Tiefe persische Nacht

von Claudia Kotte

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Es ist eine Szene, wie sie düsterer kaum sein könnte: schwarze Nacht, unablässiger Regen, zersprungene Fensterscheiben, ein verrostetes Blechdach, zwei bewaffnete Männer. Inmitten der Tristesse ein Colonel, ein gebrochener, alter, verwirrter Mann. Vor Angst zitternd, ketterauchend, soll er in dieser Nacht den Leichnam seiner hingerichteten Tochter Parwaneh abholen und unter die Erde bringen. Hacke und Schaufel muss er erst besorgen, um vor Anbruch des neuen Tages ein Grab auszuheben.

So endlos wie der Regen ist auch der Erzählfluss in Mahmud Doulatabadis jüngstem Roman „Der Colonel“, der keine Kapitel kennt. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich ununterbrochen, der Erzähler wechselt von der dritten Person zur ersten Person und wieder zurück, so quälend sind die verschiedenen Stimmen und Erinnerungsfetzen, die ihn überkommen. Autorität besitzt der Colonel trotz seines Titels keineswegs. Stattdessen wird er beherrscht von der Vergangenheit, ist seinen Schuldgefühlen hilflos ausgeliefert: „Angst fließt wie ein Strom in seinem Innersten.“ Sein Bemühen um soldatische Disziplin und Selbstbeherrschung ist vergebens in einer Gesellschaft, die von Verlogenheit, Intrigen und grausamer Gewalt beherrscht wird.

Doulatabadi, der wohl prominenteste lebende Autor in Iran, hat über 25 Jahre an seinem neuen Roman gearbeitet, und das merkt man ihm an. „Der Colonel“ ist ein Stimmengewirr der inneren Monologe und ein Drama vom Ausmaß klassischer Tragödien. Erst allmählich verdichten sich die Bruchstücke und Erinnerungsfetzen der Hauptfigur zu einem Tableau des Iran im 20. Jahrhundert. Dort war der Colonel in der Armee des Schah tätig, verweigerte jedoch bei der Rebellion in der Provinz Dhofar im Westen des Oman den Befehl: Bei dem von den Kolonialmächten eingefädelten Aufstand wollte er nicht Seite an Seite mit den Engländern kämpfen. Der Colonel ist Patriot sein Held ist der ehemalige Premier Mossadegh, der Anfang der 1950er- Jahre die iranische Ölindustrie verstaatlichen wollte und vom amerikanischen Geheimdienst gestürzt wurde.

Die Befehlsverweigerung ist nicht sein einziges Verbrechen: Der Colonel hat seine angeblich untreue Frau vor den Augen seines ältesten Sohnes Amir getötet. Später denunziert er unter politischem Druck seine Kinder. Seine Erinnerungen, rückblickend aus den 1980er-Jahren erzählt, sind der Versuch, mit dieser Schuld fertig zu werden.

Geblieben sind ihm zwei von fünf Kindern. Sein ältester Sohn Amir hat sich vor einem Jahr in den Keller zurückgezogen, wo er von Albträumen verfolgt langsam wahnsinnig wird. Auch ihn holen die Schrecken der Vergangenheit ein. Als Jugendlicher schloss er sich revolutionären Kreisen an, kämpfte gegen den Schah und landete als politischer Häftling im Gefängnis, wo er seinen Vater wiedertraf. Unter Folter wurde er verhört, später nutzt sein ehemaliger Folterer, der Geheimdienstler Khazar Djavid, den Kontakt, um im Haus des Colonel unterzutauchen. Weil Khazar vermeiden will, dass ihn die Geschwister Amirs verraten, tötet er kurzerhand die jüngste Schwester Parwaneh.

Der zweitälteste Sohn des Colonels, Mohammad Taghi, wird 21-jährig im Februar 1979 nach dem Sieg der Revolution von der neuen Macht liquidiert, während der jüngste Sohn Masud im ersten Irakkrieg durch eine Kugel völlig entstellt wird: Hand und Unterarm fehlen, die Gedärme sind herausgerissen, das Bein ist am Knie abgetrennt. Dem Leichnam setzt man schließlich einen fremden Kopf auf.

Es sind diese stummen Bilder, die Doulatabadis Roman auszeichnen – wenn sich etwa der vom Regen durchnässte Colonel wie eine Leiche in ein Bettlaken hüllt und am Ofen aufwärmt wenn er Fäulnis, Verwesung, Schweiß und Regen beschwört, die gleichsam durch die Buchseiten aufsteigen. Sprachlich schlicht, emotionslos und ohne zu moralisieren schildert Doulatabadi menschliche Abgründe und Brutalität eindringlich und zeitlos. Vergangene Grausamkeiten erschließen sich dem Leser erst allmählich und sind fast nie explizit.

Realität und Wahnsinn verschwimmen im Verlauf des Romans immer mehr. Der Colonel, der ständig das blutige unheilvolle Messer vor sich sieht, mit dem er seine Frau getötet hat, fantasiert in einer seiner letzten Wahnvorstellungen, sein Haus würde von nun an als Irrenanstalt genutzt. In der buchstäblichen Finsternis des Romans flackern einzig die Märtyrer-Denkmäler in gleißendem Licht auf, mit denen der für das Vaterland Gefallenen gedacht wird. Was bleibt? Die Toten zu begraben und sich selbst zu töten, um zumindest nicht von fremder Hand zu sterben. So wählen am Ende sowohl Amir als auch der Colonel den Freitod.

Im Iran liegt das Manuskript dieses bitteren Romans bei der Zensurbehörde und wurde bislang nicht zur Veröffentlichung freigegeben. So erscheint der persische Roman – dem Unionsverlag sei Dank – in weltweiter Erstausgabe auf Deutsch.

Der Colonel. Von Mahmud Doulatabadi. Aus dem Persischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Bahman Nirumand. Unionsverlag, Zürich, 2009.



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