Dr. Webcam

von Maurice Mars

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Gladys Ndlovu lebt in einer sehr ländlichen Gegend Afrikas. Ihr Mann ist vor Kurzem an Aids gestorben. Seit einiger Zeit hat Gladys einen juckenden Ausschlag an der Schulter, der beim Kratzen leicht anfängt zu bluten. Die betroffenen Stellen sind bereits wund. Die Naturheilmittel, die sie vom Heiler im Dorf erhalten hat, haben nicht geholfen. Das nächste Bezirkskrankenhaus ist ungefähr fünf Kilometer entfernt. Da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, muss Gladys zum Krankenhaus laufen. Die Krankenschwester, die sie in der Poliklinik untersucht, überweist die Patientin an einen Arzt, der auch Hautkrankheiten untersucht.

Das Bezirkskrankenhaus hat keine Spezialisten. Er untersucht Gladys, ist sich seiner Diagnose aber nicht sicher, da es kein bekannter Ausschlag ist, wie man ihn in den Lehrbüchern findet. Ist es womöglich eine der vielen Hautveränderungen, die durch Aids verursacht werden? Gladys hat Glück. Alle zwei Wochen führt das Krankenhaus Sprechstunden per Video-Konferenz mit der Abteilung für Dermatologie in der 120 Kilometer entfernten Universitätsklinik durch und heute findet eine solche „Telesprechstunde“ statt.

Der Arzt erklärt seiner Patientin den Ablauf der Telesprechstunde, sie ist damit einverstanden. Als Gladys an der Reihe ist, muss sie sich vor etwas setzen, das aussieht wie ein großer Fernseher. Sie sieht den Arzt am Bildschirm, dieser stellt sich vor und befragt sie zu ihrem Leiden. Das ist das erste Mal, dass Gladys zu einem Bildschirm spricht, und deshalb ist sie etwas verunsichert. Der Arzt gibt ihr Anweisungen, einige Knöpfe zu drücken und nun sieht sie auch von sich ein Bild in der unteren Bildschirmecke.

Der Dermatologe bittet sie, ihm ihren Ausschlag zu zeigen. Mit einem Instrument, das aussieht wie ein kleiner Kasten, beleuchtet der Arzt vor Ort die betroffene Körperstelle. Im Gerät befindet sich eine Videokamera und Gladys kann nun ihren Ausschlag vergrößert auf dem Monitor sehen. Der Arzt betätigt einen Knopf und hält die betroffene Stelle in einem Bild fest. Nun besprechen der Arzt des Bezirkskrankenhauses und der Dermatologe des Universitätsklinikums, was sie auf dem Bild sehen. Sie wiederholen den Vorgang einige Male.

Schließlich sagt ihr der Dermatologe, dass er nicht von einem schwerwiegenden Problem ausgeht, und teilt der Patientin und dem Arzt vor Ort die Art der Behandlung mit. Außerdem bittet er Gladys, in einem Monat für eine Nachuntersuchung per Videokonferenz wiederzukommen. Gladys wurde damit eine unnötige und für sie teure Reise erspart, denn sie konnte vor Ort behandelt werden.

Ein Weg, Afrikas Gesundheitssektor zu stärken, ist der Versuch, die Bevölkerung außerhalb von Krankenhäusern und Notaufnahmen zu behandeln, indem die Behandlung über Telefon oder das Internet geschieht. Das ist Telemedizin. Telemedizin ist Gesundheitsvorsorge und -erziehung über eine räumliche Distanz mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien. Teledermatologie ist nur eine der verschiedenen Behandlungsformen neben Telepsychiatrie, Telekardiologie, Telepathologie, Teleradiologie oder Teleultrasonographie.

In 31 Ländern Afrikas kommen weniger als zehn Ärzte auf 100.000 Patienten. In Deutschland, Italien und Norwegen kommen fast 400 Ärzte auf 100.000 Patienten. Telemedizin ist genauso gut wie die klassische Behandlug und verbessert die Gesundheitsfürsorge in vielen ländlichen Gebieten Afrikas, indem sie Krankentransporte reduziert, der Kontakt zu weit entfernten Spezialisten hergestellt wird und Ärzte in abgelegenen Gebieten unterstützt werden. Das Teledermatologie-Netzwerk, das Gladys geholfen hat, versorgt jedoch nur eine Handvoll der 60 Krankenhäuser im Gebiet. Es müssen noch viele Hindernisse überwunden werden, bevor sich Telemedizin in Afrika etablieren kann.

Es gibt nur wenige Festnetzanschlüsse und Internetverbindungen sind langsam und teuer. Telemedizin muss auch international betrieben werden, um Ärzte in Afrika zu entlasten. Leider wurde das Potenzial dieser Behandlungsform hierzulande noch nicht erkannt. In nur sehr wenigen afrikanischen Staaten wird an der Weiterentwicklung von Telemedizin gearbeitet. Durch internationale Unterstützung kann Telemedizin weiterentwickelt werden. Das Projekt RAFT (Réseau en Afrique Francophone pour la Télémédecine) der Universitätsklinik Genf arbeitet mit 15 Staaten Afrikas zusammen, es ist ein gutes Beispiel einer solchen internationalen Zusammenarbeit. Afrika braucht Telemedizin.

Aus dem Englischen von Sara Santarelli

telehealth.ukzn.ac.za/HomePage10795.aspx
raft.hcuge.ch



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