„Live-Musik boomt“

Simon Frith

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Herr Frith, Sie beschäftigen sich mit Livemusik. Ist das im digitalen Zeitalter nicht etwas altmodisch?
Ganz im Gegenteil. Es gibt ständig neue Verbindungen von Livemusik und Medientechnologie wie Karaokenächte oder Castingshows im Fernsehen. Aktuell zeigt sich, dass die digitale Revolution den kulturellen Wert des Live-erlebnisses sogar steigert.

Was bedeutet das?
Wir haben Anlass davon auszugehen, dass etwa durch Filesharing, das Tauschen von Songs über das Internet, für eine neue Generation von Konsumenten der Gedanke, für eine CD zu bezahlen, an Sinn verliert. Zwar wurden schon immer Platten getauscht und Musik gehört, für die man nicht bezahlt hat. Allerdings hat die Digitaltechnologie die Bewertung des Mediums verändert. Der Plattenindustrie, die vom CD-Verkauf abhängt, bereitet dies ein Problem. Der soziale Wert von Musik hat sich aber nicht verändert.

Was ändert sich dadurch für die Musikindustrie?
Platten verkaufen sich immer noch und es gibt nach wie vor Plattenfirmen. Doch die Musikindustrie ist kapitalistisch geprägt und Kapitalismus ist nun mal von Wachstum abhängig. Umsatzsteigerungen und wachsende Verkaufszahlen sind der Plattenindustrie in den Jahren zwischen 1960 und 1990 sehr erfolgreich gelungen. Dagegen ist die Zahl der verkauften Platten in den vergangenen zehn Jahren stetig gefallen.

Durch die Digitalisierung haben sich Angebot und Nachfrage generell verändert?
Ja, Jugendliche geben heute sehr viel Geld für Mobiltelefone aus, mit denen sie Zugang zu Songs und Videos haben. Dieses Geld fließt an die Telefongesellschaft, die den Netzzugang bereitstellt. Auch das verringert die Profite der Plattenfirmen und in der Konsequenz deren Investitionen in neue Musik. Gleichzeitig beobachten wir einen wahren Boom von Liveveranstaltungen. Die Preise für Konzerttickets sind seit 1990 stärker gestiegen als die Inflationsrate. Das ist eine Entwicklung, die das gesamte Musikbusiness umstrukturiert. In Großbritannien übertrifft der Umsatz von Konzerten inzwischen den von Plattenverkäufen. Statistiken zeigen, dass die meisten Beschäftigten im Musiksektor mittlerweile für Liveveranstaltungen tätig sind. Große Unternehmen kontrollieren den Großteil der Veranstaltungsorte und der Vermarktung von der Werbung über die Ticketverkäufe bis zum Merchandising. Bemerkenswert ist jedoch der Bruch zwischen Platten- und Musikindustrie. Das ist ein Paradigmenwechsel.

Ist dies positiv für die Musiker?
Es ist ein neues Marketingmodell, das sich aber nur an der Spitze auszahlt.

Und was ist mit dem Rest der Musiker?
Das ist die Kehrseite der Medaille: Obwohl Livemusik boomt, rentiert sich das nicht für die noch unbekannten Bands. Hier fehlen die Plattenfirmen, die traditionell neue Bands unterstützt haben. Das tun sie heute nur noch selten. Die Plattenfirmen haben zu wenig Geld für Spekulationen. Viele Bands, die auf kleinen Bühnen spielen, halten sich mit anderen Jobs und Berufen über Wasser. Einigen dieser Bands ist es dabei über die Zeit gelungen, ein beachtliches Publikum aufzubauen.

Mithilfe des Internets könnte man doch diese Musik viel leichter verbreiten?
Das Netz bietet natürlich Zugang zu einer gewaltigen Anzahl von Menschen. Management und PR sind jedoch nach wie vor sinnvoll. Auch Musikmagazine und Musikkritiker sind als Filter zur Orientierung hilfreich. Eine Sache, die auffällt, ist, dass die Anzahl von Alben ständig zunimmt. Die Möglichkeit, seine Musik direkt ins Netz zu stellen, hält scheinbar niemanden davon ab, Alben zu produzieren, viele sogar ohne Plattenfirma. Das Internet dient also in erster Linie als Plattform für eine neue Art von Marketing, das durchaus den Erfolg von Bands ankurbeln kann. Vielleicht wird ein Song für einen Film verwendet oder jemand wird auf die Musik aufmerksam und es ergeben sich Auftrittsmöglichkeiten.

Das Interview führte Angela Dressler



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