Comic-Journalismus

von Elise Graton

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Ende Juli 1986, als der Krieg zwischen sowjetischen Soldaten und Mudschaheddinen in Afghanistan seit nunmehr sieben Jahren tobt, fliegt der französische Fotograf Didier Lefèvre von Paris nach Pakistan. In der mit afghanischen Flüchtlingen überfüllten Stadt Peschawar trifft er eine Gruppe der internationalen Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Bis zu einem kleinen Kriegslazarett im Herzen Afghanistans wird er sie mit seiner Kamera begleiten. Für den damals 29-jährigen Lefèvre ist es die erste große Fotoreportage.Die Reise ist alles andere als ungefährlich: Zu Fuß macht sich die aus afghanischen Widerstandskämpfern, Waffenschmugglern, westlichen Ärzten und schwer bepackten Eseln bestehende Karawane auf den Weg.

Mehrere Tausend Meter hohe Bergpässe müssen sie überqueren, um Regierungstruppen und russische Invasoren zu umgehen, die alle Straßen kontrollieren, denn sie haben keine offizielle Genehmigung für ihre humanitäre Mission.Von all den Fotos, die Lefèvre nach Europa zurückbrachte, wurden nur ein paar von der Presse verwendet. Die dazu passenden Anekdoten erzählte der Fotojournalist vor allem seinen Freunden. Das Privileg hatte unter anderen der heute 44-jährige Comiczeichner Emmanuel Guibert. Seit ihrer Jugend kannten sich der Absolvent der Pariser Hochschule der Arts Décoratifs und der 2007 verstorbene Fotoreporter Lefèvre.Aus den Erzählungen entstand die Idee zur in Frankreich 2003 erschienenen Trilogie „Der Fotograf“, in der Schwarz-Weiß-Fotografie auf Comiczeichnung trifft. Ziel war es, die in der Schublade schlummernden Bilder zu veröffentlichen und die Lücken der Dokumentation mit Zeichnungen aufzufüllen, wenn Lefèvre aus Zartgefühl oder Sicherheitsgründen nicht fotografieren konnte. So konnten die beiden Jugendfreunde auch zeigen, was man sonst selten sieht: die Entstehung einer Reportage sowie die täglichen Unwägbarkeiten einer humanitären Mission.

Im ersten Teil der Serie, der den Titel „In den Bergen Afghanistans“ trägt und dieses Jahr für den deutschsprachigen Markt übersetzt wurde, lernt der Leser die Ärzte der Mission kennen. Da ist der Anästhesie-Assistent Régis, der der Routine in gut ausgestatteten europäischen Kliniken entflohen ist, der Arzt Ronald, der aufgrund seiner imposanten Körperstärke jeden Abend von den Mudschaheddinen der Karawane zum Armdrücken herausgefordert wird, und schließlich die Einsatzleiterin Juliette, die dank ihrer Sprach- und Kulturkenntnisse auch von den afghanischen Männern in ihrer Rolle als Chefin akzeptiert wird.Als Neuankömmling in der Gruppe wird Lefèvre in den Alltag einer Mission eingeweiht, die bei ihren chirurgischen Einsätzen nicht immer Erfolge aufweisen kann, deren Hilfe aber dennoch von den Afghanen dankbar angenommen wird. Gleichzeitig mit dem Fotografen entdeckt der Leser vor allem ein Land und seine Einwohner abseits der gewohnten von Krieg und Trostlosigkeit berichtenden Bilder, wie man sie aus Zeitungen kennt. Mit akribischer Genauigkeit dokumentiert der Band die neuen täglichen Errungenschaften des Fotografen, wie ortsübliche Kleidung, Landessprache, Handelsrituale oder wesentliche Höflichkeitsregeln. Viele Fotos halten alltägliche Szenen eines friedlichen Lebens fest: Kinder, die Kopfstand üben, Erwachsene, die sich beim Tee ungezwungen unterhalten.

Diese Bilder beeindrucken umso stärker, je bewusster die unterschwellig stets lauernde Gefahr wird, zwischen die Fronten des Krieges zu geraten. Die Möglichkeit eines Angriffs durch russische Helikopter verlässt nur selten die Gedanken der Mitreisenden. Auf dem gemeinsamen Ziel, aber auch auf einer wunderbar unergründlichen Menschlichkeit beruht die Eintracht zwischen Mudschaheddinen und Ärzten. Unterschwellig nimmt man jedoch wahr, wie der wohlgesinnte Umgang miteinander beim kleinsten Missverständnis umkippen kann. Als Sinnbild für die beschwerliche Reise der fragilen Interessengemeinschaft bietet der gemeinsam verfolgte Weg durch die steilen und steinigen Berge Afghanistans die perfekte Kulisse.Dies alles wird von der mutigen Verbindung von Fotografie und Comic-Kunst vortrefflich unterstützt. Die teilweise verblichenen Schwarz-Weiß-Bilder warten mit detailreichen Landschaften und dokumentarischer Nähe auf. Im Kontaktbogenformat stehen sie gleichberechtigt neben den bunten Comic-Kästchen, in denen mit dickem Strich gezeichnete Figuren vor einfarbigen Hintergründen agieren. Lesegewohnheiten werden in dieser Melange herausgefordert, ohne dass die Geschichte an Spannung einbüßt. „Der Fotograf“ ist kein Kunstwerk, das für sich allein steht, sondern ein weiterer Beitrag des Comic-Journalismus-Genres im Dienste der Horizonterweiterung.2004 bekam „In den Bergen Afghanistans“ den internationalen „Prix canal BD“. Beide folgenden Bände, „Bei Ärzte ohne Grenzen“ und „Zurück nach Pakistan“, die im Herbst 2008 und Frühling 2009 auf Deutsch erscheinen, wurden ebenfalls schon prämiert.

Der Fotograf. Band 1: In den Bergen Afghanistans. Von Emmanuel Guibert, Didier Lefèvre und Frédéric Lemercier. Edition Moderne, Zürich, 2008. Der Abdruck des Auszugs erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



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