Frauen am Steuer

von Haji Jabir

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Saudi-Arabien Zaki ist die bekannteste Modedesignerin für saudische Kleidung. Zu ihren Pressekonferenzen erscheinen Männer und Frauen, und ihre Modeschauen lässt sich kaum eine Saudierin entgehen. Anfang 2007 machte Zaki in Anwesenheit sämtlicher lokaler Medien zu Werbezwecken eine Probefahrt im neuesten Cadillac. Obwohl die Fotografen jeden Meter der Fahrt aufnahmen, berichtete am folgenden Tag keine einzige Zeitung über dieses Ereignis. Zaki besitzt also erwiesenermaßen mehr Mut als die Landespresse.Denn Frauen dürfen in Saudi-Arabien eigentlich kein Auto steuern. Seit der Gründung des saudi-arabischen Staates durch ein Bündnis zwischen dem Clan der Saud, der die Regierungsgeschäfte übernahm, und dem Clan des Abd al-Wahhab, der die eigene Auslegung des Islam als die einzig wahre im Lande verbreitete, wurden die Rechte der Frau in Saudi-Arabien stark eingeschränkt.

Eine Frau darf sich nach wahhabitischer Lehre weder in Saudi-Arabien noch im Ausland frei bewegen, einen Ortswechsel muss ihr der Muharrim, ein Vormund, erlauben. Ein Wakil shar’i, ein nach religiöser Rechtsauffassung legitimer Statthalter der Frau, vertritt sie, wenn sie heiraten oder sich scheiden lassen möchte oder eine kleine Handelsgesellschaft registrieren lassen will. Sogar für die Ausstellung eines Passes braucht eine Frau einen Vertreter. Jahrzehntelang betrachtete die Herrscherfamilie das Bündnis mit den Wahhabiten als Garant für gesellschaftliche Stabilität. Dieser Umstand ermöglichte den religiösen Autoritäten die zunehmende Durchdringung der Gesellschaft. In vielen Ministerien gibt es Islamisten. So haben sie im Justizministerium, im Ministerium für religiöse Angelegenheiten und im Bildungsministerium das Sagen, in anderen Ministerien genießen sie Mitspracherecht. Enorm groß ist ihr Einfluss im Verband der Religionsgelehrten, der als Basis der religiösen Autorität gilt, und in der Polizei für die Einhaltung religiöser Sitten, die bei einem Teil der Bevölkerung großes Ansehen genießt.

Seit den Ereignissen des 11. September 2001 haben sich alle Spektren der saudischen Gesellschaft stark verändert. Die politischen Machthaber schränkten schrittweise die weitreichenden Befugnisse der Islamisten ein. Davon profitierten die Randgruppen und besonders die Frauen. Ende November 2005 bewarben sich 17 Frauen um die Mitgliedschaft in der Handelskammer in Jeddah. Die Regierung unterstützte sie, auch gegen das Murren der Gottesmänner. Groß war die Überraschung, als Lama al-Sulayman und Nashwa Taher jeweils mit großem Vorsprung vor männlichen Kandidaten einen Sitz im Verwaltungsrat der Handelskammer gewannen, obwohl die Zahl der stimmberechtigten Männer die der Frauen bei Weitem übertraf. Eine historische Wende, nicht nur in der Entwicklung der saudischen Handelskammer seit ihrem über 60-jährigen Bestehen, sondern in ganz Saudi-Arabien.

Die beiden neuen Ratsmitglieder gründeten zusammen mit anderen Unternehmerinnen das Zentrum der „Ehrwürdigen Khadidja bint Khuwaylid“ zur Stärkung der saudischen Frau. Ein klug gewählter Name, denn Khadidja bint Khuwaylid war die Ehefrau des Propheten Mohammed, die Islamisten soll dieser Name besänftigen. Khadidja war zudem eine erfolgreiche Unternehmerin und hatte großen gesellschaftlichen Einfluss. Sie war Mohammeds Geschäftspartnerin und seine erste Anhängerin. Sie stand zu ihm und unterstützte ihn bei der Überbringung der göttlichen Botschaft an die Bewohner von Mekka.Das Zentrum bietet Vorträge und Kurse über die Rechte und Pflichten der saudischen Frau an. Daneben kümmert man sich um die Entsendung von Frauendelegationen nach Europa und in die Vereinigten Staaten, um aus den Erfahrungen der dortigen Frauenrechtlerinnen zu lernen. Umgekehrt werden Delegationen aus diesen Ländern nach Jeddah eingeladen. Außerdem betätigen sich die Mitarbeiter des Zentrums als Vermittler zwischen Firmen und Frauen, die Arbeit suchen. Dass ein solches Zentrum dringend nötig ist, wird deutlich etwa durch die Erfahrung eines einflussreichen saudischen Geschäftsmannes, der 2006 auf einer Parfüm-Messe um die 50 junge Frauen engagieren wollte.

