Das neue Gehirn

von Nicholas Carr

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Man könnte meinen, das Internet mache uns klüger. Immerhin haben wir heute sehr viel leichter als jemals zuvor Zugang zu gewaltigen Informationsspeichern. Doch wissenschaftliche Ergebnisse lassen darauf schließen, dass das größte Archiv der Welt uns zu zerstreuten und oberflächlichen Denkern macht.

Seit einem Jahrzehnt untersuchen Biologen und Psychologen den Einfluss des Internets auf unser Gehirn. Experimente zu den kognitiven Effekten von Hypertext, Multimedia, Unterbrechungen und Multitasking gab es auch schon davor. Das Bild, das aus dieser Forschung hervorgeht, bietet Anlass zur Sorge, zumindest für jene von uns, die Scharfsinnigkeit des Denkens höher schätzen als Geschwindigkeit. Unsere Gehirne, so sieht es der Neurowissenschaftler Michael Merzenich, werden sich durch den zunehmenden Gebrauch des World Wide Web wahrscheinlich „massiv umbilden“ – und nicht zum Besseren.

In einem Artikel, der letztes Jahr im Wissenschaftsmagazin Science erschien, nahm Patricia Greenfield, eine führende Entwicklungspsychologin der Universität von Kalifornien in Los Angeles, Dutzende von Studien unter die Lupe, die verschiedene Einflüsse von Medientechnologien auf unsere kognitiven Fähigkeiten untersuchen. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Tätigkeiten am Computer, etwa die Beschäftigung mit Computerspielen, die „visuelle Kompetenz“ steigern können. Frau Greenfield kommt in ihrem Artikel zu dem Schluss, dass „jedes Medium einige kognitive Fähigkeiten schult, auf Kosten von anderen.“ Unser wachsender Umgang mit Bildschirm-basierten Medien habe unsere räumlich-visuelle Intelligenz gestärkt.

Das verbessere unsere Eignung für bestimmte Tätigkeiten, bei denen viele simultane Signale im Auge behalten werden müssen, zum Beispiel in der Flugüberwachung. Doch das gehe einher mit „neuen Schwächen in kognitiven Prozessen höherer Ordnung“, darunter fallen „abstraktes Vokabular, Aufmerksamkeit, Reflexion, induktives Problemlösen, kritisches Denken und Imagination“. In einem Wort: Wir werden oberflächlicher. In einem anderen Experiment, das kürzlich an der Stanford University durchgeführt wurde, ließ ein Forscherteam 49 Probanden, die viele Medien gleichzeitig nutzen, und 52 Personen, die das sehr viel weniger tun, zahlreiche kognitive Tests absolvieren.

Die ausgeprägten Multitasker ließen sich leichter ablenken, konnten ihre Aufmerksamkeit schlechter kontrollieren und waren weniger in der Lage, wichtige Informationen von belanglosen zu unterscheiden. Dieses Ergebnis überraschte die Forscher. Sie hatten bei den intensiven Multitaskern einige besondere mentalen Vorteile aus ihrer Bildschirm-Jongliererei erwartet. Tatsächlich waren sie nicht einmal im Multitasking , dem Hin-und-Her-Wechseln zwischen Aufgaben besser als die Vergleichsgruppe. „Alles lenkt sie ab“, stellt Clifford Nass, der Leiter der Forschungsgruppe, fest.

Das Problem mit dem Netz ist: Es raubt unsere Aufmerksamkeit. Der Reichtum unserer Gedanken, unserer Erinnerungen und sogar unserer Persönlichkeiten hängen ab von unserer Fähigkeit, die Gedanken zu fokussieren und unsere Konzentration aufrechtzuerhalten. Nur wenn wir einer neuen Information volle Aufmerksamkeit schenken, sind wir in der Lage, sie „sinnvoll und systematisch mit dem schon gut etablierten Wissen in unserem Gedächtnis“ zu verbinden, schreibt der Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Eric Kandel. Solche Verbindungen sind für das Meistern komplexer Gedanken grundlegend.

Wenn wir ständig abgelenkt und unterbrochen werden, wie das online oft passiert, werden unsere Gehirne daran gehindert, starke und weitverzweigte neuronale Verbindungen zu formen, die unserem Denken Tiefe und Klarheit geben. Wir verbringen unsere Tage damit, rastlos unzusammenhängende Informationspartikel in unser Kurzzeitgedächtnis hinein- und dann wieder hinauszutreiben. Was wir verlieren, ist die Fähigkeit zu verlangsamen, gründlich über die gefundene Information nachzudenken.

Das wäre nicht so schlimm, wenn diese üblen Effekte verschwinden würden, wenn wir unsere Computer und Mobiltelefone ausschalten. Doch das tun sie nicht. Die zelluläre Struktur des menschlichen Gehirns passt sich rapide an die Werkzeuge an, die wir zum Finden, Speichern und Teilen von Informationen benutzen. Durch Veränderung in unseren geistigen Gewohnheiten stärkt jede neue Technologie bestimmte neuronale Bahnen und schwächt andere. Die zellulären Veränderungen beeinflussen auch dann unsere Art zu denken, wenn wir die Technik gerade gar nicht benutzen. Je mehr Zeit wir damit verbringen, auf unsere betriebsamen Bildschirme zu starren, um so höher das Risiko, dass wir unsere Kompetenz zum Nachsinnen, zu Reflexion und Selbstbeobachtung verlieren. Man kann eine Menge Informationen im World Wide Web finden, aber Weisheit gibt es dort nicht.



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