Üben, üben, üben

von Tanja Dückers

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Wenn einer polarisiert, dann der 1947 in Karlsruhe geborene und dort an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung lehrende Philosoph Peter Sloterdijk. Für die einen ist der Kopf der Fernsehsendung „Das Philosophische Quartett“ eine unumstößliche intellektuelle Instanz, für die anderen ein profilneurotischer Hansdampf in allen Gassen. Während seine „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), eines der meistverkauften philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts, für die einen eine Bibel ist, haben sich andere von ihm wegen seiner vermeintlich sozialdarwinistischen und biologistischen „Regeln für den Menschenpark“ (1999) abgewandt. Keinesfalls leugnen lässt sich allerdings, dass Sloterdijk brisante Themen der Zeit stets früher als andere erfasst. So sprach er 2006 in „Zorn und Zeit“ hellsichtig über die erst zwei Jahre später virulent werdende Finanzkrise, identifizierte „Kollapsverzögerungen in gierdynamischen Systemen” und „Schneeballsysteme, die dem Selbstbetrug von Zinsenjägern zugrunde liegen“.

In seinem neuen Buch beschäftigt sich Sloterdijk mit der postsäkularen Wende in Zeiten der globalen Krise, der angeblichen Rückkehr der Religion. Dieser Themenkomplex ist eingebettet in Sloterdijks Beschäftigung mit dem kontinuierlichen Streben des Menschen nach Veränderung, nach Optimierung seines a priori fragilen Daseins. Der Autor konstatiert eine Art sozialpsychologische Evolution, die er als permanentes Üben oder auch als nur dem Menschen eigenes „Vertikalstreben“ bezeichnet. Von diesem „Vertikalstreben“ nimmt er an, dass es oft genug mit Religiosität und Glauben verwechselt wird. Der Begriff des Übens ist dabei nicht oder nicht nur im pädagogisch-praktischen Sinne zu verstehen – er hat als zentraler Aspekt der prekären Conditio humana existenzielle Relevanz: Üben meint die menschliche Einsicht in die zwingende Notwendigkeit der Selbst- und Fortbildung.

Der auffordernde Titel seines gut 700-seitigen Werks „Du musst Dein Leben ändern“, ist dem Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke entlehnt. Die stille Betrachtung des Torsos, der wie ein Meditationsgegenstand auf Rilke gewirkt zu haben scheint, löste im Dichter eine intensive Selbstbefragung aus. Diesen Impuls des Nicht-Verharrens und des ebenso unbequemen wie pionierhaften Aufbruchs zelebriert Sloterdijk in seinem neuen Werk – jenes „Vertikalstreben“, ohne das die Menschheit sich nicht weit vom Neandertaler entfernt hätte.

Entsprechend weit geht Sloterdijk in seinen Betrachtungen zeitlich zurück: Seine rasante, ausufernde, aber niemals uninteressante Ideen- und Verhaltensanalyse führt ihn von den Arenen der Antike zu den frühen Christen, vom Karma indischer Teleologie zu Kafkas Hungerkünstler, von sezessionistischen Künstlerfiguren um 1900 zur modernen Arbeits- und Eventgesellschaft. Unzählige kulturgeschichtliche Exkurse – vom Yogi zum Astronauten – sind lose über den Lern-, Ausbildungs- und Übungsbegriff miteinander verbunden.

Dabei bekennt sich Sloterdijk zum „Kontinuum kumulativen Lernens, das wir Aufklärung nennen“. Er glaubt, dass die Einsicht in die Selbstbildung des Menschen von der prekären „immunitären Verfassung“ des Menschen abgeleitet sei: von seiner anthropologischen Schutzbedürftigkeit und Todesfurcht, die ihn zur beständigen Optimierung seiner Lebens-umstände treibe.

Den Begriff der Anthropotechnik erklärt Sloterdijk als „die mentalen und physischen Übungserfahrungen, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren“. Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, dass alles menschliche Streben und Üben aus dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit resultiert und dass somit die gesamten Errungenschaften unserer Kultur Ergebnisse dieses Bewusstseins sind. Dem lebenslangen Lernen liegt also ein identitätsstiftender Kern zugrunde.

In Sloterdijks Tour de force durch die abendländische Philosophiegeschichte steht ein Denker eindeutig im Zentrum: Friedrich Nietzsche. Mit ihm teilt der Autor die berühmte vitalistische Melancholie, und wie Nietzsche glaubt Sloterdijk, dass der dringend benötigte Ausbruchsimpuls aus dem Gedanken „So kann es nicht weitergehen“ geboren ist: „Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.“

Mit Rekurs auf Nietzsches „Übermenschen“ präzisiert Sloterdijk den Kerngedanken seiner philosophischen Handlungsanweisung: „Subjekt wird hiernach, wer (...) vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt.“ Der Mensch selbst, so der reichlich hoffnungsvolle Anspruch an individuelle Autonomie, bestimmt also die Maßstäbe seines Handelns und nimmt sein Leben, in Sloterdijks Worten: seine Übungszone, in die Hand. Immerhin, Sloterdijk meint nicht mehr als eine Utopie zu entwickeln. Die Ähnlichkeit zwischen seinem „übenden Menschen“ und Nietzsches „Übermenschen“ ist dennoch augenfällig und irritierend. Sloterdijk ist bemüht, die Kontroverse um die vermeintlichen biologistischen Implikationen der „Regeln für den Menschenpark“ nicht wieder aufflammen zu lassen: „Der ‚Übermensch‘ impliziert kein bio-logisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm.“

Zwar rückt er den Begriff der Leistung in den Vordergrund, doch ist damit weder eine sportliche Wettkampfmetaphorik gemeint noch Leistung im Sinne einer profitorientierten kapitalistischen Gesellschaft. Letzterer attestiert er eine kardinale Verirrung und Fehlleitung, weil sie die Selbsterkennungs- und Lernkultur umgemünzt habe zu Übungen, die nicht länger spirituell-individuelle Ziele verfolgten, sondern lediglich materielle. Was Sloterdijk dagegen zum Ideal erhebt, ist eine Übungskultur, die in der Askese und Versenkung ihre Methode findet – wie am Beispiel von Rilke, den der antike Torso auch hätte kaltlassen können. Die Moderne hat nach Sloterdijk zwar kollektive Anrührungen wie die frenetische Bewunderung von Sportstars hervorgebracht. Allerdings produziert die stille Sehnsucht qua Massenkult und Profitstreben nur noch abrufbare Gefühle, die kein kritisches (Selbst-)Veränderungspotenzial mit sich bringen.

