Ich kann etwas, was du nicht kannst

von Don Tapscott

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Wenn heute über den Wandel der Gesellschaft im 21. Jahrhundert gesprochen wird, konzentriert man sich überwiegend auf die Auswirkungen digitaler Technologien, vor allem des Internets. Es gibt jedoch eine andere ebenso starke Kraft, die unsere gesellschaftlichen Institutionen in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich verändern wird: die Generation Internet. Diese Teenager und jungen Erwachsenen, die zwischen 1977 und 1997 geboren wurden, sind inmitten digitaler Geräte und Medien groß geworden. Im Jahre 2010 sind die Ältesten dieser Generation 33 Jahre und die Jüngsten 13.

Die heutige Jugend ist die erste Generation, die „in Bytes gebettet“ aufwächst und deren Gehirne sich deshalb von ihren Vorgängern unterscheiden. Wie Jugendliche zwischen dem achten und achtzehnten Lebensjahr ihre Zeit verbringen, ist ausschlaggebend dafür, wie sich ihr Gehirn entwickelt. Wenn man 24 Stunden pro Woche vor dem Fernseher verbringt, wie es meine Generation getan hat, dann entwickelt sich das Gehirn anders, als wenn man die gleiche Zeit mit digitalen Technologien verbringt, sei es als privater Nutzer oder Gestalter einer Seite.

Die typischen „Digital Natives“ weisen Verhaltensmerkmale auf, die sie von anderen Generationen unterscheiden. Sie schätzen die Freiheit, eine Auswahl treffen zu können, besonders hoch ein. Sie möchten sich Dinge aneignen. Sie arbeiten selbstverständlich zusammen und ziehen Gespräche einer Vorlesung vor. Sie hinterfragen dich und deine Organisation. Sie legen Wert auf Integrität. Sie möchten Spaß haben – in der Schule oder auf der Arbeit. Schnelligkeit ist für sie normal und Innovation Teil des Lebens.

Wir werden sehen, dass derjenige, der sich in eine interaktive digitale Welt hineinbegibt, schlauer ist als die durchschnittliche „Couch Potato“. Anstatt nur passiv Informationen aufzunehmen, sammeln die jungen Menschen heute in Lichtgeschwindigkeit Informationen aus der ganzen Welt. Sie glauben nicht einfach, was ihnen der Fernsehmoderator erzählt, sondern prüfen und beurteilen das Wirrwarr oftmals widersprüchlicher Aussagen. Wenn sie einen Blog schreiben oder ihr Video auf einer Internetseite hochladen,nutzen sie die Möglichkeit, ihren eigenen Standpunkt darzustellen. Die Generation Internet erobert den Arbeitsmarkt und jede Nische der Gesellschaft. Sie bringt ihr Medien- und Internetwissen, ihre neuen Formen der Zusammenarbeit, ihren unternehmerischen Geist und ihre politische Macht in die Welt ein.

Oft wird zynisch über diese Generation gesprochen. Sie seien vom Internet abhängig, heißt es, würden nur am Bildschirm kleben und seien nicht imstande, soziale Bindungen einzugehen. Bücher wie „Die dümmste Generation“ wollen erklären, wie die Menschen im digitalen Zeitalter verblöden. Doch es gibt nur sehr wenige Daten, die diese Behauptungen unterstützen.

Meiner Meinung nach ist die Generation Internet die schlauste, die wir je hatten. Niemals zuvor waren die Oberschüler und Studenten mehr bereit, ehrenamtlich aktiv zu werden. Sie engagieren sich politisch, was auch zu Obamas Präsidentschaft beigetragen hat. In den USA sinkt der Anteil von Jugendlichen, die Drogen nehmen, seit 15 Jahren jedes Jahr. Zudem steigt der IQ von Schülern seit mehreren Jahren sie erreichen bei Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen heute höhere Punktzahlen als je zuvor. Auf diese Generation können wir unsere Hoffnungen setzen.

