Wofür steht Amerika?

von Christian Parenti

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Die Kluft zwischen Symbolen und ihrer Substanz gibt es in jeder Nation. Alle geben sie vor, die Freiheit zu verteidigen, und verhalten sich dann doch scheinheilig. In den Vereinigten Staaten ist das Verhältnis zwischen Symbol und Substanz besonders komplex. Wer sind die Amerikaner nun eigentlich? Und vor allem: Wofür stehen die USA heute?

Diese Fragen sind umso interessanter angesichts der Wahl von Barack Obama, unserem ersten afroamerikanischen Präsidenten. Ich habe drei Personen zum heutigen Amerika befragt: einen ehemaligen Polizisten, der mittlerweile Psychologie unterrichtet, einen Banker, der einer Spezialeinheit der US Army angehörte und im irakischen Falludscha ein Bein verlor, und schließlich eine junge Wissenschaftlerin indischen Ursprungs, deren Eltern einst aus Westbengalen in die Vereinigten Staaten einwanderten.

Carlo Defazio begann Ende der 1960er-Jahre in Pittsburgh seine Arbeit als Polizist. Heute lehrt der 64-jährige Amerikaner Psychologie an einem College in Las Vegas im Bundesstaat Nevada. Als sei Amerika mit einem einzigen Wort nicht zu erfassen, kommen Defazio auf die Frage, wofür die USA heute stehen, gleich eine ganze Reihe von Schlagwörtern in den Sinn: „Imperium, Anmaßung, Konsum, Verschwendung, Individualismus, Korruption, Diskriminierung, Vorurteile, Ungleichheit, Unterdrückung, Indoktrinierung, Kontrolle, Desinformation, Fehlerziehung, entfesselter Kapitalismus, Gier, Ausbeutung und Oligarchie.“ Als junger Polizeibeamter wurde Defazio durch einen Schuss schwer verletzt.

In seinem 16. Dienstjahr stieg er aus seinem Beruf aus. Der Auslöser war ein entsetzlicher Vorfall: Ein Mann hatte mehrere Kinder vergewaltigt und ermordet. Defazio und sein Kollege ertappten den Mann auf frischer Tat, als er gerade die Leiche eines 11-jährigen Jungen in eine Mülltonne warf. „Wir haben ihn bis in seine Wohnung verfolgt“, erinnert sich Defazio. „Er versteckte sich unter seinem Bett. Ich hielt ihm meine Pistole ins Gesicht, und mein Kollege sagte, ich solle ihn töten. Niemand hätte sich darum geschert, wenn wir ihn umgebracht hätten.“ Aber er ließ den Kindermörder leben. Zwei Wochen später begann Defazio zunächst als Sozialarbeiter. Als ich ihn nach dem Wandel frage, für den Obama steht, bleibt er ungerührt. „Die USA sind kein faires Land“, sagt er. „Die Karten sind gezinkt – zu Ungunsten der Armen. Daran wird sich auch mit Obama nichts ändern.“

Der Exsoldat und Bankkaufmann Matt Bacik ist anderer Ansicht. 2005, während seiner Zeit als Hauptmann der US Army Rangers, fuhr der 29-Jährige sein Fahrzeug in der Nähe von Falludscha über eine Sprengladung. Sein Bein wurde zertrümmert und unterhalb des Knies amputiert. Captain Bacik schied aus der Armee aus, besuchte eine kaufmännische Schule und wurde Banker. Man bot ihm eine Stelle bei Lehman Brothers an, kurz bevor die Firma zusammenbrach. Mittlerweile lebt er in Alabama, wo er sich gerade als Militärzulieferer selbstständig macht.

„Ich weiß, was Amerika mir bedeutet. Ob ich auch weiß, was Amerika für andere bedeutet – da bin ich mir nicht so sicher“, sagt Bacik. „In meinen Augen stehen die USA für Chancen und Freiheit. Die Meinung der Mehrheit hat sich da allerdings wohl geändert. Amerika steht heute vor allem für Anspruchsdenken.“ Obamas Wahl verkörpere diesen Wandel. „Viele Leute sind für Freiheit und Chancen, bis es mit ihnen bergab geht. Dann stellen sie Ansprüche an den Staat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Vorfahren etwas anderes im Sinn hatten, als sie in dieses Land kamen.“ Baciks Vorfahren stammen mütterlicherseits aus Irland, während die Familie seines Vaters in den 1920er-Jahren aus der Slowakei einwanderte.

