„Islamische Lebensführung“

ein Interview mit Bekim Agai

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Die Anhänger Fethullah Gülens bilden eine einflussreiche Gruppe in der türkischen Gesellschaft. Was ist unter dieser Bewegung genau zu verstehen?

Gülen-Bewegung, das ist ein sehr weiter Begriff. Zum einen sind das die Leute, die Fethullah Gülen als islamischen Prediger und Ideengeber verehren. Gülen wirbt für ein friedliches Miteinander der Religionen. Er steht für einen Islam, der sich mit der Moderne vereinbaren lässt. Wichtigstes Ziel seiner Anhänger ist es, bessere Bildungsmöglichkeiten zu schaffen. Dann gibt es aber auch Leute, die sich nicht eingehender mit Gülens Lehren beschäftigen, aber die Bewegung und ihre Projekte interessant finden. 
 
Was für Projekte sind das?

Die Gülen-Bewegung gründet Schulen und Universitäten, hat eigene Medien, etwa Zaman, die größte Tageszeitung der Türkei, und engagiert sich stark im interreligiösen Dialog. 
 
Wie viele Gülen-Anhänger gibt es in der Türkei und woher kommt das Geld für die Projekte?

Es gibt keine formelle Mitgliedschaft. Entsprechend kann man keine genauen Zahlen nennen. Manche verbringen ihr gesamtes religöses Leben mit anderen Anhängern der Bewegung, andere gehen einfach zweimal die Woche als Nachhilfelehrer an ein Institut, das Gülens Ideen nahesteht. Privatleute unterstützen die Bewegung in großem Umfang.
 
Es gibt keine genauen Mitgliederzahlen? Das wirkt nicht besonders transparent.

In der Türkei hat man gelernt, dass eine zentrale Organisationsform in politisch unsicheren Zeiten nicht das geeignete Modell ist. Das heißt zum Beispiel: Die Gülen-Schulen versuchen, autonom und dezentral organisiert zu sein und damit ihre Handlungen selbst zu verantworten. 
 
Kritiker unterstellen der Bewegung, sie verfolge eine „geheime Agenda“. Was ist damit gemeint?

Manche der extremsten Kritiker mutmaßen, was die Bewegung nach außen hin vertrete, spiegele nicht ihre wahre Intention wider. Und die bestünde darin, die säkulare Ordnung in der Türkei zu stürzen und das Land zu islamisieren. Meiner Ansicht nach geht dies absolut am Staatsverständnis der Bewegung vorbei. 
 
Wie sieht Fethullah Gülen das Verhältnis zwischen staatlichen Gesetzen und islamischen Prinzipien?

Gülen geht davon aus, dass das staatliche Recht überall einzuhalten ist, weil die Einhaltung der staatlichen Ordnung die Aufgabe eines Muslims ist und alles andere dem Islam mehr schaden als nutzen würde. Die Gülen-Bewegung ist weltweit aktiv und auch in anderen Ländern gilt dieses Prinzip: Staatsrecht ist immer einzuhalten. 
 
Welchen Stellenwert hat die Scharia in der Gülen-Bewegung?

Scharia ist ja nicht allein das Strafrecht, sondern bedeutet ganz allgemein islamische Lebensführung und ist ein zentraler islamischer Begriff. Gülen sagt, dass die Scharia primär das Verhältnis von Mensch zu Gott berührt und sie so umfassend ist, dass einzelne Aspekte gegeneinander abgewogen werden sollten. Auch wenn Gülen zum Beispiel das Tragen des Kopftuchs als islamische Pflicht ansieht, riet er Studentinnen in der Türkei, die zwischen Exmatrikulation oder dem Kopftuch wählen mussten, dass die islamische Pflicht des Wissenserwerbs höher einzustufen sei. Die Diskussion um rechtsrelevante Teile der Scharia umgeht er, indem er auf den Vorrang des staatlichen Rechts verweist. 
 
Gülen gilt als äußerst charismatisch und wird als spiritueller Führer verehrt. Verhindert das eine kritische Auseinandersetzung? 

Ich denke, dass es bei einzelnen Themen abweichende Meinungen der Anhänger gibt, diese aber nicht öffentlich diskutiert werden. Eine direkte Zurückweisung von Gülens Ideen gibt es sicher nicht, denn das würde als Angriff gegen seine Person verstanden werden. Hierfür ist in der Bewegung kein Platz.

Wie wird die Rolle der Frau in der Gülen-Bewegung gesehen? Gülen schreibt auf seiner Homepage, die Frau könne „in öffentlichen Ämtern nicht das gleiche Engagement wie der Mann an den Tag legen“.

Gülen hat ein konservatives Frauenbild, das von Geschlechterkomplementarität ausgeht. Er findet: Manche Aufgaben bewältigen Männer besser, andere Frauen. Damit ist er bestimmten katholischen Positionen nicht fern. Die Gülen-Bewegung ist sicher nicht feministisch. Gleichzeitig muss man sehen, dass viele Frauen in der Bewegung Milieus entstammen, in denen bis vor Kurzem höhere Bildung für Frauen nicht selbstverständlich war. Ich nehme an, dass es einen Wandel durch Bildung geben wird. Die Frauen sind heute lokal sehr viel aktiver als noch vor zehn Jahren, doch insgesamt nach außen wenig sichtbar. 
 
Bessere Bildung gilt einerseits als zentrales Ziel der Bewegung. Andererseits schreibt Gülen, er glaube nicht an Darwins Evolutionstheorie. 

Gülen steht der Evolutionstheorie skeptisch bis ablehnend gegenüber. Darwins Evolutionstheorie ist in Westeuropa ein Marker für die Moderne geworden. Die Öffentlichkeit wird hier sicher eine klare Posititionierung einfordern, vor allem wenn die Bewegung künftig noch stärker in der Bildung aktiv ist.

Das Interview führten Carmen Eller und Jenny Friedrich-Freksa



Ähnliche Artikel

Russland (Essay)

Längst angekommen

von Marian Burchardt

Anders als islamkritische Bewegungen suggerieren, sind muslimische Einwanderer heute in Europa weitgehend integriert. Weshalb tun alle so, als müsse Integration erst noch erarbeitet werden?

mehr


Endlich! (Anruf bei ...)

Wann sind Migranten integriert?

es antwortet Ferda Ataman

Über lang anhaltende Ressentiments und die ewige Bringschuld derjenigen, die sich integrieren

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Thema: Islam)

Respekt statt Frauenbonus

von Abeer Esber

Die arabischen Schriftstellerinnen Joumana Haddad und Abeer Esber über Zensur, Tabus und den Platz von Frauen in der aktuellen arabischen Literatur

mehr


Unterwegs. Wie wir reisen (Bücher)

Krieg der Herzen und des Verstandes

von Marie Luise Knott

Jason Burke, Journalist für den britischen „Observer“, war 15 Jahre in den Krisengebieten der islamischen Welt unterwegs

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Weltreport)

Bilderverbot

von Constantin Schreiber

Die Finanzkrise erreicht die Emirate: Warum die Herrscher am Golf Angst vor den Medien bekommen – und was sie dagegen tun

mehr


Großbritannien (In Europa)

„Auch Polen haben Handys“

ein Gespräch mit Matthias Kneip

Polnisch als Unterrichtsfach ist bisher an deutschen Schulen nicht besonders beliebt. Ein neues Lehrwerk soll dies nun ändern

mehr