Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)

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Foto: Max Lautenschläger


Chinesische Amateurfilmer wissen, wie man die Zensur im Internet umgehen kann. Anstatt Botschaften in Texten zu übermitteln, die nach verdächtigen Wörtern (Tibet, Tian´anmen) durchsucht werden können, äußern sich viele nun in kurzen Filmen, sogenannten Spoof-Videos, deren Inhalte sich nicht automatisch filtern lassen. Der menschliche Geist trickst die Mittel des Mediums aus – und jene, die sie missbrauchen.

Die digitale Technik und wir – eine Geschichte, die damit begann, dass wir plötzlich schneller rechnen konnten als denken. Wohin uns das führt, wissen wir noch nicht. Fest steht: Die Welt verändert sich und wir mit ihr, ständig und rasant, durch das Internet und die Handytechnik, durch digitale Überwachungskameras ebenso wie durch Sensoren und Chips, die den Wasser- oder Benzinverbrauch regulieren helfen, oder durch Computer, die aus Bio-Molekülen bestehen. Viele Erfindungen sind faszinierend, andere gruselig und bei einem Großteil denkt man: Es ist praktisch – aber ist es auch schön?

Wir setzen uns in diesem Schwerpunktheft zur digitalen Zukunft mit drei größeren Themen auseinander: zum einen mit virtuellen Identitäten und der Frage, wie wir uns im Netz verhalten und wirken, wie wir die Darstellungen unseres Selbst oder die anderer Menschen verbessern oder verschlechtern, kommentieren, auf- und abwerten. Zweitens mit der Verfügbarkeit und Nutzung von Wissen – und drittens mit der politischen Dimension des Digitalen. Wie frei oder unfrei macht uns die Technik, in demokratischen und nichtdemokratischen Ländern?

Im Thementeil auf den Seiten 12 bis 63 finden Sie kontroverse Antworten und Ansichten zu diesen Fragen. „Alles ist andauernd allem ausgesetzt“, schreibt die Autorin Ann Cotten über das Leben im digitalen Zeitalter. Das ist spannend, weil es Bewegung und Aufbruch bedeutet – und beängstigend, weil kaum Zeit zur Reflektion bleibt. Wir wollen mit diesem Heft kurz innehalten in der ständigen Gleichzeitigkeit, und fragen: Was geschieht hier gerade?



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