Geraubte Bräute

von Gasbubu Babajarowa

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Das Ereignis, welches Gulsat* die Freude am Leben nahm, liegt zehn Jahre zurück. Trotzdem kämpft die 28-Jährige immer noch mit den Tränen, als sie in einem Café von Bischkek ihre Geschichte erzählt. Gulsat stammt aus einem Dorf im Süden Kirgisiens. Seit ihrer Kindheit träumte sie davon, auf einer guten Universität zu studieren. Sie wollte Journalistin werden und ihren Freund heiraten, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen war. Doch als sie das Gymnasium gerade abgeschlossen hatte, platzten ihre Träume: Sie wurde von einem Nachbarn entführt und zur Ehe gezwungen.

Unter einem Vorwand lockte ihre Schwägerin sie an einen Ort, wo ein voll besetztes Auto wartete. "Ich konnte nichts sehen im Scheinwerferlicht", erinnert sich Gulsat, "aber mir war sofort klar, dass ich gekidnappt werden sollte." Gulsat schrie, trat um sich und weinte, als die Freunde ihres heutigen Ehemanns Asamat sie ins Auto zerrten und losfuhren.

Nach einer Studie des amerikanischen Soziologen Russell Kleinbach kommt jede dritte Ehe in Kirgisien durch Brautentführung zustande. Untersuchungen des Kyz-Korgon-Instituts in Bischkek ergaben 2008: 51 Prozent der Ehen sind Ergebnis nicht einvernehmlicher Entführungen. 92 Prozent der Mädchen bleiben bei dem Kidnapper, 65 Prozent gegen ihren Willen. Der Rest umfasst Entführungen, die Liebespaare inszenieren, um der Tradition zu genügen. Denn als solche wird Brautraub vielerorts betrachtet.

Noch bevor es zwischen Gulsat und Asamat zur Hochzeit kam, bat die junge Frau ihre Eltern um Hilfe – vergeblich. Sie schrien ihre Tochter nur an und verlangten von ihr, bei Asamat zu bleiben. Ein Verrat, mit dem Gulsat nie gerechnet hätte. "Wir sind Nachbarn, wie könnten wir dich dort wegholen?", sagten sie, "wer würde dich jetzt noch heiraten? Mache unserer Familie keine Schande." Diese Worte setzten Gulsat so unter Druck, dass sie eine Einverständniserklärung unterschrieb. In Briefen sollen die entführten Mädchen bestätigen, freiwillig in das Haus des Mannes gekommen zu sein.

So wie Gulsats Eltern reagieren viele Angehörige, wenn die Tochter entführt wird. Insbesondere die Menschen auf dem Land, wo sich alle untereinander kennen, fürchten öffentliche Anschuldigungen. Der Psychoterror aus der eigenen Familie erschwert es den jungen Frauen, für ihre Rechte zu kämpfen. Was viele Kirgisen nicht wissen: Die gewaltsame Brautentführung gilt laut Artikel 155 des kirgisischen Gesetzbuchs als Verbrechen. Auf dem Papier drohen dem Kidnapper bis zu drei Jahre Gefängnis.

Trotzdem sind Brautentführungen in dem zentralasiatischen Staat an der Tagesordnung. Die Gründe sind vielfältig. In der Praxis wird das Vergehen von den Menschen mehrheitlich akzeptiert und von den Sicherheitskräften kaum geahndet. In vielen Fällen gehen auch Polizisten zu den Hochzeitsfeiern oder beteiligen sich an Entführungen. Zudem spielen wirtschaftliche Gründe eine Rolle. Indem sie Frauen kidnappen, können die jungen Kirgisen den immer noch üblichen Brautpreis umgehen oder drücken. Denn für eine Frau, die sich bereits im Haus des Mannes befindet und womöglich dort ihrer Ehre beraubt wurde, können die Eltern nicht mehr so viel Geld verlangen wie bei einer arrangierten Vermählung.

Die Hochzeit von Gulsat und Asamat wurde von einem Imam nach den Gesetzen der Scharia besiegelt. Dabei widerspricht die Zwangsheirat auch islamischem Recht. Die Schwägerinnen bereiteten das Bett für die Hochzeitsnacht vor und warteten vor der Tür des Schlafzimmers auf das blutbefleckte Laken, den Beweis von Gulsats Jungfräulichkeit. Im Schlafzimmer vergewaltigte Asamat die junge Frau.

