Ist es praktisch oder schön?

von Serhij Zhadan

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Noch nie war ich wirklich auf der Seite des Fortschritts. Ich gewöhne mich langsam an die Dinge und gewöhne sie mir nur überaus schmerzhaft wieder ab. Ich liebe alte Filme, die noch auf Magnetband laufen, gegenüber sozialen Netzwerken im Internet bin ich skeptisch. Ich habe nicht einmal ständig ein Mobiltelefon bei mir. Allerdings möchte ich hier keineswegs gegen digitale Technologien antreten. Wie lächerlich wäre es auch, gegen etwas anzutreten, das unausweichlich ist? Da versucht man besser, es zu verstehen.

Einer der Gründe für eine so konservative Haltung ist die Abneigung dagegen, sich mit technischen Eigenheiten auseinandersetzen zu müssen. Besonders schwer fällt dies künstlerisch veranlagten Menschen, was auch nicht weiter verwunderlich ist. Wie oft begegnet man Poeten, die keine E-Mails schreiben und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie nicht wissen, wie man ein elektronisches Postfach einrichtet! Wie viele Künstler fotografieren mit alten sowjetischen Fotoapparaten, weil sie den Digitalkameras nicht trauen! Und wie viele Probleme entstehen mit neuen Telefonen, Computern und Druckern! Wer hätte da keinen Grund, sich von technischen Innovationen loszusagen?

Ich denke, eines der Motive, aus denen wir digitalen Fortschritt ignorieren, ist die Liebe zu den alten Dingen, die unser Dasein ausmachen und auch unsere Erinnerungen. Freilich sieht unsere Lebensweise einen aufmerksamen Umgang mit den uns umgebenden Dingen nicht mehr vor. In der heutigen Gesellschaft gibt man sich eher pragmatisch – mit Möbeln, mit Kleidung, mit Technik. Mir persönlich lag immer eine liebevolle Beziehung zu den Objekten näher. Ich bin davon überzeugt, dass alte Fernseher, Aufnahmegeräte und Waschmaschinen unsere Gegenwart und Zukunft genauso prägen wie unsere Zartheit, Aggressivität oder Gleichgültigkeit.

Der Prozess, etwas mit eigenen Händen zu schaffen, schien mir immer viel mit Energie zu tun zu haben. Energie, die du deiner Umwelt gibst und von ihr wieder zurückbekommst. Ich bin mir dessen bewusst, dass dies ziemlich pathetisch klingt, aber es ist immer angenehmer, sich mit Dingen zu beschäftigen, bei denen man noch den Hauch des Menschlichen verspürt. Ich verstehe also die Leute, die lieber stundenlang eigenhändig Fotos schlechter Qualität machen, als sich eine billige Digitalkamera zu kaufen. Oder jene, die ihre Briefe auf Schreibmaschinen verfassen, obwohl klar ist, dass diese ins letzte Jahrhundert gehören. Schreibmaschinen sind unhandlich und nicht effizient. Wenn du aber dann einen Menschen siehst, der sich damit abquält, die nötigen Buchstaben zu drücken, erfüllt dich das unwillkürlich mit Achtung und Sympathie. Ich selbst könnte das allerdings nicht. Seit Langem arbeite ich mit dem Computer, sei es, weil ich keine gute Schreibmaschine besitze, sei es wegen gewöhnlicher menschlicher Trägheit. Im Prinzip gehört auch diese ins letzte Jahrhundert.

Heutzutage sind Dynamik und Arbeitswille gefragt, nicht Faulenzerei und Außenseitertum. Wahrscheinlich versuche ich deshalb, allen diesen Unzulänglichkeiten des menschlichen Charakters mit Verständnis zu begegnen – letztlich verhindern sie ja unsere komplette Vereinheitlichung. Genau deshalb rufen digitale Technologien bei mir ein Gefühl von Schwermut und Unausweichlichkeit hervor, vergleichbar mit dem Winter, dem man auch nicht entgehen kann, in den man sich irgendwie einleben, den man aber nicht auch noch lieben muss.

In der heutigen Gesellschaft verliert der Mensch vor allem Aufmerksamkeit und Neugier, auch wenn digitale Technologie nötig und richtig ist. Wir geben die Initiative an Maschinen ab und wir minimalisieren das Recht auf technische Pannen. Wir sorgen uns um Pünktlichkeit sowie um die Einhaltung gewisser Standards und vergessen, unsere eigenen Briefe und Tagebücher wieder zu lesen. Wir schießen Hunderte gestochen scharfe Bilder, aber haben keine Zeit, sie aufmerksam zu betrachten. Wir schreiben Musik, vergessen aber den Zuhörer wir zeichnen Bilder und zeigen sie niemandem. Wenn uns jemand fragen sollte, was wir übereinander wissen, über die, die uns umgeben und direkt neben uns wohnen, so könnten wir nichts darauf erwidern.

Der Fortschritt macht uns mobiler, aber nicht aufmerksamer. Wir sehen die Welt weiter mit unseren Augen, wenn auch nicht so scharf wie auf unserem Plasma-Flachbildfernseher. Manchmal scheint mir die Technologie unserer Zeit wie ein Aufzug im Turm zu Babel. Er hebt uns weniger in den Himmel, als dass er uns von der Erde losreißt. Er vereint uns, bringt uns aber einander nicht näher. Er fährt uns am Ende zwangsläufig in die höchsten Etagen, wo wir die wichtigsten Worte unseres Lebens lesen können. Freilich, es ist uns nicht möglich, sie zu übersetzen.



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