In Zukunft zu zweit

von Shen Dingli

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Als einzige Supermacht der Welt erleben die Vereinigten Staaten von Amerika eine entscheidende Zeit des Wandels. Wirtschaftlich betrachtet sind sie immer noch eine weltweit unübertroffene und konkurrenzlose Macht. Die Wirtschaft der USA ist etwa dreimal größer als die der zweit- und drittplatzierten Länder Japan und China. Das Pro-Kopf-Einkommen der amerikanischen Bevölkerung ist um 20 Prozent höher als das der Japaner und sogar 13-Mal höher als das der Chinesen. Nur wenige Länder haben ein größeres Pro-Kopf-Einkommen, diese sind dann aber gemessen an der Bevölkerungszahl wesentlich kleiner als die Vereinigten Staaten.

47 Prozent des Weltverteidigungshaushalts gehen auf das Konto der Vereinigten Staaten, die das einzige Land der Welt sind, das außerhalb des eigenen Territoriums verschiedene regionale Kommandos, bis in den Weltraum hinein, führt. Die USA scheinen als einzige Nation in der Lage zu sein, kurzfristig überall einen Krieg führen zu können – der Irakkrieg war solch ein Beispiel. Doch neuerdings begegnen der Supermacht auch ernst zu nehmende Herausforderungen.

Die amerikanische Demokratie vermochte Präsident Bushs Krieg gegen den Irak nicht zu verhindern. In Krisenzeiten, wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, versäumte es die US-Demokratie, eine angemessene Verteidigungsstrategie auszuarbeiten. Der Einmarsch in den Irak erfolgte ohne Mandat der Vereinten Nationen und ohne ausreichenden Beweis für eine vom Irak ausgehende Gefahr, die einen Präventivkrieg gerechtfertigt hätte.

Bushs Regierung baute Gefangenenlager in Guantanamo und anderswo und verletzte die Rechte der Inhaftierten. Obgleich Obamas Administration den Rückzug aus dem Irak ankündigte, hat sich die amerikanische Seite bislang weder vor dem Irak und der Welt für den Bruch des internationalen Friedens entschuldigt noch sich verpflichtet, die Kriegstreiber vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Auch über Reparationen an den Irak wird nicht geredet. Der Schaden, den die Demokratie und die Führungsrolle der USA in der Welt dadurch nahm, lässt sich weder schnell noch einfach beheben.

Der freie Kapitalismus Amerikas ist durch die andauernde Finanzkrise infrage gestellt. Menschliche Gier, mangelnde angemessene staatliche Regulierung und die Auswirkungen des 11. September 2001 auf das Konsum- und Sparverhalten kulminierten in einer beispiellosen Wirtschaftskrise, die die Glaubwürdigkeit und Tragfähigkeit des US-amerikanischen Kapitalismus auf den Prüfstand stellt. Ein Mangel an Zukunftstechnologien verschlechtert die Situation noch und macht deutlich, dass die Institutionen der USA vor einer wesentlichen Erneuerung stehen.

Das erklärt, wie Präsident Obama in so kurzer Zeit an die Macht gelangen konnte. Sein Zugeständnis an den Wandel ist frischer Wind für das Bild Amerikas in der Welt. In den vergangenen Monaten stellte Obamas Administration die Beziehung zu Russland wieder her und diskutiert die schwierigen Themen Raketenabwehr in Mitteleuropa und die NATO-Mitgliedschaft Georgiens. Die Vereinigten Staaten besserten rasch das transatlantische Verhältnis zu ihren NATO-Alliierten und verpflichteten sich wieder einem multilateralen Außenpolitikkonzept. Ungeachtet des Führungswechsels im Weißen Haus stabilisierte Washington mit Nachdruck die Beziehungen zu Peking. Präsident Obama hat zudem seine versöhnende Hand in Richtung Iran, Kuba und Venezuela ausgestreckt, zum Dialog aufgerufen und sogar die Vision einer atomwaffenfreien Welt unter US-amerikanischer Führung entworfen.

Die globale Stellung der USA ist in einem langsamen Wiederaufbau begriffen und zeigt jetzt schon eine neue konstruktive Kontur. Ob die US-amerikanische Wirtschaft ihre bislang schwerste Krise heil überstehen wird, ist alles andere als sicher. Noch haben die Vereinigten Staaten nicht zu ihrer besten Zeit, der Clinton-Ära, zurückgefunden. Außenpolitisch hoffen sie, wieder eine Hauptrolle zu spielen, vorausgesetzt, sie bewältigen ihren Krieg gegen den Terror im Irak und in Afghanistan bislang jedoch ist nicht abzusehen, ob sie die tief liegenden Fehler des freien Kapitalismus beheben können.

