Yes, we can

von Marita Stocker

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Eigentlich ist alles ganz einfach. „Wenn man 30 intelligente, kommunikative, sehr verschiedene Menschen in einen Raum sperrt, kann man fast sicher sein, dass etwas Positives passiert“, sagt Herbert Grieshop, Leiter des Programms „Competitive Europe“ des British Council. Was lakonisch klingt, ist ernst gemeint. Der British Council, Großbritanniens internationale Organisation für Bildung und Kultur, hat zur Rettung der europäisch-amerikanischen Beziehungen die Initiative „Transatlantic Network 2020“ (TN 2020)ins Leben gerufen und sich große Ziele gesetzt. Die künftigen Führungskräfte der beidenKontinente will man vernetzen und mit ihrer Hilfe transatlantische Herausforderungen von heute und morgen lösen.

Spätestens seit Beginn des Irakkrieges ist in Europa eine deutlich antiamerikanische Stimmung zu spüren.Auch der Klimaschutz und der Präsidentenwechsel im Weißen Haus 2009 werden Hauptthemen in den transatlantischen Beziehungen sein.Das Konzept für dieses Projekt: Es gibt keines. Die Idee des British Council ist es, junge Eliten zusammenzuführen und auf deren Initiative zu vertrauen. Es bleibt den Teilnehmern überlassen, Projekte und Ideen zu entwickeln und umzusetzen.Im Vorfeld des ersten Treffens hatte der British Council eine Studie in Auftrag gegeben, die bestätigt, was ohnehin zu erwarten war. Während die Kooperation auf politischer Ebene funktioniert, scheint es auf gesellschaftlicher Ebene tiefe Gräben zwischen Europa und Nordamerika zu geben.

Die internationalen Meinungsforschungsinstitute GlobeScan und IFF Research befragten im Januar 2008 insgesamt etwa 6.000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Nordirland, Irland, der Türkei, Polen, Spanien, den USA und Kanada. Die Ergebnisse zeigen große Unterschiede in der gegenseitigen Wahrnehmung. Während 46 Prozent der befragten Europäer den USA einen negativen Einfluss in der Welt zuschreiben, bewerten im Gegenzug nur 20 Prozent der US-Amerikaner den Einfluss der EU als negativ. Manch eine Institution würde aufgrund dieser Ergebnisse eine Fachtagung zur Thematik veranstalten und den wissenschaftlichen Dialog pflegen. Nicht so der British Council, der fürunkonventionelle Projekte im Kultursektor bekannt ist.

Im März 2008 trafen sich die ersten 30 Teilnehmer zu einem Workshop in Berlin, dessen Programm sie weitestgehend selbst gestalten mussten. „Wir waren anfangs ganz schön verwirrt, aber dann hat uns diese Herangehensweise überzeugt“, sagt Ioanna Fratzeskaki, denn so sei „das Netzwerk ein sich ständig weiterentwickelnder lebender Organismus“. Die 31-jährige Griechin hat in London studiert und arbeitet derzeit bei einer PR-Agentur in Brüssel. Auch die anderen Teilnehmer sind im Schnitt zwischen 25 und 35 Jahren alt und haben für ihr Alter eine beeindruckende Vita. Dennoch ist die Gruppe heterogen, man findet den 22-jährigen US-amerikanischen Internetmillionär genauso wie die muslimische schottische Sozialarbeiterin.

Programmleiter Grieshop ist zufrieden: „Die Teilnehmer unterscheiden sich in ethnischer Herkunft, Religionszugehörigkeit, wirtschaftlichem, politischem oder finanziellem Hintergrund.“ So seien in diesem Netzwerk auch nicht traditionelle Eliten, ethnische Minderheiten und Frauen repräsentiert. Trotz all der Vielfalt: TN2020 richtet sich ausdrücklich an herausragende Nachwuchskräfte. Grund hierfür, heißt es beim British Council, sei die Eignung der Teilnehmer als Multiplikatoren. Die ersten 30 Teilnehmer habe man gezielt ausgewählt. Für das nächste große Treffen im September 2008 in Belfast und Dublin können sich weitere 70 Interessenten bewerben, bis 2020 soll die Teilnehmerzahl auf etwa 1.500 steigen.

Kritiker könnten die fehlende Konzeption von TN2020 bemängeln. Andererseits wird hierdurch flexibles Agieren auf neue Fragestellungen möglich. Positiv ist auch, dass das Projekt langfristig angelegt ist bis 2020 hat sich der British Council verpflichtet, das Netzwerk organisatorisch zu unterstützen. Amar Bakshi, 23-jähriger US-amerikanischer Journalist und TN2020-Teilnehmer, der 2007 für die Washington Post und das Newsweek Magazin weltweit Umfragen zum Bild der USA durchführte, glaubt: „Das Netzwerk wird funktionieren, wenn Meinungs- und Erfahrungsaustausch über den Ozean hinweg stattfindet, der Fokus aber auf der lokalen Problemlösung liegt.“ Man darf gespannt sein.



Ähnliche Artikel

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Thema: Aufklärung)

Das Kartell

von Dominique Vidal

Die westlichen Länder beherrschen die wichtigsten internationalen Organisationen. Echte Demokratie sieht anders aus

mehr


Helden (Die letzte Seite)

Zwischen Aprikosen- und Mandelbäumen

von SAID

1907 schloss Howard Baskerville sein Studium der Religion an der Princeton University ab. Im Herbst desselben Jahres kam er als Lehrer an die »American Memorial School« in Tabris im Iran.

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Pressespiegel)

Späte Erkenntnis

Historiker veröffentlichten eine Studie zur NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Bücher)

Anti-Amerikanismus

von Gudrun Czekalla

Warum ist das Ansehen der Vereinigten Staaten von Amerika in der Welt so dramatisch gesunken? Was lässt den Antiamerikanismus in vielen Ländern anwachsen? Warum...

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

„Schneller als die großen Medien“

ein Interview mit Katie Dowd

Twitter und Co sind längst in die Politik der Vereinigten Staaten eingezogen. Ein Gespräch mit Katie Dowd aus dem Außenministerium

mehr


Das neue Italien (In Europa)

Ein Anwalt stirbt in Dachau

von Elissa Frankle

Was wussten die Amerikaner zwischen 1933 und 1945 über die Judenverfolgung? Das Holocaust-Gedenkmuseum in Washington schickt Privatleute auf die Spurensuche in Lokalzeitungen

mehr