Wie kommt die Güte in die Welt?

von Claudia Schmölders

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Wie die Güte in die Welt kommt, jedenfalls in die Menschenwelt, wissen alle Weltreligionen und ihre Gläubigen. Buddha, Jesus, Mohammed, vielleicht auch noch Konfuzius, haben den „Sinn für den Anderen“ geweckt, für die selbstlose Hilfe an Menschen, die nicht zur engeren Familie oder zum Stamm oder zur Horde gehören. Dass die Vertreter dieser Religionen sich dennoch immer wieder in Stammesfehden verwickeln, ja dass es überhaupt Religionskriege gibt, ist ein dauernder Geburtsfehler beim Versuch, einer viel besseren Idee zur Geltung zu verhelfen. Vor allem das Christentum hat doch unseren Sinn für Fremde ideengeschichtlich gekrönt schließlich, europaweit spätestens seit Franz von Assisi, wurde daraus noch der Sinn für das ganz Andere des Menschen, für das Tier.

Dass diese Sorge um ganz andere und nicht verwandte Geschöpfe eine unerhörte Herausforderung der darwinistischen Lehre war, ist schon immer bemerkt worden, vor allem von Darwin selbst. Trotzdem haben Biologen wie Teilhard de Chardin oder John Eccles den Gott der Natur eher selten im Konzept der Güte gefunden. Auch gläubige Naturwissenschaftler in den USA von heute sprechen lieber von „intelligent design“, wenn nicht von Schönheit und Eleganz göttlichen Denkens, die übrigens in der Mathematik schon immer befürwortet wurde. Sind oder werden Mathematiker fromm? Jedenfalls blicken auch aggressive Kreationisten eher auf Schöpfungsakte des Alten Testaments als auf die Humanleistungen des Neuen. So kommt ein Buch wie das vorliegende zur rechten Zeit, um eben diese Leistungen biologisch zu erörtern. Lee Alan Dugatkin, der Autor, ist selbst ein Forscher von Graden.

Schon ein halbes Dutzend Bücher hat er dem Tierverhalten, der sogenannten Ethologie gewidmet eines sogar der allerneuesten Richtung der Spieltheorie, mit der die Biologen seit geraumer Zeit eine Brücke zwischen ökonomischem und biologischem Verhalten schlagen wollen. Praktisch alle Tierarten von den Insekten über die Vögel bis hin zu den Säugetieren hat Dugatkin auch mit Blick auf kooperative Leistungen erforscht denn dies war, wie er eingangs betont, ein offener Posten, um nicht zu sagen ein quälender Komplex in Darwins Denken. Wie sollte man die Tatsache beurteilen, dass es etwa bei den Bienen mehrheitlich unfruchtbare Geschöpfe gibt, die berühmten Arbeitsbienen? Sie füttern eine einzige Königin, ziehen deren Nachkommen auf, auch die Drohnen. Sie entscheiden mittels Ernährung, wer eine Arbeitsbiene und wer eine Königin wird, und bei Angriffen verteidigen sie den Stock nach außen. Mit alldem entfalten sie das Überlebensprogramm des gesamten Stocks, ohne sich selbst fortzupflanzen. Wie soll sich dann aber das Altruismus-Gen ausbreiten?

Man muss gar nicht auf die wunderbare Einrichtung der Naturwissenschaften verweisen, wonach jede These durch die Empirie widerlegt werden kann, gibt es nur den entsprechenden Forscher. Als Dugatkin sein Buch schrieb, wusste man noch nichts von jenem australischen Bienentyp, bei dem sich tatsächlich auch die Arbeiterinnen fortpflanzen. Doch wirklich falsifizieren kann das Dugatkins Arbeit nicht. Denn er verfolgt ja ausdrücklich Darwins Frage nach dem Sinn der nicht reproduktiven Geschöpfe und ihren Opfertaten, und daraus geworden ist ein ungemein spannend angelegtes und geschriebenes Stück Wissenschaftsgeschichte der letzten 150 Jahre. Und übrigens auch ein pünktlicher Beitrag zu den Geburtstagsfeiern für den Biologen Darwin im nächsten Jahr. Theorie und Biografie kommen bei Dugatkin gleichmäßig zu ihrem Recht. Große Forscher wie Thomas Henry Huxley oder der Fürst Kropotkin, zwei Antagonisten der ersten nachdarwinschen Generation, werden ebenso liebevoll und ausführlich porträtiert wie die späteren Genies Warder Clyde Allee, J. B. S. Haldane, George Price oder der etwas schillernde John Maynard Smith bis hin zu Bill Hamilton, das heimliche Objekt der Bewunderung des Autors. Das Ergebnis ist nicht nur gerecht, sondern anschaulich und vielschichtig zugleich.

