„Google bedroht unsere Freiheit nicht“

von Andrew Keen

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Als ich im Sommer 2006 „The Cult of the Amateur“ („Die Stunde der Stümper“) schrieb, warnte ich im Kapitel „1984 Version 2.0“ vor Google als einem digitalen Big Brother, einem gefährlichen Monopolisten, der den Informationsmarkt vereinnahmt und unsere Kultur, unsere Wirtschaft und unsere Freiheit zerstört. Ich folgerte, dass die Raubritter des „Googleplex“ gestoppt werden müssten, bevor sie herkömmliche Medien in den Konkurs getrieben und uns alle ausspioniert hätten.

Jetzt – drei Jahre später – stelle ich fest, dass ich mich geirrt habe. Zwar ist Google im Sommer 2009 nach wie vor ein äußerst mächtiger Teilhaber der Internetwirtschaft, aber die Tage seines monopolistischen Kampfes gegen Kultur und Wirtschaft sind gezählt. Google bedroht nicht länger unsere Freiheit.

Denken Sie sich Google als Äquivalent zu Microsoft 2.0. Ende der 1980er-Jahre, bevor sich das Internet zum weltweiten elektronischen Netzwerk entwickelte, fürchteten wir alle Bill Gates’ Microsoft als monströsen Monopolisten. Inzwischen nimmt sich Microsoft wie ein zahnloser älterer Mitbürger aus. Microsoft hat ein dreifaches Problem: Zum einen hat das Unternehmen neben seiner Cash Cow, den Windows-Betriebssystemen, nie einen zweiten echten Renner entwickelt. Zweitens wurde Microsoft vom Internet kalt erwischt, das den Wert seiner Desktop-Technologie in erheblichem Maße ausgehöhlt hat. Drittens haben Regierungen in aller Welt auf die Bedrohung durch Microsoft reagiert und den monopolistischen Tendenzen des Unternehmens durch neue gesetzliche Regelungen Zügel angelegt.

Was Microsoft widerfahren ist, widerfährt derzeit Google. Ebenso wie Microsoft hat Google es versäumt, sein Beinahe-Monopol in der Suchmaschinentechnologie in andere Bereiche zu transponieren. Die Übernahme des nach wie vor unrentablen YouTube für 1,6 Milliarden Dollar war beschämend. Jüngst räumte Google zudem ein, dass das Unternehmen mit seinem Versuch, eine Werbeplattform fürs Radio aufzubauen, gescheitert ist. Google-Bücher, Google-Handys, Google-Nachrichten und Google-Sonstwas sind zum großen Teil bloß technische Theorie und keine geschäftliche Praxis. In Wahrheit könnte Google ein echtes Medienunternehmen sein, aber abgesehen von seiner Suchmaschine betreibt die Firma kein einziges Mediengeschäft mit Erfolg.

Noch unheilvoller für Google ist, dass das Kronjuwel des Unternehmens, seine Suchmaschine, drauf und dran ist, von neuen Technologien überholt zu werden. Googles Suchmaschine basiert auf dem Konzept statischer Webseiten, die von Google-Spider indexiert werden können. Inzwischen wird das Internet jedoch von einer neuen technologischen Umwälzung revolutioniert – vom „Real-Time Web“, einer Art endlosem Strom an aktuellen Daten. Soziale Mediennetzwerke wie Facebook oder Twitter gehen gegenwärtig dazu über, immer mehr Informationen in Echtzeit zu liefern, und etablieren auf diese Weise ein konkurrierendes System zum Google-Netzwerk. Twitter hat sich gar eine eigene Echtzeit-Suchmaschine angeschafft und sich damit als die wohl ernsteste technologische und kommerzielle Bedrohung in Stellung gebracht, mit der sich Google je konfrontiert sah.

Politiker rund um den Globus werden sich inzwischen der Bedrohung von Wirtschaft, Kultur und Freiheit durch Google bewusst. Insbesondere Regierungen in der Europäischen Union haben die Entwicklung von Google schon immer argwöhnisch verfolgt. Mittlerweile richtet nun auch die neue US-Administration unter Barack Obama ihr Augenmerk auf Googles monopolistische Neigungen. So haben in den letzten Monaten US-Wettbewerbshüter gleich zwei Untersuchungen gegen Google eingeleitet. Zum einen wird die für den Buchsuchdienst „Google Book Search“ mit Autoren und Verlegern ausgehandelte Vereinbarung unter die Lupe genommen zum anderen wird geprüft, ob die Tatsache, dass zwei Google-Vorstandsmitglieder zugleich im Vorstand von Apple sitzen, ein Wettbewerbshemmnis darstellt.

2006 hatte es noch den Anschein, als bestünde Googles gefährlichstes Monopol in seiner Magnetwirkung auf Talente. Das Unternehmen kaufte die klügsten Köpfe vom Markt und verleibte seiner rasch wachsenden Belegschaft die besten Techniker und Designer ein. Inzwischen aber entlässt Google Mitarbeiter und verliert im großen Stil talentiertes Personal an Internetrivalen wie AOL oder an attraktivere Start-ups in Silicon Valley wie Twitter. Es geht gar das Gerücht, Googles „heilige Dreifaltigkeit“, bestehend aus den beiden Firmengründern Larry Page und Sergej Brin sowie Chief Executive Officer Eric Schmidt, würde bereits Pläne schmieden für ihre Zukunft nach Google. Die glorreichen Zeiten von Google gehören der Vergangenheit an. Das Unternehmen leidet an vorzeitigem Zahnausfall.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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