Allerdings gibt es eine digitale Kluft. Der eingeschränkte Zugang zur Informations- und Kommunika-tionstechnologie in armen Bevölkerungsschichten stellt ein großes Problem dar. Meine Beschreibung der Generation Internet passt in den USA auf etwa zwei Drittel der Schüler. Für den Rest sieht es düster aus. Die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe ist hoch. Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten sind schlecht ausgebildet, verlassen die Schule und haben nie die Chance, ihr Potenzial auszuschöpfen. Die Lage wird sich bald noch zuspitzen, weil Schulen in den USA aufgrund geringerer Steuereinnahmen im kommenden Jahr 300.000 Lehrer entlassen.

Ein weiteres Problem ist der Umgang mit Privatsphäre. Jugendliche können sich sehr schaden, wenn sie ihre Fotos ins Internet stellen, vielleicht sogar noch jene von der Party am Vorabend. In vielen Firmen gehört es zum Standard, Facebook-Profile von Bewerbern anzuschauen. Täglich gibt es Geschichten von jungen Leuten, die eine Stelle nicht bekommen, weil über sie unangemessene Inhalte im Internet stehen.

Smarte Firmen nutzen Instrumente wie Facebook, um potenzielle Angestellte zu finden. Denn heutzutage kommen die besten Erfindungen für das Geschäftsleben, das Bildungswesen oder die Politik von jungen Internetnutzern. Im Internet geht es nicht einfach darum, ein Video auf YouTube zu laden, eine coole Webseite zu entwerfen oder eine Plattform für Hobbygärtner zu schaffen. Dort entsteht vielmehr eine neue Art der Produktion und diese wird grundsätzlich verändern, wie wir Güter entwickeln, wie wir regieren, wie wir erziehen. Das ist die wahre Bedeutung des Internets.

Lassen Sie uns einmal genauer betrachten, wie die Internetgeneration auf zwei der bedeutendsten Institutionen unserer Gesellschaft einwirkt: Bildung und Geschäftsleben. Die Kluft zwischen dem Stil, in dem viele große Universitäten unterrichten, und der Art, wie die Angehörigen der Generation Internet am besten lernen, wird immer größer. Wenn jemand, den man vor 300 Jahren eingefroren hätte, heute wieder aufgetaut würde, und sich einen Piloten im Jumbojet, einen Chirurgen im OP oder einen Ingenieur anschauen würde, der Autos mit CAD-System entwickelt, müsste er darüber ins Staunen geraten, wie die Technik unser Wissen verändert und bereichert hat. Würde diese Person allerdings eine Vorlesung an der Universität besuchen, könnte sie sich damit trösten, dass zumindest manche Dinge beim Alten geblieben sind.

Die traditionelle Vorlesung, bei der ein Professor am Pult steht und vor einer großen Studentenschar spricht, ist immer noch an vielen Universitäten üblich. Dieses auf den Lehrer fokussierte Modell isoliert den Schüler in seinem Lernprozess. Die jungen Menschen, die in einer interaktiven digitalen Welt groß geworden sind, lernen jedoch ganz anders. Geschult durch Google und Wikipedia, wollen sie selbst nachforschen, anstatt sich einzig und allein auf den Professor zu verlassen, der sie durch ein Thema führt. Sie möchten eine angeregte Unterhaltung führen und nicht einfach nur einem Vortrag folgen müssen. Sie wollen ein interaktives Bildungsprogramm. Das einseitige Vermittlungsmodell passte vielleicht zum industriellen Zeitalter oder zur Nachkriegsgeneration. Heute haben die Studenten andere Erwartungen an ihre Universitäten und wenn diese das weiter ignorieren, wird das den Bildungseinrichtungen Schaden zufügen.