Die Polizei für die Einhaltung religiöser Sitten schritt ein und befahl dem Unternehmer, sofort alle Frauen zu entlassen, weil die Frauen bei der Ausübung der Arbeit mit Männern in Kontakt kämen.Auch Unternehmerinnen wie al-Batoul al-Hashimiyya und Hissat al-Aun, die sich in den Medien regelmäßig für die Rechte der Frauen starkmachen oder Dunya Bakr Yunis, die sich mutig auf die Wahl zur Mitgliedschaft im Rat der Handelskammer einließ, profitieren vom Interesse der Medien, das von der neuen saudischen Innenpolitik gefördert wird. Nahezu täglich kommen auf dem ersten, auf Arabisch sendenden Kanal des saudischen Fernsehens und auf dem zweiten, auf Englisch sendenden Kanal Unternehmerinnen zu Wort, welche die Probleme schildern, denen Frauen in Saudi-Arabien im täglichen Leben ausgesetzt sind, und Lösungen für diese Probleme vorschlagen. Themen sind etwa der beschränkte Zugang zu Arbeitsplätzen, die mit der Öffentlichkeit, also auch mit Männern, in Kontakt stehen (eine Ausnahme bilden Krankenhäuser), die weite Verbreitung häuslicher Gewalt durch den Ehemann, von zu Hause fliehende Mädchen, weil ihre Familien nicht auf friedliche Weise mit ihren Liebesbeziehungen umgehen könnnen, oder von Verwandten erzwungene Heiraten.

Die Wünsche und Bemühungen der Unternehmerinnen um einen raschen Wandel der saudischen Gesellschaft sind an ihren Investitionen und Interessen abzulesen. Der saudische Konzern Aramco, marktführend bei der Förderung im Export von Öl, veröffentlichte zusammen mit dem saudischen Verkehrsamt zu Beginn dieses Jahres eine Studie, die belegt, dass im Jahr 2006 über 75.000 Frauen mehr als 120.000 Autos auf ihren Namen registrieren ließen, 60 Prozent mehr als 2003 – und das, obwohl Frauen in Saudi-Arabien noch immer keine Fahrerlaubnis erlangen können.In der Studie wurde ferner darauf hingewiesen, dass die Frauen, insbesondere die Unternehmerinnen, großes Verlangen nach dem Besuch von Messen haben, auf denen Neuheiten ausgestellt werden, einschließlich neuer Brennstoffe für Autos sowie neue Automodelle. Über 50.000 Frauen besuchten die Wanderausstellung des Aramco-Konzerns, die in drei Monaten in drei großen saudischen Städten aufgebaut wurde. Die Statistik des Handelsministeriums verzeichnet 74 Handelsniederlassungen für Handel und Vermarktung von Ölprodukten in über 35 Städten und Dörfern, die sich im Besitz von Frauen befinden. Ihre Handelsaktivität breitet sich also auch in einer Domäne aus, die über Jahrzehnte den Männern vorbehalten war.Ein weiteres Mal beschlossen die saudischen Unternehmerinnen auf die Straße zu gehen, oder besser zu fahren. Die 47 Frauen, die bereits 1990 für die Fahrerlaubnis auf der bekanntesten Straße Riads, der Uliyya, demonstriert hatten und dafür geschlagen, von ihren Ehemännern und Vätern angezeigt worden waren und für sechs Monate Reiseverbot erhalten hatten, wurden diesmal von Hunderten Gleichgesinnten unterstützt.

Zu danken ist dies vor allem der Gründung des „Komitees der Frauen, welche die Anerkennung ihres Rechts auf Erwerbung der Fahrerlaubnis in Saudi-Arabien fordern“. Für ihre Demonstration nutzten sie den saudischen Nationalfeiertag am 23. September 2007. Sie unterbreiteten König Abdallah ibn Abd al-Aziz eine Petition zur Erteilung der Fahrerlaubnis an Frauen, unterschrieben von hunderten Frauen und Männern. Mit einem Statement, das auf der Homepage des Komitees zu lesen ist, wollen die Gründerinnen des Komitees die saudischen Frauen wachrütteln: „Wir möchten die Allgemeinheit daran erinnern, dass Rechte nicht im Handumdrehen, sondern auf einer Vielzahl möglicher friedlicher Wege erworben werden – ein Recht, das alle internationalen Verträge anerkennen.“ Männliche Unterstützung für die Unternehmerinnen kommt aus den unterschiedlichsten Schichten, zum Beispiel durch einige Mitglieder des Shura-Rates. So forderte Muhammad Al Zalfa als Erster öffentlich, man müsse den Frauen erlauben, ein Fahrzeug zu führen (und er tut dies auch weiterhin bei jeder Gelegenheit kund). Von einflussreichen Unternehmern innerhalb der Handelskammer ging zuerst die Unterstützung für die Kandidatur von Frauen als Kammermitglieder aus. Sehr wahrscheinlich werden sie sich auch für eine Erhöhung der Zahl weiblicher Kandidaten in den kommenden Kammerwahlen starkmachen. Der Informationsminister und mit ihm die saudischen Medien fördern nach Kräften die Bemühungen von Unternehmerinnen: durch Fernsehprogramme wie „Erfolgreiche Geschäftsfrauen“. Die Medien weisen auf aktuelle und künftige Projekte hin, die Unternehmerinnen erhalten die Gelegenheit, sich selbst und ihre Ideen vorzustellen, um andere Frauen zu ähnlichen Leistungen anzuspornen. Man darf auf die nächsten Schritte der Frauen – und der Männer – gespannt sein.

Aus dem Arabischen von Steffi Gsell



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