Lauter erste Geigen

von Jamiliya Garayusifili

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Musik spielt in meiner Familie eine große Rolle. Meine Mutter ist Pianistin und mein Vater Klarinettist. Sie arbeiten beide an einer Musikakademie. Schon als Kind hörte ich klassische Musik, besonders gerne die von Bach. Ich selbst habe im Alter von sechs Jahren angefangen, Geige zu lernen. Ich suchte mir dieses Instrument aus, weil ich es am meisten mochte. Heute gehe ich in eine spezielle Schule mit Musik als Schwerpunkt. Sie ist nach dem hier sehr bekannten Sänger Bul-bul benannt. In Aserbaidschan können wir uns aussuchen, ob wir vormittags oder nachmittags zur Schule gehen. Für mich ist der Nachmittag praktischer. Ich übe also schon am Morgen zu Hause Geige, dann fahre ich zur Schule, wo um 14 Uhr der Unterricht beginnt und bis 18 Uhr dauert. Wir haben natürlich auch andere Fächer wie etwa Mathematik, aber der Schwerpunkt ist der Musikunterricht. Nach der Schule übe ich wieder. Ich schaue dabei eigentlich nie auf die Uhr, weil ich beim Musizieren die Zeit vergesse.

Ich spiele in zwei Orchestern. Eines davon wurde im vergangenen Jahr extra gegründet, um am Young Euro Classic-Festival in Berlin teilnehmen zu können. Wir spielten dort sowohl klassische Stücke von Schubert und Mozart als auch Werke der aserbaidschanischen Komponisten Kara Karajew und Fikret Amirow. Letztere stehen in der Tradition von Üsejir Hadschibejow, der bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts gestorben ist. Er war der Erste, der klassische Musik und traditionelle aserbaidschanische Musik zusammenbrachte. Das hat zu einem sehr interessanten und spannenden Ergebnis geführt.

Der größte Moment während des Festivals war für mich unser Konzert. Eigentlich dachte ich, dass ich beim Festival viele junge Musiker aus unterschiedlichen Ländern treffen würde. Aber leider waren wir nur für drei Tage in Berlin zu Gast. Im Hotel trafen wir Musiker aus der Türkei. Die aserbaidschanische Sprache gleicht der türkischen, sodass es einfach war, sich zu unterhalten. Wir redeten vor allem über Musik, Dirigenten und über die Stücke, die wir jeweils aufführen wollten. Sie besuchten sogar unser Konzert und wir fühlten uns dadurch sehr von ihnen unterstützt.

Bisher hatte ich noch nicht die Gelegenheit, zusammen mit ausländischen Musikern zu spielen. Einen musikalischen Austausch zwischen internationalen Musikern stelle ich mir interessant vor und ich wünsche mir das sehr. Musik ist eine eigene Sprache, die man in der ganzen Welt versteht. Ich merke das, wenn ich im Ausland spiele. Wie die Menschen auf meine Musik reagieren, wie sie applaudieren. Das ist für mich sehr wichtig. Mit aserbaidschanischen Orchestern war ich bereits in Moskau, Berlin, Paris, Straßburg, Stockholm und Brüssel. Ich würde sehr gerne einmal in einer Moschee bei uns auftreten, aber das geht leider nicht, da dort ausschließlich traditionelle nationale Instrumente und Musik erlaubt sind. Der Islam ist in Aserbaidschan Staatsreligion, aber längst nicht so streng wie in anderen Ländern, etwa in Iran. Frauen können hier unverschleiert auf die Straße gehen und tun, was sie möchten.

Neben klassischer Musik mag ich ehrlich gesagt auch Bands wie Tokio Hotel oder Cinema Bizarre. Ansonsten fahre ich gerne Skateboard. Ich liebe es außerdem, zu malen und Sprachen zu lernen. Meine Muttersprache ist Aserbaidschanisch, ich spreche aber auch Russisch und Englisch. Mit Deutsch möchte ich im nächsten Jahr anfangen. Viele Menschen in Aserbaidschan lernen die deutsche Sprache und vielen gefällt die deutsche Kultur.

Protokolliert von Christine Müller



Ähnliche Artikel

Oben (Wie ich wurde, was ich bin)

Das verschwundene Paradies

von Sonny Thet

Sonny Thet, geboren 1954 in Phnom Penh, absolvierte seine musikalische Ausbildung am dortigen staatlichen Konservatorium. In Weimar studierte er später Cello und gründete die Gruppe Bayon mit. Heute lebt Thet in Berlin.

mehr


Une Grande Nation (Was anderswo ganz anders ist)

Rumba-Bars

von Fiston Mwanza Mujila

Berichte über meine Heimat, die Demokratische Republik Kongo, sind meist traurig. Es geht um Kolonialismus, Gewalt und Krieg. Doch wer durch die Straßen Kinshasas streift, der wird vor allem eines finden: Musik. 

mehr


Am Mittelmeer. Menschen auf neuen Wegen (Wie ich wurde, was ich bin)

„Ich glaube nichts sofort“

von Avi Primor

Wie man als Diplomat lernt, die Dinge von zwei Seiten zu betrachten - und sich an die Deutschen und klassische Musik gewöhnt

mehr


Talking about a revolution (Ich bin dafür, dass ...)

Ich bin dafür, dass wir eine Weile auf „Aida“ verzichten

ein Kommentar von Krystian Lada

Mozart, Puccini, Verdi: Auf den Opernbühnen dominiert das klassische Repertoire, inzeniert von weißen Männern. Ein Plädoyer für neue Spielpläne

mehr


Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Thema: Langsamkeit )

Mozart auf Speed

von Claudia Schmölders

Über das richtige Tempo in der klassischen Musik lässt sich streiten

mehr


Großbritannien (Was anderswo ganz anders ist)

Wann man in Indien welche Klänge hört

von Ranga Yogeshwar

Ich bin auf einem Ravi-Shankar-Konzert in Delhi und die Sonne geht auf

mehr