In dem industriellen Unterrichtsmodell ist der Lehrer der Sender von Informationen und der Student der Empfänger. Alles läuft nach dem Prinzip: „Ich bin der Professor und ich habe das Wissen. Du bist der Schüler und du bist ein leeres Gefäß. Also mach dich bereit! Dein Ziel muss es sein, diese Information in deinem Kurzzeitgedächtnis zu speichern und sie durch Übung und Wiederholung zu verinnerlichen, damit du sie mir wiedergeben kannst, wenn ich dich teste.“

Die neuen Medien, insbesondere das Internet, machen es möglich, das Lernerlebnis auf den Empfänger statt auf den Sender zu konzentrieren. Es fängt damit an, dass man die Fähigkeiten des Lernenden, seinen sozialen Hintergrund und andere wichtige Faktoren, die das Lernen beieinflussen, berücksichtigt. Es müssen Software-Programme zum Einsatz kommen, die genau auf den jeweiligen Schüler oder Studenten zugeschnitten sind. Der Unterricht wird aktiver, wenn Schüler debattieren, diskutieren, recherchieren und zusammen an Projekten arbeiten.

Wie können Leute heute behaupten, dass es auf das Gleiche hinausläuft, ob man dem Professor mit anderen Studenten in einem großen Vorlesungssaal zuhört oder sich in einem Klassenzimmer per Computer mit anderen Klassenkameraden, Schülern und Bibliotheken auf der ganzen Welt verbindet und austauscht?

Nebenbei bemerkt: Ich glaube nicht, dass durch das Internet die Fähigkeit junger Leute, ein Buch zu lesen, verloren geht. Denken Sie nur an die Millionen von Kindern und Jugendlichen, die alle sieben Bände über Harry Potter verschlungen haben. Wenn man Inhalte kreiert, die junge Menschen interessant finden, dann lesen sie diese auch. Zudem müssen Kinder immer weniger Bücher von vorne bis hinten studieren. Insbesondere gilt das für Textbücher. Wenn man ihnen zum Beispiel die Geschichte von Brasilien beibringen möchte, so sagt kein Buch alles über dieses Thema. Der Lehrer kann die Schüler Informationen aus verschiedenen Büchern, Zeitungen, Magazinen, Webseiten, Audioaufnahmen, Geschichtsvideos und vielen anderen Quellen sammeln lassen. Heutzutage ist die beste Unterrichtsmethode diejenige, welche es den Schülern ermöglicht, sich aus einer Vielzahl an Informationsquellen zu bedienen.

Mich überzeugt es ganz und gar nicht, wenn behauptet wird, digitale Techniken und die intellektuelle Entwicklung eines Menschen würden einander ausschließen. Tatsächlich gehen sie Hand in Hand, wenn man die Sache richtig angeht. Die „Multi-Tasker“ von heute haben gelernt, mit dem Überfluss an Informationen umzugehen. Das Internet hat aus ihnen aktive und anspruchsvolle Fragesteller gemacht. Die Professoren, die einflussreich bleiben wollen, müssen sich von den traditionellen Methoden lösen und anfangen ihren Studenten zuzuhören und sich mit ihnen zu unterhalten. Sie sollen sie dazu animieren, miteinander und mit anderen Menschen außerhalb ihrer Universität zusammenzuarbeiten. Durch die neuen Technologien ist alles dies nun möglich.

Die Universität ist aber nur eine Institution von vielen, die angesichts der neuen Voraussetzungen der jungen Generation in Zugzwang gerät. Auch Firmen und Organisationen müssen sich auf die Internetgeneration einlassen. Ich bin davon überzeugt, dass die Generation Internet eine neue Arbeitskultur hervorbringen werden. Ganz grundsätzlich wird sich verändern, wie Unternehmen Kreativität und Innovation orchestrieren. Die schlauen unter den milliardenschweren Firmen haben erkannt, dass Innovation an den Rändern beginnt. Bislang hierarchisch strukturierte Unternehmen werden zunehmend mit Geschäftsmodellen arbeiten, die auf Kooperation beruhen. Modelle, bei denen Konsumenten, Angestellte, Geschäftspartner und sogar Konkurrenten jenseits von Kontrollmechanismen Werte schöpfen. Dies hat unter anderem auch damit zu tun, dass die Kosten für Kooperationen dank digitaler Technologien gesunken sind.