Die Vereinigten Staaten verlieren vor diesem Hintergrund einiges an Macht und Vitalität und auch die Volkswirtschaften der westlichen Industrienationen entwickelten in den letzten Jahrzehnten ihre Wettbewerbsfähigkeit nur schleppend, sodass die führenden sieben beziehungsweise acht Industrienationen immer weniger die Weltwirtschaft und -sicherheit definieren. Stattdessen müssen wir immer stärker die G13- beziehungsweise G20-Länder in Betracht ziehen, wenn wir Entwicklungen der Weltwirtschaft vorhersagen wollen.
 Asien wird bei dieser Plattenverschiebung der Weltmachtzentren immer bedeutender. Ostasien ist zu einem Motor der Weltökonomie geworden, mit Japan, China und Korea als Hauptakteuren der gegenwärtigen Industrialisierungswelle. Japan und Korea sind aufgrund ihres ökonomischen Gewichts und Pro-Kopf-Einkommens bereits OECD-Mitglieder. Chinas Entwicklungstempo ist mittlerweile so eindrucksvoll, dass seine Wirtschaft im laufenden Jahr diejenige Japans überholen könnte und somit weltweit nur noch den USA den Vortritt lassen müsste.

In Asien finden sich drei der vier Nationen versammelt, die gemeinsam mit Brasilien weltweit das schnellste Tempo des Wirtschaftswachstums vorweisen. Ihre massiven menschlichen Ressourcen – im Falle Chinas und Indiens – oder natürlichen Ressourcen – im Falle Russlands – beschleunigten ihre Entwicklungsgeschwindigkeit. 2008 wies China noch immer ein jährliches Wachstum von neun Prozent auf, was sich bei gleichzeitiger Rückläufigkeit aller anderen Wirtschaftsmächte eindrucksvoll ausnimmt.

Die Weltordnung befindet sich mitten in einer Umstrukturierung. Ob mit oder ohne Abschwung, China hat gute Chancen zwischen 2020 und 2030 zur US-Ökonomie volumenmäßig aufzuschließen. Das kann als sicher gelten in Zeiten, in denen das westliche Kapital die günstigen Arbeitsressourcen sucht, die der chinesische Markt im Überfluss zu bieten hat. Solange China offen bleibt, wird sich seine traditionelle Bürde an Massen mittelloser, Arbeit suchender Menschen in einen Pluspunkt für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen wandeln. Mit dem Anschluss Chinas an die Größe der US-Wirtschaft wäre das Volumen der Europäischen Union oder das dreifache Japans realisiert. Berücksichtigt man, dass Chinas Wirtschaft bereits viermal so groß wie jene Indiens ist, erscheint es wahrscheinlich, dass der Abstand zu Indien noch größer wird, wenn Peking in der Dekade 2020 bis 2030 Washington erreicht.

Auch bei den Verteidigungsausgaben ist Chinas Wachstum beeindruckend. Chinas offizieller Verteidigungshaushalt liegt mit 70 Milliarden US-Dollar weltweit an dritter Stelle, hinter den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Obwohl der Verteidigungshaushalt lediglich ein Viertel vom US-amerikanischen ausmacht, verdoppelt er sich alle vier Jahre und vervierfacht sich alle acht Jahre. China visiert somit 280 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 an – was den US-Ausgaben im Jahr 2000 gleichkommt. Unberücksichtigt dabei bleiben die Kosten für Forschung und Entwicklung aus nicht militärischen Einrichtungen wie auch die Pensionen für militärisches Personal in zivilen Abteilungen und die sich durch die unterschiedliche Kaufkraft beider Nationalwährungen ergebende Differenz.

Solch ein Wachstum bleibt nicht ohne Auswirkungen. Der langfristig beobachtbare Rückgang der US-amerikanischen Wirtschaft schreitet unaufhaltsam voran, während die ostasiatischen Ökonomien und die neuen Industriemärkte Brasilien, Russland, Indien und China sichtbar werden. Bis zum November 2008 konnte man durch das chinesische Wirtschaftswunder an die Entstehung eines ernst zu nehmenden Konkurrenten für die USA glauben. Doch dieses chinesische Phänomen ist unter Umständen nicht nachhaltig. Nicht nur die wichtigsten westlichen Ökonomien sind im Sumpf der Finanzkatastrophe stecken geblieben, auch Chinas Leistungsfähigkeit ist infrage gestellt. Chinas Wachstum im Bruttosozialprodukt fiel von 13 Prozent im Jahr 2007 auf neun Prozent im Jahr 2008 zurück. Im ersten Quartal 2009 betrug das Wachstum sogar nur noch 6,1 Prozent.

Chinas hohe Abhängigkeit vom Export hat den enormen Aufschwung seiner Wirtschaft hervorgebracht. Während nunmehr in den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Nationen das Vertrauen in den Konsum sinkt und es notwendig wird, die nach China ausgelagerten Produktionen rasch zu reduzieren, steht China vor seinem eigenen strukturellen Problem: einem Mangel an ausreichendem Binnenkonsum trotz großer Kapitalmengen.

