Festung Afrika

Thomas Hummitzsch

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Die Vereinigten Staaten von Afrika sind das Paradies schlechthin. In keiner anderen Region gibt es derart blendende Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum, Prosperität und Wohlstand. Die afrikanischen Finanzmärkte schlagen den Takt und die Elite studiert an Universitäten in Addis Abeba, Asmara und Kinshasa. "Afrikanisierung" lautet das die internationale Politik bestimmende Schlagwort. Mit der weltweiten Verbreitung dieser Idee geht allerdings auch die wirtschaftliche Globalisierung einher. Afrikanische Global Player wie die Fluglinie "Panafrican Airline", der Fastfoodgigant "McDioule" und die konkurrierenden Getränkeriesen "PapeSy" und "AfroCola" nehmen ihren neoliberalen Siegeszug in die rückständigen Regionen dieser Welt auf. 

In den Entwicklungsländern von Kanada über Europa bis nach Neuseeland toben hingegen Banden-, Bürger- und Religionskriege, liegt die Wirtschaft am Boden und die Bevölkerung wächst ins Unermessliche. Die sozialen und hygienischen Zustände sind unvorstellbar, Epidemien brechen aus. Ganze Flüchtlingsströme euroamerikanischer Erdenbürger versuchen daher aus ihren Regionen in der Dritten Welt "in die von den Göttern gesegneten Länder Afrikas" zu gelangen. Doch dort regt sich Unmut, denn die Aufnahme der Elenden der ganzen Welt in die US-afrikanischen Staaten bringt den erreichten Lebensstandard in Gefahr. 

Eine verrückte Welt ist es, die der 1965 in Dschibuti geborene Schriftsteller Abdourahman A. Waberi in seiner Satire "Die Vereinigten Staaten von Afrika" entstehen lässt. Er stellt die Realitäten auf den Kopf. Länder der Ersten und Dritten Welt tauschen die Plätze im globalen Fortschrittsranking und die Elendsregionen Afrikas werden so zum Motor der Welt. Absurd könnte man meinen, aber Waberi vollführt seine geopolitische Verdrehung bis ins Detail, sodass eine völlig neue und absolut glaubhafte Version der globalen Realitäten entsteht. An die Stelle der kulturellen Errungenschaften der antiken euroasiatischen Kulturen treten die zivilisatorischen Leistungen und Fortschritte Afrikas. Der Roman ist daher auch eine Hommage an die Kultur- und Geistesgeschichte der afrikanischen Zivilisation. Neben den zahlreichen Namenskreationen für Straßen, Universitäten und Unternehmen, die fast allesamt auf afrikanische Ursprünge zurückgeführt werden können, zählt Waberi auch zahlreiche Schriftsteller, Philosophen, Musiker und Künstler afrikanischer Herkunft auf, sodass ein wahres Who’s who der afrikanischen und afroamerikanischen Kulturlandschaft entsteht. 

Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, Maya, der – in Frankreich geboren – das Glück widerfuhr, von einer afrikanischen Familie adoptiert zu werden. So wächst sie als "kokosmilchweißer" Exot im Wohlstand des panafrikanischen Staatenverbunds auf und hört vom Elend der Dritten Welt nur aus der Ferne. Als Künstlerin ist sie gegen die radikale Abschottungspolitik der afrikanischen Staaten. Sie fasst den Entschluss, in Europa nach ihrer leiblichen Mutter zu suchen und sich das Elend aus der Nähe anzuschauen. In den Erfahrungen dieser Reise stimmt Waberi nach der Hymne auf den Panafrikanismus das Trauerlied auf die euroamerikanische Dritte Welt an. 

Die sprachliche Vielfalt und der Einfallsreichtum, von der diese kongeniale Persiflage auf die gegenwärtigen Verhältnisse zeugt, belegen eindrucksvoll das Talent des erst 42-jährigen Literaturprofessors, den die französische Zeitschrift Lire zu den 50 einflussreichsten zeitgenössischen Autoren zählt. Intelligent und ohne den Spott eines Zynikers diskutiert er in seinem Roman die zum Himmel schreienden Zustände der Moderne, ohne dabei zu moralisieren. Waberis Satire ist komisch, aber keineswegs Klamauk. Mit seiner Karikatur möchte er denjenigen die Augen öffnen, die sie vor den gegenwärtigen Realitäten nur allzu gern verschließen. Er macht so einmal mehr das Glück – aber auch die Verantwortung – all jener bewusst, die zufällig in einer der wohlhabenderen und friedlicheren Regionen dieser Welt geboren wurden. 

Die aktuellen Fragen um globale Gerechtigkeit und individuelle Verantwortung werden aus der im Roman aufgezeigten Perspektive umso eindringlicher, gerade weil sie hier unter umgekehrten Vorzeichen behandelt werden. Es sind eben die Amerikaner, Europäer und Australier, die hier die Rolle des Bittstellers innehaben und verzweifelt an die Tore der Festung Afrika hämmern. "Jedes Paradies hat seine Schlange", so der lapidare Kommentar des Erzählers. Waberi mutet seinen Lesern eine Selbsterfahrung zu, die das subjektive Vorstellungsvermögen ausreizt und die eigene Empathie bewusst macht. Insofern leistet er selbst einen Beitrag zu dem kulturellen Austausch, den sein anonymer Erzähler am Ende des Romans einfordert: "Wenn die Erzählungen neu aufblühen, wenn Sprachen, Worte und Geschichten erneut in Fluss geraten, wenn die Menschen lernen, sich mit Figuren jenseits der Grenzen zu identifizieren, dann wäre das ganz sicher ein erster Schritt in Richtung Frieden."

In den Vereinigten Staaten von Afrika. Von Abdourahman A. Waberi. Edition Nautilus, Hamburg, 2007.



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