Wenn der Arbeitsalltag früher einer streng organisierten Armee ähnelte, in der Offiziere Anweisungen geben und Soldaten folgen müssen, gleicht der Arbeitsplatz der Zukunft einem Jazz-Ensemble mit kreativen Musikern, die zu einer bestimmten Melodie zusammen improvisieren. Die Angestellten organisieren sich selbst und interagieren auf globaler Ebene. Wenn Hierarchien gelockert werden und der Einzelne mehr Macht erhält, Entscheidungen zu treffen, kann die Arbeit schneller vonstattengehen. Die Menschen empfinden mehr Verantwortung gegenüber ihren Kunden und sind authentischer.

Die Angestellten der Internetgeneration sind selbstbewusst, kreativ und unabhängig. Es ist eine Herausforderung, sie zu führen. Die Firmen müssen auf ihre Bedürfnisse eingehen und eine ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Freizeit möglich machen, ohne dabei die älteren Angestellten aus dem Blick zu verlieren. Arbeitsstrukturen müssen verändert werden. Wenn dies gelingt, verhelfen die jungen Menschen der Generation Internet den Unternehmen zu größerer Konkurrenzfähigkeit.

Selbst angesichts der aktuellen Wirtschaftkrise sind wir nicht mehr weit von einem Krieg um Talente entfernt. Als vor zwanzig Jahren Universitätsabsolventen in die Arbeitswelt eintraten, konnten sich die Firmen die besten jungen Leute aussuchen. Arbeitgeber hatten die Macht und die Qual der Wahl, während die Menschen, die Arbeit suchten, dankbar waren, angestellt zu werden. Sie taten, was sie konnten, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Nie wäre es ihnen eingefallen, radikale Veränderungen vorzuschlagen, wie im Unternehmen besser gearbeitet oder angeleitet werden könnte. Der Spieß wird sich umdrehen. In den nächsten zehn Jahren, wenn ältere Arbeitnehmer in Rente gehen, wird es nicht genug junge Menschen geben, die dann die frei werdenden Plätze einnehmen können. Damit sie den Wettstreit um Talente gewinnen, müssen Firmen ihre Art und Weise, wie sie mit ihren Angestellten umgehen, überdenken – vom Bewerbungsgespräch bis zum letzten Arbeitstag. Statt rekrutieren, trainieren, beaufsichtigen und behalten, heißt es dann: initiieren, kollaborieren und entwickeln. Ich nenne das Ganze Talent 2.0.

Hier kommen ein paar konkrete Beispiele und Empfehlungen: Denken Sie noch einmal neu über Autorität nach. Seien Sie ein guter Anführer, ob als Lehrer, Mentor oder Coach, aber machen Sie sich bewusst, dass Sie auf einigen Gebieten selbst der Schüler sind und der angestellte Digital Native Ihr Lehrer. Die Generation Internet braucht sehr viel Feedback und Ihre Anerkennung muss authentisch sein, sonst bringt sie nichts. Überdenken Sie Ihre Strategien, neue Angestellte zu werben. Bahnen Sie Beziehungen an.

Verschwenden Sie kein Geld damit, Anzeigen zu schalten. Nutzen Sie soziale Netzwerke, um junge Leute für Ihr Unternehmen zu interessieren. Überlegen Sie noch einmal neu, wie Sie Fortbildungen organisieren. Ermutigen Sie Ihre Angestellten zu bloggen. Verbannen Sie Facebook oder andere soziale Netzwerke nicht von den Arbeitscomputern, sondern lernen Sie damit umzugehen. Geben Sie den jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Werkzeuge im Interesse des Unternehmens zu nutzen.

Wir müssen der Jugend zuhören, ihre Kultur willkommen heißen und unsere Organisationen verändern. Tun wir das, so haben wir Einrichtungen, die deutlich besser für das 21. Jahrhundert gerüstet sind. 

Aus dem Englischen von Katharina Olschenka

dontapscott.com
www.youtube.com/watch
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