„Ich will die Leute entkrampfen“

ein Gespräch mit Avi Primor

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Ihr Buch trägt den bissigen Titel „An allem sind die Juden und Radfahrer schuld. Deutsch-jüdische Missverständnisse“. Für wen ist dieses Buch?

Hauptsächlich die Deutschen, nicht die Juden. Ein Jude ist für mich übrigens jeder, der sich selbst so versteht. Egal, welchen Pass er hat. Das Buch behandelt Themen, über die Leute nicht immer rational nachdenken können. Da gibt es viele Emotionen auf allen Seiten. Bei deutsch-jüdischen Missverständnissen habe ich vor allem an deutsch-israelische Missverständnisse gedacht. Die Deutschen sind gegenüber Israel oder den Juden immer noch sehr befangen. Das halte ich für überflüssig. Ich will die Leute entkrampfen.

Welche Vorurteile kursieren heute noch über Juden?

Ich glaube, dass man die Juden für reicher hält als andere Menschen. Man sagt das mit Neid und dieser Neid schürt auch Hass. Man meint auch, dass die Juden die Deutschen wegen des Holocausts ausbeuten würden. Leute, die mir das gesagt haben, fügten noch hinzu: „Sie haben ja Recht, ich hätte das an ihrer Stelle auch gemacht.“ Ich behaupte, dass man die Deutschen nicht ausbeutet, egal ob man Recht dazu hätte oder nicht.

Laut Albert Einstein ist es leichter, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil ...

Ich halte diesen Satz für richtig, aber das bedeutet keine Hoffnungslosigkeit. Ich wollte Vorurteile widerlegen, indem ich sie erkläre. Man muss die Geschichte eines Vorurteils erzählen. Wieso entwickelt es sich und welchen Einfluss hat es noch heute? Ich glaube, dass es noch Leute in Deutschland gibt, die Vorurteile haben, aber keine Antisemiten sind. Das ist kein Widerspruch. Schon in der Schule sollte man gegen Vorurteile kämpfen. Kinder sind noch offener für neue Ideen.

Sie haben Ihren Sohn während Ihrer Zeit als Botschafter in eine normale deutsche Schule geschickt.

Ja, mein Sohn war dort der einzige Jude, aber er hat sich gefühlt wie alle anderen Kinder. Mit neun Jahren kam er eines Tages nach Hause und fragte uns: Sagt mal, habt ihr von dieser Geschichte gehört, die man Holocaust nennt? Das sind doch Märchen, oder? Wir waren sehr überrascht, weil wir dachten, dass er zu jung wäre, um mit ihm darüber zu sprechen. Später habe ich ihn gefragt: Hast du die Geschichte gar nicht auf deine Schulfreunde bezogen? Da sagte er: Nein, wieso? Was haben die damit zu tun?

Sie zitieren in Ihrem Buch Meinungsumfragen, die erschrecken. 2002 wollten demnach 17 Prozent der Deutschen keinen jüdischen Nachbarn. Hat Sie das selbst überrascht?

Ich wusste, dass es so ist. Schauen Sie sich aber einmal das Alter dieser Leute an. Je älter die Befragten, umso eher sind sie antisemitisch eingestellt. Je jünger, desto weniger. Mich interessiert vor allem die Tendenz, wie es sich weiterentwickelt. Wenn es die älteren Leute betrifft, bin ich weniger beunruhigt.

Mit welchen Gefühlen sind Sie selbst das erste Mal nach Deutschland gekommen?

Ich hatte unlogische Ängste. Ich wollte jahrelang nichts mit Deutschland zu tun haben. Infolgedessen habe ich das Land nie besucht, bis ich 1993 als Botschafter hierher kam. Einmal bin ich vorher durch Deutschland gefahren, aber ich habe nicht angehalten. Ich dachte, ich würde in Deutschland vor allem über die deutsch-israelische Zusammenarbeit sprechen und die Wirtschaft, aber nicht über die Vergangenheit.

Was erlebten Sie tatsächlich?

Meine Gesprächspartner haben Fragen gestellt, auf die ich nicht vorbereitet war. Etwa: „Wie würden Sie an unserer Stelle mit der Vergangenheit umgehen?“ In Israel hatten wir die Geschichte ja immer aus dem Blickwinkel der Opfer betrachtet und ich stellte fest, dass ich bei diesem Thema gar nicht wusste: Wie kommen die Deutschen damit zurecht?

Sie arbeiten auch ganz praktisch gegen Vorurteile, indem Sie in Tel Aviv einen trilateralen Studiengang für Israelis, Palästinenser und Jordanier leiten.

Bei diesen jungen Menschen gibt es alle nur denkbaren Vorurteile. Sie halten es für interessant, sich „diesen dreckigen Feind“ mal anzugucken. Leider kann ich die Studenten im Nahen Osten nicht zusammenbringen, also pendeln meine Dozenten zwischen der israelischen, der palästinensischen und der jordanischen Universität. Die Studenten können sich jeweils über Videokonferenzen sehen, aber haben keinen Kontakt zueinander. Nach ihrem Studium verbringen sie ein Jahr an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, wo sie zusammen lernen und wohnen.

Gab es da keine Bedenken angesichts der enormen Vorurteile, mit denen die jungen Menschen kamen?

Die Deutschen haben sich anfangs große Sorgen gemacht und sagten: Werden sich die Juden und Araber nicht ausgerechnet bei uns zerfleischen? Aber die Studenten sind direkt neugierig aufeinander zugegangen und haben sehr gute Beziehungen miteinander entwickelt. Manche schmieden sogar schon Pläne, wie sie später zusammenarbeiten wollen.

An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld. Deutsch-jüdische Missverständnisse. Von Avi Primor und Christiane von Korff (Piper, München, 2010).

Das Interview führte Carmen Eller



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