Ich frage ihn, wofür Amerika seiner Meinung nach stand, als er im Irak und in Afghanistan diente. „Mein Erfahrungshorizont war beschränkt, ich hatte die ganze Zeit ein Gewehr in der Hand“, erzählt Bacik. „Viele Menschen dort waren von unserer Regierung sichtlich frustriert. Andererseits sah ich sie T-Shirts mit AC/DC- Aufdruck tragen. Sie schienen die amerikanische Kultur also zu mögen.“ Er überlegt und sagt dann: „Letztlich steht Amerika für verantwortliches Handeln. Daran habe ich mich stets gehalten, und nach diesem Grundsatz erziehe ich auch meine beiden Töchter. Wenn man schlechte Entscheidungen trifft, kommt auch Schlechtes dabei heraus. Wenn man dagegen vertretbare Risiken eingeht, wird man belohnt.“

Padmini Biswas, deren Eltern aus Westbengalen einwanderten, hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Land. „Ich wurde sehr traditionell erzogen. Meine Eltern sahen die amerikanische Kultur ausgesprochen kritisch. Ihnen schien sie heruntergekommen, für sie waren alle Menschen hier süchtig und verwahrlost. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Ich bin in diesem Land so vielen Drogenabhängigen begegnet – und das deutet doch darauf hin, dass viele in ihrem Innersten unglücklich sind. Man könnte also sagen, dass Amerika für den restlosen Verfall der Menschlichkeit steht, für Mutlosigkeit und Verzweiflung.“ Dies, so räumt Biswas dann ein, sei jedoch nur eine Seite der Medaille. „Auf der anderen Seite steht Amerika für Wandel. Das soll sich jetzt aber nicht so anhören wie eine Werbung für Obama.“

Die Akademikerin, die von einer Konferenz zurückgekommen ist, bei der es um die Belange von Einwanderern aus Südostasien ging, forscht über dieses Thema derzeit im Rahmen ihres Aufbaustudiums in New York. „Viele Menschen, die ich bei dieser Konferenz getroffen habe, sind abgeschoben worden, aber danach wieder in die USA zurückgekommen, weil sich ihnen hier Chancen bieten, die sie anderswo einfach nicht haben“, sagt Biswas. „In traditionellen Gesellschaften sind Chancen mit Wohlstand und ererbtem Status verknüpft.“

Sie selbst wurde zwangsverheiratet, ließ sich aber von ihrem Mann scheiden. „Traditionelle Gesellschaften lassen diese Art von persönlicher Freiheit und Autonomie nicht zu“, sagt Biswas. Nicht nur in Indien, sondern auch in südeuropäischen Ländern wie Griechenland dürften unverheiratete Frauen nicht allein leben, sondern müssten bei ihren Familien bleiben. „Wenn man in einem solchen Umfeld aus einer arrangierten Ehe aussteigt, wird man von der gesamten Gesellschaft verachtet und verhöhnt. In Amerika ist das anders“, erklärt die Wissenschaftlerin. Ich frage sie, wie sie die lange Geschichte der Rassendiskriminierung in den USA sieht. „Natürlich gibt es hier Ungleichheit, Rassismus und Unterdrückung“, meint Biswas. „Wäre ich dunkelhäutig, würde ich vielleicht nicht sagen, dass Amerika für Chancenreichtum und Wandel steht.

Aber als Einwanderer kann man sich in die Gesellschaft integrieren und in einer Weise Teil von ihr werden, wie dies in den meisten europäischen Ländern nicht möglich wäre.“ Nicht zuletzt angesichts der langen Tradition des politischen Kampfes und des gesellschaftlichen Wandels in Amerika, wie er sich in der Bürgerrechtsbewegung ausdrückte, gelangt sie zu dem Schluss: „Als Einwanderer, als Farbiger, bekommt man von Amerika vielleicht einen Tritt, aber man kann auch zurücktreten.“

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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