Das Bukarester Kloster Caşin

von Radu Paraschivescu

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Das Mädchen hieß Narcisa und blühte inmitten der Blumen auf dem Hof. Ich sah sie jedes Mal, wenn sie hinausging, zwischen Rosen, Dahlien und Lilien aufgehen. Die Straße wurde von Bäumen bewacht und von Düften betört. Mächtige Linden streckten ihre Wurzeln unter dem Asphalt des Bürgersteigs hervor und lockten die Unaufmerksamen in ihre Falle. Ich war noch nie in Narcisas Haus gewesen, hatte aber schon oft mit offenen Augen von einem Angriff geträumt – als Ritter gerüstet, sie schüchtern wartend hinter dem Fenster im ersten Stock. Zwischen uns – als Despot und Drache – ihr Vater mit messerscharfem Lächeln, den Körper herausfordernd nach vorn gebeugt. Nachdem ich den grausamen Wächter besiegt hatte, erklomm ich die schneckenförmige Treppe.

Ich ergriff Narcisas Hand, wir stoben aus dem mit Blumenfröhlichkeit angesteckten Haus und hielten erst auf den Treppen des Klosters Caşin. Nicht weit von uns prangte der Triumphbogen am Rande des Herăstrău-Parks in Bukarests schickem Norden. So drückend er an den Krieg erinnerte, so diskret murmelte das Kloster vom Frieden. Im Zweiten Weltkrieg hatten Nonnen hier Kinder versorgt. Die Eingangssäulen, gewunden wie das Schicksal selbst, wachten über unser Zusammenkommen. Wir wandten unsere Gesichter einander zu, als gehörten wir ins Happy End eines Films.

Seitdem sind 35 Jahre vergangen. Das Kloster ist immer noch dort, der Hüter eines Berges von Träumen. Die Kuppel ist mittlerweile grün, als hätten die Bäume ringsum ihr einen Teil ihres Blattwerks geliehen. An den Säulen lehnen Liebende der Nacht. Vor dem Kloster ist inzwischen ein Rugbyfeld aufgetaucht – eine Frechheit, die sich die Gegenwart gegenüber der Vergangenheit erlaubt. Immer wenn ich dort vorbeigehe, fühle ich meine Wangen glühen und mir scheint, als rufe mich Narcisa, versteckt in einer duftenden Lindenkrone.

Aus dem Rumänischen von Adina Mohr



Ähnliche Artikel

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Thema: Tod)

Spott und fröhliche Farben

von Silviu Mihai

Mit Handwerkskunst und einer Vorliebe für das Lästern haben sich Dorfbewohner in Rumänien einen einzigartigen Friedhof geschaffen

mehr


Geht doch! Ein Männerheft (Was anderswo ganz anders ist)

Schenk mir ein Märzchen

von Carola Heinrich

Über einen rumänischen Talisman

mehr


Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Weltreport)

„Wie viel Angst hält man aus?“

ein Interview mit Hertha Müller, Liao Yiwu

Die beiden Schriftsteller wurden in ihrer Heimat vom Staat verfolgt. Ein Gespräch über Verzweiflung und Momente des Trosts          

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Meine deutsche Oma

von Andreea Hake

Erinnerungen an eine rumänische Kindheit

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Die Welt von morgen)

Protest gegen Goldabbau

Eine Kurznachricht aus Rumänien

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Hochschule)

„Polizisten auf dem Balkan“

ein Interview mit Anton Sterbling

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht, wie es um die Behörden und Polizeistrukturen in Südosteuropa steht

mehr