„Google ist ein Parasit“

von Henry Porter

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Als ich in der Woche des 11. September 2001 zum ersten Mal mit Google in Berührung kam, war ich sprachlos. Mich faszinierte die Schnelligkeit dieser Suchmaschine und auch ihr Name, der an einen gutartigen Riesen aus einer Geschichte von Roald Dahl denken ließ. Was könnte die jugendliche Kühnheit des Internets besser verkörpern als dieses grandiose Programm, mit dem man innerhalb von Millisekunden kostenlos das Wissen der Welt finden konnte?

Niemand recherchierte mehr im Internet, sondern man „googelte“ das Thema, über das man mehr erfahren wollte. Schon damals hätte mir auffallen sollen, dass Google auf dem Weg zur weltweiten Vorherrschaft war, und hätte ich nur einen Augenblick darüber nachgedacht, wäre mir klar geworden, dass der gutartige Riese sich zu einem Ungeheuer entwickeln und zwei Dinge infrage stellen würde, die mir sehr am Herzen liegen: Privatsphäre und eine freie Presse.

Googles jugendliche Vitalität ging einher mit einer nicht minder jugendlichen Respektlosigkeit gegenüber allem bisher Dagewesenen. Insbesondere gegenüber den Risiken und Fertigkeiten, den Fehlschlägen und der harten Arbeit, mit denen die Inhalte verbunden waren, die Google für seine Nutzer mit Wegweisern ausschilderte. Gleichzeitig verkaufte der Suchdienst Werbung an Personen oder Unternehmen, die in seinen Auflistungen an prominenter Stelle erscheinen wollten. Daran ist natürlich nichts auszusetzen – außer dass Google die heiklen Beziehungen ignoriert, die außerhalb seiner eigenen Begehrlichkeiten existieren. Google machte aus diesem Tugendmangel eine Tugend, indem es sagt: Wir sind der Türöffner, wir zeigen euch den Weg, aber hier endet auch unsere Verantwortung. Was ihr macht, wenn ihr die Tür durchschritten habt, ist eure Sache.

Millionen von Menschen, die mit dem World Wide Web groß geworden waren, applaudierten der Freiheit, die Google zu verkörpern schien. Bücher, Filme, Musik und Zeitungsinhalte gab es nun umsonst. Dass Google Riesenmengen an Daten über die Suchaktivitäten jedes Einzelnen sammelte, um sie später für seine gewerblichen Zwecke zu nutzen, schien für diese Leistung ein geringer Preis. Und wen kümmerte schon, dass Google mit einer rabiaten Prinzipienlosigkeit seine Seiten für den chinesischen Internetdienst zensierte?

Was niemand bemerkte, war, dass aus Google schnell mehr wurde als ein Türöffner für die Milliarden Webseiten dieser Welt. Es besaß nun ein Monopol, das zu ignorieren sich nur noch wenige leisten konnten, auch wenn die Suchmaschine ihre Existenz bedrohte. Das Geschäftsmodell, demzufolge man mit guten Umsätzen honoriert wird, wenn man nur genug Zeit, Geld und Energie aufwendet, galt nicht mehr. Die Menschen erwarteten alles für nichts.

Autoren wie J. K. Rowling sehen, wie Privatleute ihre Bücher auf Scribd.com veröffentlichen. Musiker und Filmschaffende sind mit Raubkopien ihrer Werke konfrontiert und Zeitungen werden praktisch genötigt, ihr teuer recherchiertes Material zu verschenken. Der Einzige, der damit Geld verdient, ist Google. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres betrugen die Einkünfte 5,7 Milliarden Dollar und inzwischen sitzt das Unternehmen auf einem Geldberg von 8,6 Milliarden Dollar.

Der Herausgeber des Wall Street Journal hat das Unternehmen jüngst als „Bandwurm“ bezeichnet. Mit Recht. Letztlich ist Google ein Parasit. Es erzielt gewaltige Werbeeinnahmen, indem es die Arbeit anderer auflistet und darum herum Werbung verkauft.

Google ist wie ein cleverer, angriffslustiger Elfjähriger. Und die Entwicklung seiner Moral und seines sozialen Verantwortungsgefühls ist, wie häufig bei verzogenen Wunderkindern, durch den Erfolg verkümmert – in diesem Fall durch die Erfahrung, in nur einem Jahrzehnt die führende Weltmarke zu werden. Der beunruhigendste Aspekt dabei ist das Gefühl, dass Konventionen und Gesetze für Google nicht gelten. Darum ist den Verantwortlichen bei Google auch nicht aufgefallen, dass der Dienst StreetView Menschen verärgern könnte, die nicht wollen, dass andere sie kontrollieren. Griechenland hat StreetView mit der Begründung verboten, dass es gegen Datenschutzgesetze verstoße, aber in Großbritannien haben, obwohl dort die gleichen Gesetze gelten, nur wenige Dorfbewohner protestiert, als die Google-Kamerafahrzeuge damit begannen, ihre Häuser zu fotografieren.

Google kann die Argumente gegen StreetView nicht nachvollziehen. Ebenso wenig kann es verstehen, warum es keine Daten über die Suchaktivitäten der Nutzer speichern sollte. Sein moralisches Sensorium ist wie bei den meisten Elfjährigen nicht gut entwickelt. Wir müssen hoffen, dass Google eines Tages erwachsen wird, aber das dürfte wohl erst passieren, wenn es seine ersten Fehlschläge und Enttäuschungen erlebt – die beiden Voraussetzungen, um selbst Inhalte zu kreieren und ein reifer Mensch zu werden.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



Ähnliche Artikel

Breaking News (Thema: Medien )

Was wir von der Welt sehen

von Wendy Hui Kyong Chun

Längst legen Algorithmen fest, welche Inhalte beim einzelnen Nutzer ankommen. Welche Folgen hat das?

mehr


Ich und die Technik (Thema: Technik )

Durchs Netz geschlüpft

von Yunchao Wen

Die chinesischen Behörden überwachen das Internet sytematisch. Wie man es trotzdem schafft, sie auszutricksen

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Weltreport)

Wer versteht sich?

von Ute Hempelmann

Der „Muslim Media Guide“ des British Council will Medien und Muslime einander näherbringen

mehr


Breaking News (Thema: Medien )

Öffentliche Kanäle, private Interessen

von Ucu Agustin

Wie Medienbosse in Indonesien die Berichterstattung prägen

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

Schwer zu zensieren

von Henry Li Siling

Wie Chinesen die Internetkontrolle mit Filmen umgehen

mehr


Ich und die Technik (Thema: Technik )

Ich und die Technik

Alle Menschen stehen heute vor der Herausforderung, die digitale Welt zu verstehen. Ein Ratgeber für Anfänger und Fortgeschrittene

mehr