„Außer Marxismus geht alles“

ein Interview mit Daniel A. Bell

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Professor Bell, warum unterrichten Sie in Peking Politische Philosophie?

Ich interessiere mich für chinesische Politik und Philosophie. Hier vor Ort habe ich die Möglichkeit, die kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen hautnah mitzuerleben. 
 
Allerdings unterrichten Sie in einem autoritären Staat die künftige Elite. Macht Ihnen das keine Probleme?

Ich unterrichte verschiedene Ideen und Konzepte, das hat nichts damit zu tun, den Herrschenden zu dienen. Im Westen meint man oft, es gebe zur liberalen Demokratie keine Alternative. Das sehe ich anders. Eine Alternative könnte zum Beispiel in einem konfuzianisch geprägten System bestehen. 
 
Was können Sie unterrichten?

Fast alles. Dieses Semester spreche ich über die griechische Demokratie, über John Locke, der die Verfassungen der Vereinigten Staaten und Frankreichs beeinflusst hat, oder John Stuart Mill, für den der Begriff der Freiheit zentral war. Nur Marxismus darf ich nicht lehren. Das ist immer noch die offizielle Ideo-logie, da hat man Angst, dass ich eine andere Interpretation anbieten könnte. Aber im Vergleich zu meinen Erfahrungen in Singapur gibt es hier sehr viel weniger politische Kontrolle, solange man mit einem Thema nicht offizielle Glaubenssätze infrage stellt. Menschenrechte oder Demokratie – kein Problem! 
 
Wie gehen Sie mit Taiwan, Tibet oder Tian’anmen um?

Direkt spreche ich diese Themen nicht an. Neben der politischen gibt es auch die kulturelle Komponente: Dafür braucht es soziales Vertrauen zwischen Studenten und Lehrer. Wenn das da ist, werden auch sensible Themen angesprochen und man spricht offener. 
 
Wie verhalten sich die Studenten?

Die Studenten wissen, wie sie sich verhalten sollen. Jeder weiß, wie man geblockte Internetseiten umgeht, und zum Marxismus-Unterricht geht man eben, weil er Pflicht ist.
 
Wie ist das Verhältnis zwischen Dozent und Student?

Es gibt nach wie vor Respekt vor dem Lernen und dem Lehrer. Wie gesagt, wenn Vertrauen da ist, ist auch Kritik möglich, ohne die soziale Harmonie zu gefährden. Außerdem ist der Dozent auch für die moralische Entwicklung seiner Studenten zuständig. Das ist wohl ein Unterschied zum Westen. 
 
Wie sieht das konkret aus?

Wir sprechen viel mehr miteinander. Wenn Studenten Entscheidungen treffen müssen oder Probleme in der Liebe haben, suchen sie Rat bei ihren Dozenten. 
 
Welchen sozialen Status hat ein Dozent in China?

Zyniker würden sagen, wenn man auf das Gehalt schaut, haben Dozenten keine besondere Stellung. Aber insgesamt wird man durchaus respektiert, vor allem von den einfachen Leuten. Manchmal bieten Unternehmen sogar Lehrer-Rabatte an. Das gibt es im Westen nicht, oder? 
 
Genießen Sie mehr Freiheiten als Ihre chinesischen Kollegen?

Manche behaupten das. Aber es gibt auch chinesische Kollegen, die viel kritischer und offener sind als ich. Ich höre manchmal auch, ich sei zu zurückhaltend. Aber auch ich muss etwas aufpassen. Mein Visum wird immer nur für ein Jahr verlängert und wenn das nicht passiert, habe ich ein großes Problem. 
 

Das Interview führte Falk Hartig



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