Digitaler Nachlass

Adele McAlear

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Früher lernten wir Freunde noch in der Schule, auf Arbeit oder in der Nachbarschaft kennen. Jeden Menschen, mit dem wir eine Beziehung eingegangen sind, trafen wir persönlich. Wenn einer von ihnen starb, nahmen wir an der Beerdigung teil und trauerten mit den Hinterbliebenen. 


Knapp eine Generation später hat die digitale Welt Beziehungen verändert und eine Vielzahl an virtuellen Begegnungsmöglichkeiten geschaffen. Vor allem soziale Netzwerke haben dazu beigetragen, dass wir unser Leben verstärkt online führen und über weite Distanzen mit Menschen, die wir oftmals nie getroffen haben, Fotos, Videos und Gedanken „sharen“.


Aber was passiert, wenn einer unserer Online-Freunde stirbt, und was geschieht mit dem digitalen Nachlass?


Im Alter von 34 Jahren verstarb der US-amerikanische Autor Mac Tonnies plötzlich im Schlaf. Vier Tage grübelten seine Online-Freunde über den Verbleib des Autors. Als sein Tod bestätigt wurde, nutzten sie Macs letzten Blogeintrag, um ihrer Trauer Ausdruck zu verschaffen. Die Eltern, die selbst keinen Computer besaßen und Macs digitales Leben nicht ganz nachvollziehen konnten, waren sehr berührt von den vielen Freunden ihres Sohnes, die sie nie persönlich kennengelernt hatten.
 Das Bankkonto und die zugehörige Kreditkarte einer verstorbenen Person werden von den Hinterbliebenen oftmals frühzeitig gekündigt. Domainnamen, Webseiten und Profile wie flickr, deren Bezahlung über Konten oder Karten automatisch verlängert wird, verfallen einfach. So verschwindet der Internetinhalt eines Verstorbenen. Die Freunde von Mac Tonnies wollten verhindern, dass die sechseinhalb Jahre Blogeintrag einfach verloren gehen. Sie erhielten von Macs Familie die Erlaubnis, seinen Blog freizugeben und konnten so das Werk des Autors aufbewahren, bis eine alternative Webpräsenz im Internet gegründet wurde. Trotz der Distanz zwischen Macs Familie und seiner Online-Gemeinde half der entstandene Dialog, Mac Tonnies’ Arbeit zu bewahren. Allerdings bleiben Online-Gemeinschaften und Familien weiterhin oftmals isoliert voneinander.


Heutzutage hat jeder mindestens eine E-Mail-Adresse. Wenn jemand stirbt, müssen Hinterbliebene eventuell Zugang zu E-Mail-Konten haben, da dort oftmals wichtige Informationen, wie etwa Adressen, gespeichert sind. Anbieter verfahren unterschiedlich mit den Konten von toten Nutzern. Bei Gmail müssen Familienmitglieder die Sterbeurkunde vorlegen, um das Passwort des Verstorbenen zu bekommen. Yahoo! legt großen Wert auf die Privatsphäre ihrer Nutzer. Laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen darf der Anbieter keine E-Mail-Konten preisgeben. In den Vertragsbedingungen stimmen Nutzer zu, dass ihr Yahoo!-E-Mail-Konto nicht übertragbar ist. Verstirbt der Kontobesitzer, wird das Konto beim Erhalt einer Kopie der Sterbeurkunde sofort gelöscht. Um die E-Mail-Korrespondenz des gefallenen Marinesoldaten Justin Ellsworth einzusehen, musste dessen Familie ihre Verbindung zu dem Toten vor Gericht beweisen. Daraufhin erhielten sie eine CD mit dem Inhalt des Kontos und es wurde gelöscht. 


Und was passiert, wenn keiner nach den digitalen Hinterlassenschaften eines Verstorbenen fragt? Die langen Benutzerkonditionen von Ebay und Amazon verweisen nicht darauf, was im Falle des Todes mit einem Konto passiert. Bei Facebook können Verwandte den Gedenkstatus einschalten, dann bleibt das Profil eingeschränkt erhalten. Wenn dieser Status allerdings von niemandem aktiviert wird, bleibt das Konto wie zuvor bestehen und Freundschaftseinladungen und andere Meldungen stauen sich an. Flickr löscht Profile, wenn sie innerhalb von drei Monaten nicht benutzt wurden. Solche Vorgänge sind üblich, allerdings werden auch sie nicht immer eingehalten. Man weiß somit nie genau, was wirklich passiert. 


Können wir uns also schon heute auf das Unvermeidliche vorbereiten und die oben genannten Unsicherheiten umgehen? Wenn man sich im digitalen Zeitalter eine Online-Präsenz anschafft, ist es wichtig, ein Verzeichnis hierfür anzulegen. Darin sollten vor allem E-Mail-Konten und andere Webpräsenzen, die wichtige Informationen enthalten oder einen emotionalen Wert haben und an Hinterbliebene weitergegeben werden sollen, aufgelistet werden. Man sollte einen digitalen Nachlassverwalter bestimmen, der sich um die Sicherstellung beziehungsweise Abschaffung der digitalen Hinterlassenschaften kümmert. Auch sollte die zukünftige Bezahlung von Webpräsenzen, die nicht verschwinden sollen, gesichert werden. Benutzernamen, Passwörter und letzte Anweisungen sollten dem Nachlassverwalter übergeben werden, mithilfe von vertrauensvollen Dienstleistern wie Entrustet. Aber am wichtigsten ist es, mit der Familie über sein digitales Leben zu sprechen und ihr zu erklären, wer und was einem in der Online-Welt etwas bedeutet.

Aus dem Englischen von Katharina Olschenka



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