Das Begehren nach Menschen

Ann Cotten

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Alles ist andauernd allem ausgesetzt. Die Wichtigkeit aller Bereiche des Lebens, durch die Erreichbarkeit erbarmungslos durcheinandergewirbelt, muss sich jederzeit mit der anderer Bereiche messen. Wir verbringen also viel Zeit mit Entscheidungen, die ohne diese künstliche Universaljuxtaposition gar nicht zu treffen wären. Von dieser ganzen Ein-Euro-Souveränität, vom andauernden Wählen zwischen Kleinigkeiten werden wir sehr unsouverän.


Ich kann meinen Eifer kaum bremsen, all mein Unglück den digitalen Medien zuzuschreiben. „Digital“ habe ich ausgeweitet, um alles Diskrete zu meinen.


Die Diskretheit, die den Umgang mit Computern so angenehm macht, ist im Alltag mit einem verlässlichen Netz vertreten. Sofern die Welt organisiert ist, gleicht sie dem Internet und lässt mich in Ruhe, die komischen Blicke gelten nicht.


Aus Verlegenheit mache ich viele Worte, ich zerteile alles. Ein Granulator zerlegt einen langen Ton, zum Beispiel in einem Synthesizer einen Sinuston, in eine Reihe von Einzeltönen. Das Gleiche macht das Digitale mit dem Analogen – unserer Lebenswelt. Es zerteilt und organisiert, bringt in Zusammenhang, in Konkurrenz, in Übereinstimmung, erzeugt Echos, hinterlässt Genealogien. Damit kann man in der Regel mehr anfangen als mit der blanken Existenz, dem wortlosen Gefühl. Sie werden geboren, lernen „wählen und richten“, lernen Sprechen, und die Probleme beginnen: Rhythmus, Unterschiede, Artikulation im weitesten Sinn, Merkmale, über die man Meinungen haben muss. Meine Freunde sprechen von Zerstreuung. Unsere Existenz wird schon immer durch Mühe und Arbeit, durch Kultur also, verharmlost und handhabbar gemacht, indem sie in kleine Happen zerfällt – immer schon, und jetzt auch ohne uns. Ohne uns? Erstens habe ich das Gefühl, nicht da zu sein, zweitens machen die Geräte weiter. Ob die Empfindung überhaupt noch da ist? Es ist, als würden wir eines dieser blassen, endlosen Videotelefongespräche über Skype führen und sie wäre fortgegangen, da sie gemerkt hat, dass es mir ganz gleich ist, ob ich mit einem echten Menschen spreche oder nur so vor mich hin formuliere.


Wenn ich mit echten Menschen spreche, schaue ich wie beim Skypen in die linke obere Ecke. Ich muss mich zwingen, dem, mit dem ich spreche, gelegentlich in die Augen zu sehen. Die Tiefen hinter den Pupillen stecken, im Gegensatz zu virtuellen Welten, voll echter Ereignisse. In Gesellschaft meines Computers bin ich sicherer, dort kann ich nur an mir selbst scheitern, was völlig ausreicht. 


Wenn ich versuche, mich gut zu benehmen, bin ich korrekt und kalt. Wärme kommt vom Wunsch, aber je effizienter das Konsumgranulat den Alltag füllt, desto mehr panzert es ihn vor dem Wunsch. Es hieß ja, wir könnten vom Umgang mit Rechnern Toleranz und Geduld lernen, diese unmenschlichen Tugenden. Selbstbeherrschung. Verachtung des Körpers. Alle sind Krieger, tragen Tarnanzüge. Die biologische Existenz genügt selten als Argument. Analoger Anspruch, auf Zeit, Nahrung, Existenz, Raum, Würde? Pah. Die Politiker haben sich selbst abgeschafft. Sie dienen der in Zahlen aufgelösten Welt. Ein Echo des Realen hallt im Repräsentativen nach: die Unbeholfenheit, mit der Politiker versuchen, mit der analogen Welt Kontakt aufzunehmen, ist real. Die Welt hat in der Politik die Rolle einer Zierde und Illustration der Statistik erhalten. Dass sich die, die diese Rolle spielen sollen, als so wenig selbstlos erweisen, ist ein großes Ärgernis für die, denen das Schicksal befohlen hat, zu regieren. Als wäre diese Regierungsebene für alle zugänglich. Dabei ist es gerade umgekehrt! Wer nicht ein technokratisches Substitut für Existenzberechtigung besitzt, einen Arbeitsplatz und einen Pass, den gibt es gar nicht. Es ist ein altes Erbe Mitteleuropas, dass die Existenz als Problem erscheint, dass man sich für die eigene Existenz entschuldigen muss und das Recht zu existieren durch lebenslängliche Fron erfolglos zu erwerben versuchen sollte.


Wenn aber die Empfindung, die ich adressiere wie die lebendigen Wesen früher den Mond, diesen cremigen Irrealis, wenn die Empfindung nicht mehr da ist, kann ich genausogut einer dieser Irren sein, die auf der Straße sprechen, aber zu niemanden und ohne anzukommen.


Heute war ich zum zweiten Mal im Leben kurz angemeldet auf Facebook, noch nie habe ich mich so gelangweilt. Es könnte sein, dass ich vom sozialen Leben weiter entfernt bin, als man es je für möglich gehalten hätte. Als man den Computer erfand, gab es keinen Einkauf ohne Zwangsplausch, und den Fußballern rutschten noch die Socken. Jetzt ist alles optimiert - der Statistik total auf den Leim gegangen. Der sozialen Existenz, die man doch für selbsterhaltend hielt, verlustig.


