Und wie fühlt sich Ihr Nacken an?

von Mike Sandbothe

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Wie viel Zeit haben Sie heute vor dem Bildschirm verbracht? Computermonitore, Laptop-Screens, Fernsehbildschirme, Displays von Mobiltelefonen, MP3-Playern und Tablet-Computern sind die physischen Boten der elektronischen Evolution. Sie laden uns dazu ein, unsere Körper auf bestimmte Weise zu nutzen.

Bis vor Kurzem war die Welt der Bildschirme eine Sitzkultur. Die Fernsehzuschauer nutzten ihre Körper wie couch potatoes und die Internetuser surften im Web, ohne auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Auch heute verbiegen wir unsere Wirbelsäulen noch häufig, wenn wir angestrengt am Schreibtisch sitzen oder uns am Abend ins Wohnzimmersofa fläzen. Zusätzlich aber nutzen wir die Schirme nun auch im Gehen, beim Laufen, beim Fahren und Fliegen.

Zu Beginn des neuen Jahrzehnts haben Medien wie Der Spiegel oder Die Zeit damit begonnen, das Wuchern der Bildschirmnutzung im öffentlichen Raum und die Verwendung der iScreens in bewegten Lebenslagen als zweite Digitalrevolution zu feiern. Doch ein wirklicher Wandel, eine echte Medienumwälzung sieht anders aus als diese etwas ungemütliche Form der Ausdehnung der Internetkultur auf die Welt der bewegten Körper.

Mich erinnert die aktuelle Debatte um das iPad an den Hype um das Hochauflösende Fernsehen (HDTV), der Mitte der 1990er-Jahre durch die deutsche Presse schwappte. Zur gleichen Zeit brachte Marc Andreessen in den USA seine Browser-Firma Netscape an die Börse. In Deutschland diskutierte man über die Pixelzahl von Fernsehbildschirmen, während in den USA die Massenmedialisierung des Internets begann und damit ein neues kulturelles Leitparadigma geschaffen wurde.

Die vermeintliche iPad-Revolution empfinde ich heute in Bezug auf das Internet als einen ebenso typischen Fall von generalstabsmäßig geplanter Produktevolution wie damals die selbsternannte HDTV-Revolution in Bezug auf das Fernsehen. Kein Medienwechsel, sondern nur ein ökonomisch motivierter Schritt vorwärts in der Perfektionierung des Alten. Was aber entspricht heute der wirklichen Revolutionsdynamik von damals?

Meine Antwort mag überraschen. Aber bitte bedenken Sie: Ich bin Medienphilosoph. Und Medienphilosophen nehmen unseren alltäglichen Sprachgebrauch ernst. Sie fassen unter „Medium“ alles, was wir mit diesem Wort in seinen unterschiedlichen Verwendungsweisen bezeichnen. Und dazu gehören neben den technischen Verbreitungsmedien (von der Schriftrolle bis zum Internet) und den künstlerischen Kommunikationsmedien (vom Theater bis zur Multimedia-Installation) auch der Raum, die Zeit, unsere Sinnesorgane und der menschliche Körper. Ja, der menschliche Körper, dieses Meta-Medium, auf das alle anderen Medien in ihrem Gebrauch zugeschnitten sind: Er steht meines Erachtens im Zentrum der sich für das neue Jahrzehnt abzeichnenden Medienrevolution.

Spüren Sie doch einfach mal in sich hinein? Wie fühlt sich Ihr Nacken an, wenn Sie wieder zwei Stunden lang vor dem Laptop gesessen haben? Egal, ob im Zug, im Café, im Büro oder zu Hause – die Nackenwirbel werden unbeweglich, weil die Muskulatur sich verspannt hat. Und was macht Ihr Solarplexus, wie fühlt sich Ihr Herz-Chakra an, wie entwickelt sich Ihre Ehe, seit Sie beim Frühstück das iPhone checken und Ihr iPad updaten, während im Hintergrund das Radio oder Fernsehen läuft und Sie sich gleichzeitig face to face mit Ihrer Familie unterhalten?

Nein, das sind keine bloß rhetorischen Fragen. Der Körper ist in meiner Wahrnehmung das derzeit am stärksten in Mitleidenschaft gezogene und am gröbsten vernachlässigte Medium in der oben beschriebenen Großfamilie der sinnlichen, künstlerischen und technischen Medientypen. Und wenn diese Familie ein Ganzes bildet, das heißt wie ein intern vernetztes System funktioniert, dann ist die revolutionäre Dynamik der Zukunft genau da zu suchen, wo die ärgste Vernachlässigung stattfindet. Revolutionen sind Gegenbewegungen. Das gilt auch und gerade für die Welt der Medien.

Wenn man genauer hinschaut, sind die Boten des Neuen schon sichtbar. So denkt Gernot Böhme in seinem jüngsten Buch über die „Ethik der leiblichen Existenz“ (2008) nach und Richard Shusterman praktiziert diese sogar. Der amerikanische Philosophieprofessor ist nicht nur Leiter des an der Florida Atlantic University beheimateten Center for Body, Mind and Culture, sondern zugleich auch Feldenkrais-Lehrer.

Ich selbst nutze die Feldenkrais-Methode beim Schreiben dieses Essays. Sobald ich merke, dass mein Nacken sich bei der Arbeit am Bildschirm zu verspannen beginnt und meine Gedanken nicht mehr ungestört fließen, lege ich mich auf den Boden. Ich spüre die Lage meiner Füße und Beine, meines Beckens, meiner Rippen, Schultern, Arme und Hände sowie meines Kopfes. Ein Bild meiner aktuellen Körperhaltung entsteht. In einem zweiten Schritt nehme ich Bewegungen in mir wahr. Jeder meiner Muskeln hat eine bestimmte Aktivitätsausrichtung, die ich entdecken und deren kreatives Potenzial ich freisetzen kann. Der Begründer dieser „Anleitung zur Spontaneität“, Moshe Feldenkrais (1904–1984), hat das „Bewusstheit durch Bewegung“ genannt.