Von Nietzsches „Zarathustra“ entlehnt Sloterdijk die Forderung, dass der Mensch sich hinauf- statt fortzupflanzen habe, denn dadurch werde die alte Vertikalität der gesellschaftlichen Hierarchie abgelöst. Und wie Nietzsche – allerdings nicht mit dem Übermenschen, sondern dem schöpferischen, demütigen„homo artista“ – wendet er sich gegen die Religion: „Nicht nur der ermattete homo faber, der die Welt im Modus ‚Machen‘ vergegenständlicht, hat seinen Platz im Zentrum der logischen Bühne zu räumen, auch der homo religiosus, der sich mit surrealen Riten an die Überwelt wendet, darf den verdienten Abschied nehmen.“

„Du musst dein Leben ändern“ ist eine flammende Abhandlung mit aufklärerischem Impetus gegen postsäkulare neoreligiöse Tendenzen, wie sie derzeit salonfähig sind, gegen die modische, Wellness-orientierte Sinnsuche und gegen einen Glauben, den man sich aussuchen kann und der eher ein Element des postmodernen „Anything goes“ zu sein scheint als lebensreformatorische Notwendigkeit.

In seiner Einleitung „Zur anthropotechnischen Wende“ schreibt Sloterdijk: „Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt – das Gespenst der Religion.” Zu Recht kritisiert er die Rückkehr der Religionen als neue alte Sinngaranten und vermeintliche Ordnungsstifter in Zeiten der Krise(n). Anders als das Gespenst des Kommunismus, das im Jahr 1848 kein Wiederkehrer war, werde der aktuelle Spuk seiner wiedergängerischen Natur vollauf gerecht. „Die Mächte des alten Europa haben sich zu einer pompösen Willkommensfeier verbündet – auf ihr versammeln sich ungleiche Gäste: der Papst und die islamischen Gelehrten, die amerikanischen Präsidenten und die neuen Kremlherren, alle Metterniche und Guizots unserer Tage, die französischen Kuratoren und die deutschen Soziologen.“ Vom alten unbedingten Vorwärts seien nur noch homöopathische Dosen spürbar: „Es fehlt nicht mehr viel, und die letzten Hoffnungsheger aufklärerischen Stils ziehen sich aufs Land zurück, als wären sie die Amish der Postmoderne.“

Religionen definiert Sloterdijk als statische, „mehr oder weniger missinterpretierte anthropotechnische Übungssysteme und Regelwerke zur Selbstformung im inneren wie äußeren Verhalten“. Sie haben nach Sloterdijk stets etwas Pathologisches an sich. Einer zunächst kleinen Gruppe gelinge es, ihre Anschauungen, so erratisch sie auch seien, mit der Aura absoluter Wahrheit auszustatten. In einem eindrücklichen Kapitel erläutert Sloterdijk die Genese einer Religionsgemeinschaft am Beispiel der Scientology-Sekte. Entgegen allen Statistiken über Zulauf zu den Konfessionen behauptet er, dass eine Rückwendung zur Religiosität ebenso wenig möglich sei wie eine Rückkehr der Religion: „Weil es keine Religion und keine Religionen gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme.” Denn – so kann man ihn verstehen – für die Mehrzahl der Gläubigen scheint die jeweilige Konfession eher als Mittel zur ritualhaften Ordnung ihres Lebens zu fungieren denn als wirklich spirituelles Substrat.

Abschließend plädiert Sloterdijk mit Verve für eine „Ausweitung der Übungszone“, wobei er wieder auf einen Künstler, in diesem Fall den Schriftsteller Houellebecq, rekurriert. Der übende Mensch ist für ihn die Voraussetzung aller Kultur, lebender Ausdruck von allem Nicht-Festgelegten und somit Zukunftsfähigen. Er plädiert jedoch auch für die Ausbildung eines weltumspannenden, der Solidarität verpflichteten „Ko-Immunismus“, für die Ausweitung von Menschenrechten und die Protektion der Schutzbedürftigen.

Es scheint, als wolle Sloterdijk den Leser aus seiner Passivität und Paralyse reißen und ihn an den lern- und veränderungsfreudigen Über-Übungsmenschen in ihm selbst erinnern. Denn am Ende steht hinsichtlich der Analyse, dass es so nicht weitergehe, die Notwendigkeit eines disziplinierten Aufbruchs mit dem Ziel des „Überlebens aller“.

Immerhin kann man über den Aufklärer Sloterdijk nicht sagen, dass er ein Amish man sei, der aus einer Eremitenklause spreche. Trotz gelegentlicher Dramatisierung und, dem Sujet entsprechend, bisweilen etwas überspannten „Vertikalstrebens“ bietet „Du musst Dein Leben ändern“ eine äußerst lohnenswerte Lektüre und, wie gewohnt, unvergleichliche sprachspielerische Virtuosität.
 

Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Von Peter Sloterdijk. Suhrkamp, Frankfurt, 2009.



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