China wird aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sein, Amerika kurzfristig zu verdrängen. Grundsätzlich vermochte China es bislang nicht, eine Kultur technologischer Innovation zu etablieren, um damit seine Wirtschaft durch eigene Kraft aufzuwerten. Zudem mindern die schreckliche Umweltzerstörung und ökologische Schädigung Chinas schlicht und ergreifend seine Chancen auf nachhaltige Entwicklung, was unter den aktuellen Umständen der Finanzkrise noch deutlicher wird. Obwohl China theoretisch die Hoffnung hegt, in ein bis zwei Jahrzehnten Amerika wirtschaftlich zu überholen, muss seine Wirtschaft mindestens zwei große Probleme lösen: Sie steht vor beispiellosen Umweltaufgaben und ebensolchem Energiebedarf.

Ohne diese Herausforderungen zu lösen, könnte die weitere ökonomische Entwicklung Chinas eine Umweltkatastrophe und soziale Instabilität herbeiführen und erscheint schon deshalb unerreichbar. Ein unwillkommenes Szenario für China und den Rest der Welt, das nur durch internationale Zusammenarbeit verhindert werden kann.

Präsident Obama hat die Umweltpolitik seines Vorgängers zurückgenommen und verfolgt nun die Reduzierung von Treibhausgasen, was auf chinesischer Seite Handlungsdruck und -chancen zugleich erzeugt: die Ausgaben für den Umweltschutz zu erhöhen und sich darin zu beschränken, immer mehr Wohlstand zu generieren. Es ist klar in Chinas Interesse, dieses lieber früher als später zu tun. Obgleich es China schwerfallen wird, CO?-Mengen in einem Post-Kyoto-Protokoll festzuschreiben, wird es dieser Nagelprobe auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen im Dezember dieses Jahres kaum entgehen können.

Kurzsichtigkeit kann China nicht zu einer Position unter den zwei wirtschaftlich stärksten Länder der Welt verhelfen. Daher muss die Regierung ein Gleichgewicht zwischen ihrem kurzfristigen Interesse, Arbeit und Wohlstand zu schaffen, und dem langfristigen Ziel der Nachhaltigkeit herstellen, da beide essenziell für den sozialen Frieden sind.

Die Vereinigten Staaten müssen auf ihrer Seite eine Führungsrolle bei der Einschränkung von CO?-Emissionen übernehmen und andere Länder dazu veranlassen, es ihnen gleichzutun, jedes im Rahmen seiner ökonomischen Möglichkeiten. Sollten die USA es nicht schaffen, mit China zu einem beidseitigen Einvernehmen zu gelangen, könnte das zu einem globalen Desaster führen, denn beide Länder sind Hauptverursacher von Treibhausgasen.

Zumindest für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte werden die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige Supermacht bleiben. Ihre natürlichen Ressourcen, die geo-strategische Ausrichtung, die politischen Institutionen, die technologischen Innovationen und ihr Forschungs- und Bildungsvorteil – all das verleiht den Staaten einen sicheren Vorsprung. Auf chinesischer Seite haftet der hartnäckige Pro-Kopf-Nachteil: Knappheit an natürlichen Ressourcen – sauberes Wasser eingeschlossen –, Mangel an Energiereserven und prekäre Bildungsressourcen im Vergleich zu den USA und nicht zuletzt die Notwendigkeit der Erneuerung von Chinas Sozialethik und Moral, ihre Anpassung an die moderne Zeit.

Doch China muss nicht auf die Zeit warten, in der es eine globale Rolle spielt. Durch die Einberufung der Sechs-Parteien-Gespräche, in denen das Kernwaffenprogramm Nordkoreas Gegenstand war, hat es bereits eine entscheidende und konstruktive Rolle in der nord-ostasiatischen Sicherheit übernommen ebenso wie durch die Entsendung von Schiffen in den Golf von Aden zum Schutz internationaler Gewässer vor Piraten. Es befinden sich zudem mehr chinesische Friedenstruppen im Auftrag der Vereinten Nationen in Konfliktregionen, Darfur eingeschlossen, als aus jedem anderen Land. Nicht zuletzt ist China der größte Geldgeber unter den Entwicklungsländern mit einem offiziellen Betrag von 29 Milliarden US-Dollar Hilfsgelder für andere Entwicklungsländer.

Auch wenn China in absehbarer Zeit kein globaler Konkurrent für die USA sein wird, wird Peking Washington auch in Zukunft herausfordern. Präsident Bushs unheilvolle und einseitige Außenpolitik schadete dem Ansehen der Vereinigten Staaten und führte bereits zu einem wachsenden chinesischen Einfluss in der Welt, genauso wie das erfolgreiche Wirtschaftswachstum Chinas globale Position stärkte. Die konsequente chinesische Zurückhaltung führte zu einer relativen Akzeptanz seines friedlichen Aufstiegs durch die Vereinigten Staaten und seine Alliierten. In ein bis zwei Jahrzehnten werden die USA noch immer die dominierende Weltmacht sein, während China zunehmend nach Ebenbürtigkeit strebt. 

Aus dem Englischen von Adina Mohr



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