verteilt ist. Im ersten Semester würden Studierende von ihrem Fach aus wie Ethnologen möglichst viele andere Fächer mit ihrer Denklogik und Fachkultur erkunden, um andere Denk- und Forschungsweisen kennenzulernen. Ab dem zweiten Semester könnten in jedem Semester mit wachsendem Umfang Projekte forschenden Lernens eingerichtet werden.

Man gibt den Studierenden bereits gelöste Probleme, zum Beispiel eine bereits gebaute Brücke zu planen, und lässt sie diese in eigenständiger Arbeit in einer Art Forschungssimulation selbstständig noch einmal bearbeiten. Dabei könnten die Studierenden fehlerfreundlich vorgehen, ohne dass die Brücke tatsächlich zusammenbrechen würde. Sie könnten aus Fehlern lernen und ihre eigenen Denkannahmen kennenlernen. Ab der Mitte des Studiums müssten die Studierenden in wachsendem Umfang bis zu 20 Prozent ihrer Zeit in selbstbestimmten, aber intensiv betreuten Fachprojekten in eigener Verantwortung freie Forschung und Anwendung betreiben. Aus diesen kreativen Projekten sollten dann die Abschlussarbeiten hervorgehen.

An dänischen und englischen Universitäten werden solche und ähnliche Formen bereits mit großem Erfolg praktiziert. Überhaupt herrscht in skandinavischen und angelsächsischen Ländern eine fehlerfreundlichere Kultur. Das äußert sich bereits im landestypischen Humor. Dort sind weniger Witze auf Kosten anderer als Witze auf eigene Kosten üblich. Statt sich über fremde Fehler zu belustigen, verzeiht man sich lieber die eigenen Fehler – mit einem Lachen.



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