Facebook macht nur Spaß, wenn man sich an der bloßen Idee eines Menschen freut. An kleinen, sauber lokalisierbaren Ereignissen. Man sieht ja keinen auf Facebook. Oder machte ich was falsch? Ich wanderte da durch wie durch ein Spital, durch klinische, leere Gänge, kein Mensch weit und breit, nur Namensschilder und verstreute Dekoattentate vor den Türen. Dahinter vermutete Krankenzimmer. Wahrscheinlich lebt Facebook vom Begehren nach Menschen. Das reine Begehren und Begehrtwerden, befreit von allen Implikationen, ist begehrenswerter als die Menschen, die einander den Gefallen tun, einander dieses sterile Spiel zu ermöglichen. Mit dem Voyeurismus hat es die Liebe zur Bequemlichkeit gemein. Noch mehr hat es mit Domino und Quartetten gemein. Wieder einmal sehen wir, dass Stumpfsinn kein Produkt des Digitalen ist, sondern das Digitale immer nur durch seine dienstbare Beschleunigung den Weg für den Stumpfsinn asphaltiert.


Sagte ich vorher, meine Computererziehung mache, dass ich bloß kalt und korrekt bin, wenn ich versuche, mich gut zu benehmen? Im Virtuellen kann man die Political Correctness perfekt ausleben. Man kann sich frei erfinden, was sich mittlerweile wie ein Grundrecht anfühlt. Resultat, nicht mehr nur Nerds zeigen eine irritierende Differenz zwischen ihrem Selbstbild und ihrem Körper. Solange die notwendige Infrastruktur erhalten bleibt, kann man das als gute Lösung betrachten. Bloß transportiert man einigen ererbten Müll durch die Gegend, den die Auseinandersetzung mit dem eigenen, ererbten Körper zwänge zu überwinden, und transformiert ihn ahnungslos, in jenen geistigen Stoffwechseln, die so oft brutale Winde aus den Rückseiten erzeugen.


Die Hausflure sind verwaist, die Kokosfaserteppiche verfusselt und verstaubt, zu bloßen Korridoren Richtung draußen oder Richtung Computer verkommen. In Familien steht der Computer ja oft, wo früher das Telefon stand – der Blick vertieft sich jetzt in den blauen Bildschirm, fummelt nicht mehr beim Sprechen mit den umliegenden Gegenständen. Das Virtuelle, dieses Bodenlose, stellt die anderen, die alten, kunstlosen, wirklichen Abgründe der Innen- und Außenwelt, die in allen Gegenständen lauerten, einfach in den Schatten. Man sieht sie noch, aber ihre Tiefen ziehen den Blick nicht mehr in sich hinein, grüßen nur müde.


Nicht dass diese langandauernden Welten der Sinnarmut unbedingt zu retten gewesen wären. Sie stellten selbst schon eine kulturelle Degeneration durch Wohlstand dar. Die Reproduktion von allen Annehmlichkeiten in jeder einzelnen Kleinfamilie ist sehr hässlich, macht die begehrten Gegenstände billig und schal. Mehr Hilfsmittel – weniger Fähigkeiten, so ließe sich Degeneration durch Wohlstand umreißen. Ein Telefon pro Wohnhaus würde reichen. Man könnte in die Bar gehen, um zu telefonieren, man müsste heruntergerufen werden, in der Leitung würde man aufgeregt warten. Man könnte Leute festsetzen, die sich sonst anschleichen, alle zwei Minuten ihre Position durchgebend. Man müsste einsehen, dass die Sicherheit am Boden liegt, dass Information allein nie sicher ist.


Die Dummheit der Welt wird auf undurchschaubar komplexe Weise reproduziert. Lieber würde ich in dem allen Bosheit vermuten als Blödheit. Vielleicht habe ich mich im Grauen eingerichtet, weil ich nicht mehr mit Computern konkurrieren wollte. Vielleicht habe ich denen das Feld der Klugheit überlassen und habe mich Hals über Kopf in die Reservate des Angeblich-Menschlichen geflüchtet, trotzig, versoffen, eins dieser großen Kinder. Verschwörungstheorien sind ja nicht ohne Grund so verführerisch wie Religionen, sie erfüllen das gleiche Bedürfnis nach Vertrauen in eine Kohärenz. Auch der Angst kann man sich anvertrauen.


Vielleicht haben meine Freunde ja Recht mit ihrem Generalverdacht gegen die Zerstreuung. Aber ich spreche nicht mehr mit ihnen. Sie zerstreuen mich, denn was aus ihnen bei mir durch die Filter kommt, sind, wie Zappa sagt, „just words“. Ich misstraue ihnen. Das Digitale ist eine Art Aphasie, eine Störung der Sprache aufgrund einer Schädigung des Gehirns, in der ich zwischen einem Gefühl und einer zufälligen Zusammenstellung von Triggern nicht unterscheiden kann. Worte granulieren die Wirklichkeit, sie sind weder dem Virtuellen noch der Wirklichkeit zuzuordnen, sondern das Verbindungsplugin zwischen den beiden Welten. Die Arbeit mit Sprache hat sich als eine Art Verhör entpuppt, in der mir die virtuelle Realität meine Erfahrungen aussaugt, um aus Lebenszeit Daten zu erzeugen. Ich verdächtige nun auch jeden Satz, der aus dem Mund meiner Freunde kommt. Zwischen den Worten von einem Freund und seinem Gesicht blicke ich hin und her, unentschieden, zerrissen, welchem Teil von ihm ich mehr glauben soll. Oft umschließt mich schließlich die Frisur und steckt mir seine Worte in den Mund, die ich mit meinem Speichel angereichert wieder aus-spucke. Das schindet Zeit.

Kapitel Das virtuelle Ich Seite 22 - 37



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