Verdrängte Leidenschaften

von Erica Jong

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Während Europäer mit nackten Brüsten am Strand kein Problem haben, kichern Amerikaner bereits über jede versehentliche Brustentblößung. Aber wieso? Liegt es an unserem puritanischen Erbe? Zeugt es von der Jugendlichkeit unserer Kultur? Wir Amerikaner sind ewig Pubertierende. Wir geloben Enthaltsamkeit und verfallen doch in Promiskuität. Unsere Religion ist die Ambivalenz und ewige Unzufriedenheit die Folge. Wir tun gern so, als wäre Begierde für uns kein innerer Antrieb. Dabei werden wir von uneingestandenen Leidenschaften heimgesucht.

Überaus deutlich trat diese sexuelle Funktionsstörung in der Hatz auf Bill Clinton zutage. Was sich zwischen ihm und Monica Lewinsky abspielte, war absolut pubertär. Ebenso wie die Empörung, die sich daran entzündete. Clinton wurde für einen nicht vollzogenen Geschlechtsverkehr abgestraft — viel Lärm um nichts also. Seine Aussage „Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau“ entsprach der Wahrheit. Gerettet hat es ihn freilich nicht.

Ein gefülltes Törtchen ist uns lieber als eine nackte Brust. Frauen, die in der Öffentlichkeit stillen, sind für uns eine echte Prüfung. Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir Säugetiere sind. Wir möchten uns nicht mit unseren Vorfahren, den Affen, identifizieren. Dies erklärt vielleicht auch die Verrückten, die Darwins Evolutionstheorie leugnen. Wir möchten Engel sein und keine Affen.

So vieles in der amerikanischen Gesellschaft ist mir ein Rätsel. Einerseits nehmen wir für uns in Anspruch, Verfechter des Lebens zu sein, andererseits verschwenden wir unseren Staatshaushalt für einen endlosen Krieg und lassen zu, dass es aufgrund der Nationalen Schusswaffenvereinigung (NRA) auf unseren Straßen, in unseren Schulen und sogar in unseren Nationalparks Sturmwaffen gibt.

Kein zweites zivilisiertes Land ist so waffenverliebt wie wir. Kein zweites zivilisiertes Land streitet mit der Wissenschaft über den Ursprung unserer Spezies. Welches andere Land hätte das Mormonentum hervorbringen können, einen Kult, der ein spezielles Gewand zum Bedecken der Körperblöße vorschreibt und zugleich die Kinderehe legitimiert?

Zwar haben wir gebildete Eliten, die ähnliche Positionen vertreten wie die Eliten in Europa, aber sie können sich bei uns nie recht durchsetzen, weil unsere Kultur ausgesprochen primitiv ist. Hinzu kommt der Körperkult der Amerikaner, ihre Leidenschaft für Fitness, gebräunte Haut und trainierte Muskeln. Dieser Kult besteht Seite an Seite mit einer epidemieartigen Fettleibigkeit. Wir sind Fitnessanbeter und pochen gleichzeitig auf unser amerikanisches Recht, uns den Magen mit ungesundem Essen vollzuschlagen. Dieses Paradox sorgt dafür, dass wir mit unseren Körpern garantiert unglücklich sind. Womöglich wollen wir sie gerade deshalb verstecken.

Wir sind Spezialisten im Selbstekel. Nach Aussagen von Statistikern machen stets 70 Prozent unserer Bevölkerung eine Diät. Zumindest vormittags, um dann nachts Junkfood zu fressen. Das ideale Rezept fürs Elend! Kein Wunder, dass sich die meisten unserer Bestseller damit beschäftigen, wie man sich und sein Leben optimiert. Wir kaufen diese Bücher, anstatt unsere Gewohnheiten zu verändern.

Unsere Ziele in Sachen Körperschönheit sind auf lange Sicht unerreichbar: Zähne weiß wie unser Kühlschrank, schlanke Taille, Riesenbrüste, strammer Hintern, schlanke Schenkel, makellose Haut. Was ist dies anderes als eine totale Ablehnung des eigenen, mit Mängeln behafteten Menschseins? Was sind wir doch für eine sonderbare Nation!

Doris Lessing, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, hat es gewagt, über die Unmöglichkeit zu schreiben, körperliche Vollkommenheit zu wahren. Die Heldin ihres Buches „Der Sommer vor der Dunkelheit“ verzichtet auf gefärbte Haare, Make-up und andere weibliche Rituale zur Verschleierung des Älterwerdens. In „Das Tagebuch der Jane Somers“ erforscht sie furchtlos die Hinfälligkeit des Körpers. Lessing ist sich bewusst, dass körperliche Perfektion ein Irrglaube ist. Warum sind wir uns dessen nicht bewusst?

Bis der Körper stirbt, altert er. Solange wir nicht akzeptieren, dass wir altern, sind wir dazu verdammt, uns über weite Strecken unseres Lebens elend zu fühlen. Für mich ist der amerikanische Kult des perfekten Körpers darum ein „Streben nach Unglück“ — und damit das genaue Gegenteil jenes „pursuit of happiness“, das unsere Verfassung verheißt.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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