Die Freude am Palais

Andrea Teufel

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


In Hué wie in ganz Vietnam findet gerade ein wahrer Restaurierungsaufschwung statt. Wie kommt das?
Andrea Teufel: Der Tourismus ist hier ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Nach Hué kommen die Besucher, um das UNESCO-Weltkulturerbe, zu dem auch das An-Dinh-Palais gehört, zu erleben. Für Vietnam bedeutet das auch Anerkennung, und daran ist es sehr interessiert. Ein wichtiger sozialer Aspekt besteht darin, das historische Erbe zu schätzen und sich damit identifizieren zu können. Vietnam ist in rasantem Tempo auf dem Weg in die Moderne, dennoch ist es sehr traditionell. In diesem Spannungsfeld ist es wichtig, die eigenen Wurzeln zu kennen und zu bewahren.
Herr Tan, was halten Sie davon, dass sich Europäer für die Restaurierung des An-Dinh-Palais einsetzen?
Le Phuoc Tan: Ich schätze das Engagement der Deutschen sehr. Dank ihrer Liebe zu der Arbeit haben sie dem Monument seine ursprüngliche Schönheit zurückgegeben.
Khai Dinh, der Erbauer des Palais, ist umstritten, da er das vietnamesische Volk ausgebeutet, selbst aber in Luxus gelebt haben soll. Sind er und seine Bauten, die die Kolonialzeit in Erinnerung rufen, denn nicht unbeliebt?
Teufel: Entscheidend für den Umgang mit den baulichen Relikten der kaiserlichen Vergangenheit ist, dass Ho Chi Minh 1945 erklärt hat, dass diese aus dem Schweiß der Untertanen entstanden sind, demnach auch ihnen als ihr kulturelles Erbe gehören. Diese Interpretation wurde von seinen Nachfolgern übernommen und hat wohl im Wesentlichen verhindert, dass die Bauten später dem Volkszorn zum Opfer fielen.
Tan: Die Nguyen Dynastie hatte ihre schlechten und guten Seiten. Damit beschäftigen sich Historiker. Ich interessiere mich mehr für die hinterlassenen Bauten, ihren architektonischen Wert und die Freude, die sie uns und den Besuchern aus aller Welt bereiten werden, wenn die Restaurierungsarbeiten fertig sind.
Was hat Sie dazu motiviert, beim Projekt des German Conservation Restauration and Education Projects mitzumachen?
Tan: Das Fachwissen ist in Vietnam noch begrenzt. Mithilfe der deutschen Experten kann ich meine Kenntnisse vertiefen und erweitern. Wichtig sind mir die Techniken zur Restaurierung von Frisch- und Trockenmalerei, denn die Mehrheit der bunten Ausmalungen an den Wänden der Monumente in Hué sind wegen des tropischen Klimas verschimmelt.
Das Projektteam umfasst 19 Personen aus Vietnam und Deutschland, zwei aus Frankreich und England. Wie kommunizieren Sie denn alle miteinander?
Teufel: Die meisten unserer Trainees sprechen nur vietnamesisch und die beiden Dolmetscher sind nicht immer vor Ort. So haben wir für die praktische tägliche Arbeit eine eigene Mix-Sprache aus Vietnamesisch und Englisch kreiert. Das holpert ziemlich und ist auch nichts für komplizierte Diskussionen, klappt aber ansonsten gut. Unser Vietnamesisch erntet immer viele Lacher!
Wo oder wie zeigen sich denn ansonsten die kulturellen Unterschiede?
Tan: Nach einem Arbeitstag bin ich mal mit Kollegen ein Bier trinken gegangen. Zufällig sah ich Bobo – so nennen wir hier Frau Teufel – vorbeilaufen. Wir luden sie ein, ein paar lokale kulinarische Spezialitäten mit uns zu essen. Obwohl sie die Garnelenpaste nicht so appetitlich fand, probierte sie sie trotzdem, was mich sehr glücklich machte. Am nächsten Tag war sie leider krank.
Teufel: Bobo ist mein Spitzname, weil Andrea für Vietnamesen ein Zungenbrecher ist. In Vietnam haben alle Namen eine Bedeutung. „Bô Bô“ bezeichnet ein Getreide, das an Pferde verfüttert wurde, aber nach einem Krieg den hungernden Menschen zum Überleben diente. Unsere Trainees heißen übersetzt Gras, Blume, Intelligenz, Liebe, Traum.

Wird mit dem Ende des Projektes Herbst 2008 die Renovierung des Palastes abgeschlossen sein?
Teufel: Im Inneren sind noch einige Renovierungen notwendig. Unser Ziel ist es, die Trainees so weit zu befähigen, dass sie die Restaurierungen auch selbstständig fortführen können, wenn das von vietnamesischer Seite gewünscht wird.

Die Interviews führte Elise Graton

Weitere Informationen zum Projekt:
www.gcrep.org



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