Tatsächlich führt der Prozess zur Lösung von Muskelanspannungen und Energieblockaden. Schon nach zwanzig Minuten beginnen meine Gedanken wieder freier zu fließen. Die Arbeit mit dem physikalischen hat den energetischen Körper regeneriert und dadurch das Selbstgefühl gestärkt und dem Geist neue Kraft verliehen. Diese Kraft des Geistes wird in der Philosophie auch Urteilskraft genannt. Im Zeitalter der digitalen Maschinen brauchen wir sie mehr denn je. Denn umso größer und komplexer die Datenströme sind, die durch die weltweiten Leitungen fließen, desto wichtiger wird die Verwurzelung des selektierenden Menschengeistes in seiner somatischen Präsenz.

Von der Internetkultur zu einem neuen Körperbewusstsein führt der Weg eines gelingenden Menschenlebens schon heute. Burn-out und Depression sind Warnsignale eines Körpers, dessen mentale Kräfte zur Synthese von Information an ihre Grenzen gekommen sind. Die Eta-blierung des Internets als kommerzielles Massenmedium hat die Globalisierung der Märkte weiter beschleunigt und an die Grenzen ihrer Informationsverarbeitungsfähigkeiten geführt. Weltwirtschaftsdepression, Finanzkrise, Fiskalkrise – das sind Warnsignale eines kulturellen Kapitalkörpers, dessen Kräfte zur Synthese seiner eigenen Aktivitäten nicht mehr ausreichen.

Der Übergang von der Internetkultur zu einem neuen Körperbewusstsein hat insofern eine grundlegend andere Qualität als der Wechsel von der Fernseh- zur Internetkultur. Während es sich damals um eine relativ sanfte Veränderung vom einen technischen Leitmedium zum anderen handelte, geht es jetzt um die krisenhafte Re-Integration unseres nichttechnischen Meta-Mediums. Der Körper als Ort der persönlichen Selbstentfaltung, der künstlerischen Darstellung und der multidimensionalen Kommunikation von Mensch, Natur und Technik eröffnet Horizonte kultureller Transformation, die über das Bisherige weit hinausgehen.

Auch die Ressourcen-, Energie- und Klimakrisen haben mit unserem Verhältnis zu uns selbst als körperlichem Naturwesen zu tun. Zwar haben wir vielfältige medizinische Technologien entwickelt, um unsere Organe, Knochen, Muskeln und Zellen zum Beispiel mit den Mitteln der Computertomographie zu analysieren. Aber wir spüren uns nicht mehr. Mit dem Gefühl für uns selbst haben wir auch das Gefühl für den Zustand des Planeten verloren, auf dem wir leben. Stattdessen wird seine mögliche Zukunft mittels Computersimulationen auf den Screens der Klimaforscher sichtbar.

Knien Sie sich doch einfach mal für ein paar Minuten auf den Boden! Falten Sie Ihre Hände vor dem Herzen, atmen tief ein und lassen die gefalteten Hände langsam mit dem Ausatmen nach oben wandern. Vor dem Hals oder der Nase machen Sie eine Pause zum Einatmen und bewegen dann die Hände beim Ausatmen wieder zurück zum Herzen.

Menschen funktionieren wie Medien. Durch sie fließt Energie. In der modernen Komplementärmedizin hat man daraus ganzheitliche Konsequenzen gezogen und spricht von den „fünf Körpern des Menschen“ – dem physischen, dem elektrischen, dem mentalen, dem Traum- und dem Seelenkörper. Wie würde eine holistische Medizin der Zukunft aussehen, die neben dem psychosomatischen Wechselspiel auch die energetischen, spirituellen und religiösen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit mitberücksichtigt? Mehr noch: Wie könnte ein körperbasiertes Schulsystem Gestalt gewinnen, das neben Lesen, Schreiben, Rechnen und Computerkompetenz auch die Pflege des energetischen Gleichgewichts von Körper, Geist und Seele als grundlegende Kulturtechnik anerkennt?

Mitte der 1990er-Jahre mochte sich kaum ein Bildungspolitiker vorstellen, wie unsere Schulen aussähen, wenn die Klassenräume computerisiert und mit dem Internet vernetzt wären. Heute ist das Alltag. Der Filmemacher David Lynch hat 2005 seine Foundation for Consciousness-Based Education gegründet und unterstützt die Maharishi University of Management in Fairfield (Iowa) mit Millionenbeträgen. An dieser Universität wird das übliche akademische Programm mit dem professionellen Unterricht von Transzendentaler Meditation und anderen Techniken zur Schulung kreativer Körpererfahrung verbunden. Ein ähnliches Angebot will Oprah Winfrey in ihrem neuen Fernsehkanal OWN (Ophrah Winfrey Network) ab 2011 für ein Massenpublikum zur Verfügung stellen.

Die Rede vom Übergang zu einem neuen Körperbewusstsein ist ein Plädoyer – und zugleich mehr als das. Es geht um einen Prozess, der in den USA und anderen Ländern bereits begonnen hat und hier in Deutschland noch nicht deutlich genug gesehen wird. Das kennen wir von der Internetrevolution. Bei der Vernetzung der Weltgesellschaft mit Datenmaschinen kamen die Nebenfolgen zu spät in den Blick. Es wäre schön, wenn es den Akteuren gelänge, die aktuelle Transformation bewusster und umsichtiger ins Werk zu setzen.



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