"Wir haben heute einen Sohn, er sieht aus wie sein Vater", erzählt Gulsat und nippt an ihrem Tee. "Auch nach zehn Jahren behandeln mein Mann und ich uns wie Fremde." Dann fügt sie leise hinzu: "Es ist immer noch die Hölle für mich, mit Asamat zu schlafen. Jedes Mal fühlt es sich so an, als ob ich wie in der ersten Nacht vergewaltigt würde."

Die Tatsache, dass auf dem Land bis zu 50 Prozent aller Ehen nicht auf Liebe basieren, hat traurige Folgen: häusliche Gewalttaten und zerbrochene Familien. Die entführten Mädchen sind sich selbst überlassen, leiden unter Minderwertigkeitskomplexen oder Depressionen. Im schlimmsten Fall treibt die hoffnungslose Situation Menschen in den Selbstmord. So wie die 19-jährige Ainura aus einem Dorf der Jalalabat-Region. Nach zehn Stunden Gefangenschaft konnte das Mädchen aus dem Haus ihres Kidnappers entkommen, indem sie vorgab, keine Jungfrau mehr zu sein.

Zu Hause beschuldigten sie Stiefmutter und Großmutter, Schande über die ganze Familie gebracht zu haben. Das Gerücht, sie sei keine Jungfrau mehr, hatte sich wie ein Lauffeuer im ganzen Dorf verbreitet. Als die Familie Ainura zwingen wollte, in das Haus ihres Entführers zurückzukehren, sah sie keinen Ausweg mehr und erhängte sich in der Hütte eines Nachbarn. In ihrer Tasche fand man später folgende Notiz: "Sagt meinem Vater, dass ich immer noch Jungfrau bin. Ich hoffe, ich komme nun an einen friedlicheren Ort."

Das Thema Selbstmord betrifft nicht nur die Frauen. Manas, ein junger Mann aus der Region Naryn im Norden Kirgistans, war gerade 23 Jahre alt geworden, als er sich umbrachte. Er hatte drei Mädchen entführt, keine war bei ihm geblieben. Die Eltern der flüchtigen Frauen sprachen von einem Skandal und einer Schande für Manas´ Familie. Der junge Kirgise fühlte sich erniedrigt. Er sei kein richtiger Mann, sagten die Menschen in seinem Dorf. Irgendwann konnte Manas den Druck nicht mehr aushalten und erhängte sich.

Wenn man die kirgisischen Männer fragt, warum sie Frauen entführen, lauten die Antworten oft: "Alle Männer heiraten so" oder "Das gehört zur kirgisischen Tradition". Tatsächlich kam es in der Geschichte der nomadisch lebenden Kirgisen immer wieder zu Brautentführungen. Entgegen aller Behauptungen war dies aber nie eine Tradition. Wenn ein Stamm den anderen besiegte, kidnappten die Sieger die Mädchen der Unterlegenen, um sie zu heiraten. In manchen Stämmen wurden die Männer dafür allerdings hart bestraft. Sie mussten Geld an die Eltern des Mädchens zahlen oder diese mit Schafen und Rindern entschädigen. Auch Asan gehört zu den Männern, die eine Frau entführt haben.

Trotz seiner 24 Jahre hat er bereits graue Haare und ein Gesicht voller Falten. Zwei Jahre hatte er eine Freundin, die er liebte und heiraten wollte. Als Asan nach Russland fuhr, um dort Geld für die Hochzeit zu verdienen, wurde das Mädchen von einem Mann im Dorf gekidnappt. Asan kehrte sofort zurück, doch Eltern und Freunde hinderten ihn daran, seine Freundin aus dem Haus des Entführers zu holen. Wenn die Frau dich geliebt hätte, wäre sie von selbst zurückgekommen, redeten sie ihm ein. Wenn er ein Mann sei, solle er ein anderes Mädchen entführen. "Wir werden dir dabei helfen", boten sie an.

Als Racheakt entführte Asan Aigul, eine Freundin seiner großen Liebe, und zwang sie zur Hochzeit. Zwei Jahre später ließen sich die beiden wieder scheiden. Aigul ging zurück zu ihren Eltern, zusammen mit dem acht Monate alten Sohn. "Obwohl wir zwei Jahre verheiratet waren, sind wir uns nie wirklich nahe gewesen", sagt er heute. "Ich weiß jetzt, dass man eine Familie nicht ohne Liebe gründen kann. Meine erste Liebe geht mir noch immer nicht aus dem Kopf." Asan schweigt eine Weile. "Ich habe Aigul ihrem damaligen Freund gestohlen. Damit habe ich ihr Leben zerstört und meines dazu." 

Aus dem Englischen von Carmen Eller

* Die Namen der porträtierten Personen wurden geändert



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