„Warum sollte ich euch wählen?“

Mary C. Joyce

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Frau Joyce, Sie haben während Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf den Einsatz neuer Medien koordiniert. Haben Sie den Kandidaten auch persönlich getroffen?
Nein. Als ich zum Obama-Wahlkampfteam stieß, war es bereits sehr groß. Ich habe ihn bei Veranstaltungen gesehen, aber ihm nie die Hand geschüttelt. Trotzdem wusste ich, dass ich ein Teil dieser Bewegung war, die er ins Leben gerufen hatte, um Amerika zu verändern. Und das war sehr beflügelnd.

Ein wichtiger Teil der Kampagne war die Einbindung sozialer Netzwerke: Auf Facebook unterstützen mehr als sechs Millionen Nutzer Obama. Wie viele Menschen haben versucht, den Eindruck zu erwecken, der Kandidat sei 24 Stunden am Tag online? 
Mehr als 50. Wenn Wähler unsere E-Mails oder SMS bekamen, haben sie aber nicht wirklich erwartet, mit dem Kandidaten direkt in Kontakt zu treten. Wir haben sie gebeten, mitzumachen, sich aktiv einzubringen, mit eigenen Ideen Obama zu unterstützen.

Ein Redenschreiber Obamas, Jon Favreau, ist jetzt 27 Jahre alt, so alt wie Sie. Ist dies typisch für amerikanische Wahlkämpfe?
Es gehört zur amerikanischen Kultur, dass junge Leute in Wahlkampfteams arbeiten. Am Obama-Wahlkampf war vielleicht das Besondere, dass uns viel Verantwortung gegeben wurde, etwa beim Entwerfen von Strategien. Jeder in der Abteilung „Neue Medien“ war jünger als 35 Jahre: der Direktor, sein Stellvertreter, die Blog-Leitung, die Online-Leitung.
 
Lebt denn diese teilhabende Demokratie weiter, seitdem Obama in Amt und Würden ist? 
Über die Webseite „Organizing for America“, geleitet vom Democratic National Committee, können Wähler, die Obama unterstützt haben, sich weiter engagieren und Veranstaltungen organisieren. 
 
Was war Ihr größter Erfolg im Neue-Medien-Team?
Unser größter Erfolg war natürlich, dass Obama die Wahl gewonnen hat. Was auch ziemlich viel Spaß gemacht hat: Wir haben den Vizepräsidentschaftskandidaten per SMS verkündet. Normalerweise wird solch eine wichtige Information einigen Journalisten mitgeteilt, die sie dann übers Fernsehen oder das Radio verbreiten. Aber wir verschickten sie an ganz normale Leute: Sie waren die Ersten, die es erfuhren. Wir haben so deutlich gemacht, dass neue Medien sich dadurch auszeichnen, dass sie einen direkten Kontakt zu den Wählern herstellen können – und dass diese dadurch Teil der Kampagne werden.
 
Seit wann werden in amerikanischen Wahlkampagnen die Wähler über neue Technologien mobilisiert?
Die erste Web-2.0-Kampagne führte Howard Dean, als er sich um das offizielle Kandidatenamt der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahlen 2004 bewarb. Diejenigen, die ihn unterstützten, waren sehr aktiv und organisierten sich selbst. Es gab und gibt noch immer die Webseite www.meetup.com, wo jeder Veranstaltungen ankündigen konnte, die Howard Dean unterstützten, und andere dazu einladen. Auch wenn er mit seiner Kampagne nicht erfolgreich war – er verlor gegen Senator John Kerry –, hat sie auf die politischen Möglichkeiten von sozialen Medien aufmerksam gemacht.
 
Wie werden sich politische Kampagnen in Zukunft verändern?
Sie werden partizipativer und mehr und mehr von unten kommen. Das hoffe ich zumindest, nicht nur weil es möglich sein wird, mit Millionen Menschen zu kommunizieren, sondern weil diese Menschen erwarten, dass sie „Teilnehmer“ sind. Wenn eine Kampagne nur lautet: „Wähle mich“, werden die Wähler sagen: „Ihr beteiligt mich nicht, warum sollte ich euch wählen?“
 
In Deutschland sind viele Politiker von neuen Technologien begeistert, haben aber dann Angst vor Kommentaren und direkter Kritik. Viele Blogs bestehen nur aus Pressemitteilungen.
Wenn man neue Medien ohne die richtige Geisteshaltung verwendet – dazu gehören Engagement, Machtteilhabe, Interaktion, Gespräch –, werden sie nicht wirklich anschlagen. Wenn Politiker privat SMS benutzen, wissen sie, wie interaktiv dieses Medium ist. Genau das müssen sie auch bei politischen Kampagnen wissen.

Das Interview führte Nikola Richter



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