Schwer zu zensieren

Henry Li Siling

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


1959 wurde in China der Film „Getreide“ gedreht, der zu einem Klassiker des sozialistischen Monumentalfilms wurde. Heldenhafte Bauern schmuggeln in einem von der japanischen Armee besetzten Gebiet Getreide und sichern so Überleben und Widerstand. 40 Jahre später wurde da-raus ein sogenanntes Spoof-Video. In diesen Filmparodien werden bekannte Szenen neu zusammengeschnitten und vertont. Die Zuschauer erkennen die klassischen Bilder sofort, durch die Bearbeitung bekommen die Spoofs aber einen verdrehten, verspottenden und oft gesellschaftskritischen Sinn. In der Spoof-Version von „Getreide“ etwa müssen Nachrichtensprecher des chinesischen Staatsfernsehens CCTV ihre Programme am bösen CCTV-Management vorbeischmuggeln, um die Wahrheit zu verkünden. 


Diese Filmparodie war die erste ihrer Art und ist die Mutter aller Spoof-Videos im chinesischen Internet. Produziert wurde das Spottwerk nicht etwa von Internetaktivisten, sondern von CCTV-Mitarbeitern selbst, allerdings nur für eine interne Vorführung auf der jährlichen Party zum Frühlingsfest. 2001 legten Journalisten des Staatsfernsehens nach und produzierten zur hauseigenen Belustigung ein Spoof, basierend auf einem russischen Revolutionsfilm, in dem es neben reichlich schmutzigen Witzen um Bestechung beim Sender geht. Kurz darauf fanden die Filmparodien den Weg ins Internet, woraufhin es nie wieder auf Partys des CCTV lustige Filmvorführungen gab. 


Das Spiel mit klassischen Werken animierte seither viele internetaffine Chinesen zu eigenen Kreationen und hat schnell eine Fangemeinde gefunden. Einer der beliebtesten Filme überhaupt trägt die Parodie schon im Titel „China hat die Fußball-WM 2006 gewonnen“. In ihm werden Fernsehbilder aus Spielen der chinesischen Mannschaft und Ausschnitte aus Fußball-Videospielen mit Szenen aus „Forest Gump“, dem „Paten“ oder „Ghost“ zusammengebracht.


Aber nicht nur Filme werden parodiert. Konfuzius und Laotse, zwei Säulenheilige der chinesischen Philosophie, erscheinen auf Fotomontagen in modernen westlichen Anzügen. Eine Parodie der Nationalhymne fordert Chinesen auf, an der Börse zu investieren, und sogar vor Mao Zedong wird nicht haltgemacht. Das berühmte Ölgemälde, auf dem er vom Tor des Himmlischen Friedens die Volksrepublik ausruft, wird zum Plakat für eine Restauranteröffnung. Beliebt bei den Spöttern sind auch aktuelle Internetthemen, zum Beispiel Probleme bei der Wiedervergabe der Lizenzrechte für das Onlinespiel „World of Warcraft“ in China. In der virtuellen Szenerie des Spiels kämpfen chinesische Behörden gegen Totenkopfsymbole und versuchen vergeblich, eine Software zu installieren, die Jugendliche schützen sollte. Der Spoof endet mit einer leidenschaftlichen Rede, in der die chinesischen Spieler aufgerufen werden, nicht länger still zu sein, sondern gemeinsam gegen die staatlichen Versuche zu protestieren, das chinesische Internet zu „harmonisieren“. Angefertigt wurde er von einem Online-Spieler ohne Budget mit 100 Freiwilligen innerhalb von drei Monaten. Im Januar 2010 veröffentlicht, hatte er in den ersten drei Wochen schon über 10 Millionen Zuschauer. 


Spoofs sind ein Ventil, um Frust und Ärger offen zu artikulieren. Eine virtuelle Gegen-Öffentlichkeit entsteht, die vor allem von der jungen Generation der 15- bis 35-Jährigen wahrgenommen wird. Die Älteren lesen davon in Lifestyle-Magazinen, die über besonders frechen Spott berichten, und sind oftmals entrüstet, wenn nationale Ikonen lächerlich gemacht werden. Manchmal erfahren nicht nur sie von der Existenz solcher Filme erst aus der Zeitung, sondern auch die Zensoren. Im Gegensatz zu Blogs sind Filme äußerst schwer zu zensieren. Texte lassen sich leicht nach sensiblen Wörtern wie „Tian’an’men“ oder „Falun Gong“ durchsuchen. Blogger helfen sich, indem sie in den Texten Platzhalter wie „sensibles Wort“ benutzen. Videos dagegen muss sich schon jemand komplett anschauen, um Verwerfliches zu finden. Das machen bei den Zensurbehörden die jungen Mitarbeiter auf den unteren Ebenen. Das ist aufwendig und weil es zu wenige Mitarbeiter hierfür gibt, werden Spoofs oft erst gelöscht, wenn die traditionellen Medien darauf aufmerksam werden.
 

Protokolliert von Falk Hartig



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