So spielt, obwohl es ausschließlich um Ethologie geht, unterschwellig sogar die Frage mit, ob die soziale Herkunft der Forscher ihre Ergebnisse modelliert. Prinz Kropotkin, bekanntlich aus höchsten Kreisen stammend, war einer der erbittertsten Gegner des Darwinismus und sogar früher Anarchist. Sein Fall könnte das Sozialtheorem bestätigen, wonach die Idee der gegenseitigen Hilfe Oberschichten näher steht als den sozial Benachteiligten. Dugatkin erläutert das freilich nicht soziologisch, sondern geografisch. Der Kampf ums Überleben finde in eng besiedelten Territorien eben intensiver statt als in riesigen Gebieten wie jene russischen, die Kropotkin bereiste. So schrieb dieser in seinem bekannten Buch „Gegenseitige Hilfe. Ein Faktor der Evolution“ (1902), dass er nahezu überall Beispiele von animalischem Altruismus gefunden habe, aber nahezu keinen darwinschen Kampf ums Dasein. Ganz anders sein Kontrahent Huxley, „Darwins Bulldogge“, der den sozialen Aufstieg der Familie Huxley bewerkstelligt hat und Vater oder Großvater gleich einer ganzen Reihe von Naturforschern wurde, darunter der Science-Fiction-Autor und Naturwissenschaftler Aldous Huxley.

Während dieser mit scharfer Kritik an der „Schönen neuen Welt“ der Naturwissenschaft weltberühmt wurde, war seinem Großvater Darwins Formel vom „survival of the fittest“ ein geniales Axiom. Andere Evolutionsbiologen mit anderen sozialen Hintergründen wiederum suchten mit Inbrunst nach einer mathematischen Formel, ähnlich wie Malthus sie für das Verhältnis von Population und Nahrungsmitteln angestrebt hatte. Auch Lee Dugatkin will nicht wirklich die Vorstufe christlichen Denkens im biologischen Umfeld porträtieren. Es geht ihm eindeutig um ein Denkmal für die mathematische Formulierung des biologischen Altruismus-Gesetzes. Dieses Gesetz besagt, dass ein Geschöpf dann nicht ausgelöscht wird, wenn es den Genen seiner Familie bei der Verbreitung hilft. Da es selbst zu dieser Familie gehört, besitzt diese folgerichtig auch Altruismus-Gene, die – wiederum folgerichtig – durch selbstlose Hilfe reproduziert werden, wie es das darwinsche Gesetz verlangt. Die Zauberformel zu dieser Relation zwischen dem selbstlosen und dem „selfish gene“ (Richard Dawkins) in einer gegebenen Population hat der öffentlich zu Unrecht vergessene, aber von Eingeweihten als „Newton der Evolutionsbiologie“ gehandelte William D. Hamilton erfunden. „Hamiltons Regel“ lautet ähnlich einfach und elegant wie Einsteins Formel für die Physik: „r x b > c“. Das heißt in Laiensprache übersetzt etwa: „Wenn sich ein Altruismus-Gen vermehren soll, müssen die Kosten für das altruistische Verhalten (c) durch einen entsprechenden Nutzen (b) für den Altruisten wieder ausgeglichen werden. In Hamiltons Modell werden die Kosten durch einen Nutzen (b) kompensiert, den die Blutsverwandten des Altruisten haben, weil Verwandte unter Umständen ebenfalls das Altruismus-Gen besitzen.“ Allerdings nicht immer, es bleibt ein Risiko (r).

