„Der Jazz wuchs in uns heran“

ein Gespräch mit Jimmy Scott

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Herr Scott, Sie sind einer der bedeutendsten Jazzsänger der Vereinigten Staaten und nun schon seit über 70 Jahren Musiker. Was waren für Sie die größten Veränderungen in dieser Zeit?

Viele Menschen haben unter der Rassentrennung gelitten. Es tat weh, aber man konnte nichts dagegen tun, sich einzumischen hätte mehr Probleme verursacht. Ich selbst habe es nicht so gespürt, da war Musiker zu sein von Vorteil. Manchmal haben Leute in den Clubs die Nase gerümpft, weil man schwarz war. Aber andere hatten es viel schwerer. Sie wurden gar nicht erst in die Clubs hineingelassen.

Haben sich diese Entwicklungen auch im Jazz widergespiegelt?

Oh, auf jeden Fall! Es gibt viele Musiker, die am Spielen gehindert wurden, weil sie schwarz waren. Umso mehr haben sie sich aber bemüht weiterzumachen. Sie haben Dinge im Jazz hervorgebracht, die diese Erlebnisse wiedergaben. Man konnte die Entschlossenheit, ein Bestandteil des Jazz-Business bleiben zu wollen, in der Musik hören.

Wann hat sich die Situation für schwarze Musiker verändert?

Es gab glücklicherweise Leute wie die weißen Jazzmusiker Artie Shaw und Woody Herman. Aus Liebe zur Musik stellten sie schwarze Musiker ein und gründeten in den 1930er-Jahren die ersten integrativen Bands. Dieser Schritt in einer Zeit, in der weiße Musiker eigentlich nichts mit schwarzen Musikern zu tun haben wollten, war gut. Heute ist das ganz anders. Natürlich sind wir froh darüber, dass es keine Rassentrennung mehr gibt, aber es war auch ein Lernprozess.

Was bedeutet Jazz für die USA?

Jeder Amerikaner ist mit Jazz in Berührung gekommen. Irgendwann haben alle einmal mitgemacht – haben den Lindy Hop (Tanzstil der 1920er- bis 1940er-Jahre, Anmerkung d. Red.) gelernt und all die anderen Tänze, die sich mit der Musik entwickelt haben. Der Jazz war der Vater aller Musikarten, die sich in diesem Land gebildet haben – des Blues, des Rock ’n’ Roll. In diesem Land ist eine Menge Musik entstanden.

Wieso gerade in den USA?

Das, was man musikalisch ausdrückt, ist das, was man fühlt – es kommt aus dem Herzen. Ich kann Ihnen das nicht anders erklären: Das ist in etwa so, wie ich Ihnen nicht sagen kann, wie Sie sich zu fühlen haben. Es liegt vielleicht an verschiedenen Dingen, mit denen wir aufgewachsen sind, zum Beispiel den Big Bands. Während wir heranwuchsen, wuchs die Musik in uns heran.

Jazz wird oft als Musik der Intellektuellen betrachtet. Sehen Sie das auch so?

Die Schöpfer der Musik waren nicht die reichen Menschen mit hoher akademischer Bildung, sondern die ärmsten, am wenigsten gebildeten Menschen, erzogen vom Straßen- und Nachtleben. Aber die Reichen haben sie begeistert angenommen. Jazz wurde für jeden gespielt.

Wie ist es heute mit dem Nachwuchs?

Gestern hatte ich einige Kids hier. Und es war erstaunlich, wie sehr sie an Musik interessiert sind. Wir hatten früher Lehrer, die uns ermutigt haben. Aber den Jugendlichen heutzutage fehlt das, was ich traurig finde.

Haben die USA noch eine Führungsrolle aus kultureller Perspektive?

In der Vergangenheit war der Einfluss der USA sehr stark. Amerikanische Musik beeinflusst immer noch viele Musiker in der Welt. Auch wenn mir unter den heutigen Künstlern keiner einfällt, der die Musikwelt so nachhaltig prägen könnte wie die Originale.

Gibt es ein neues Amerika mit Barack Obama?

Er wird auf jeden Fall Veränderung bringen. Er will ein Land, in dem jeder seinen Teil beiträgt. Ja, es gibt ein neues Amerika und es wird offensichtlich an der Vielfalt der Menschen, die Barack Obama gewählt haben. Es gibt mehr Akzeptanz, was für Amerika und das amerikanische Volk spricht. Viele destruktive Dinge wurden eliminiert. Allerdings müssen wir noch abwarten und schauen, wie dieses Amerika angenommen wird.

Das Interview führte Young-Sim Song



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