Die Formel erlaubt, sagt die Wissenschaft, Vorhersagen, ob ein selbstloses Verhalten erfolgen wird oder nicht. Opfert sich eine Mutter für ihr Kind, ist die Relation auf den ersten Blick 1:1 ein Geschöpf stirbt, das andere tritt neu ins Leben. Da aber das Kind zugleich die Zukunft der Familie garantiert, steht viel mehr auf dem Spiel, nämlich die sogenannte „Gesamtfitness“ der Gruppe. Erst so wird der sinnvolle Beitrag von Großmüttern und Tanten bei der Aufzucht der Nachkommen und dem Schutz der Gruppe völlig plausibel, und zwar auch beim Menschen. Auch hier opfern sich die sogenannten „postreproduktiven“ Geschöpfe wie Großeltern und alte Tanten im Dienst an der Familie, die dadurch umso bessere Chancen erhält. Freilich kann diese Hilfe beim Menschen auch ausbleiben.Doch Dugatkin diskutiert ausschließlich Tiere. Arbeitsbienen und Ameisen und all jene Arten, bei denen einzelne Individuen ihre Gruppe ganz selbstlos mit einem Warnschrei vor Feinden warnen, deren Beute sie dann leicht selbst werden. Oder die Greifvögel, die kooperierend brüten oder etwa der Nacktmull, das einzige Säugetier, das in sogenannten eusozialen, das heißt staatenbildenden, Kooperationen lebt. Nirgendwo geht es dabei um Hilfe für fremde Populationen. Hamiltons Regel, resümiert Dugatkin, besagt, „klar und deutlich, dass Individuen engen Verwandten eher helfen als solchen, mit denen sie nur entfernt verwandt sind.“

Erst von hier aus kann man wirklich ermessen, wie revolutionär eine Erfindung wie die menschliche Güte (Agape), deren frühe Formulierungen es schon im Judentum gibt, für die Menschheit war. Ob sie auch einen genetischen Hintergrund hat? Am Anfang seines Buches erörtert Dugatkin den Nutzen, den die sexuelle Fortpflanzung für die Genverbreitung hatte. Es sind die größere Mischung der Gene, die größere Chance für Mutationen und dadurch die größere „Gesamtfitness“, die das Überleben der Gruppe garantiert. Der Fall, dass durch eine Genschädigung gleich die ganze Gruppe zugrunde geht, ist damit auf ein Mindestmaß eingeschränkt. Kulturell aufgenommen wurde dieser biologische Antrieb natürlich vom Inzestverbot, beziehungsweise vom Gebot der exogamen Eheschließung. Auch hier geht es um die Erweiterung des Genpools und das Aufbrechen der engen Familiengrenzen. Die menschliche Sorge um Fremde und Nichtverwandte, schließlich sogar die Sorge um die Entrechteten und Außenseiter und, in der letzten Drehung, auch für die Tiere und überhaupt den Erhalt der biologischen Vielfalt, könnte man geradezu für einen Reflex des Exogamiegebots halten, ginge es bei alldem überhaupt noch um biologische Prozeduren und nicht um kulturelle Systeme.

Hier, im Bereich der Kultur, wird dann mehr und mehr ein ganz anderes Altruismus-Register aktiviert: der auch bei Tieren verbreitete Sinn für Reziprozität. Beim Menschen übersteigt das Prinzip der Gegenseitigkeit die enge Familiengrenze fast maßlos man denke nur an die Erfindung des Geldes und an die viel ältere der Sprache. Kinder lernen jede Sprache, in der sie aufwachsen, lehrt uns die Hirnforschung, weil Sprache im Hirn angelegt ist. Zwar sind auch Sprachen nach Gruppen modelliert, aber die Möglichkeit der Mehrsprachigkeit ist überall gegeben und wird überall praktiziert. Nicht zuletzt die langjährigen Forschungen der Kulturwissenschaft zur Geschichte der Geschenke beweisen es einmal mehr: Auch und gerade Geschenke fordern ein Äquivalent, eine Erwiderung, wie in der Sprache, und rechnen nicht mit Verwandtschaft. Dass Dugatkin die Leser ganz dicht an derartige Erkenntnisse heranführt, ist eine der schönsten Leistungen seines Buches.

Wie kommt die Güte in die Welt? Wissenschaftler erforschen unseren Sinn für den Anderen. Von Lee Alan Dugatkin. Berlin University Press, Berlin, 2008.



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