Durchs Studium gegoogelt

von Marita Stocker

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Mit einem Plagiat ist es wie mit Männern und Glatzen. Man sieht sofort, ob einer eine Glatze hat oder nicht, dazwischen gibt es viele Abstufungen“, sagt die Professorin Debora Weber-Wulff. Und dass man über die Abstufungen, die Grauzonen, diskutieren müsse. Strenggenommen sei bereits ein einziger übernommener und nicht zitierter Satz ein Plagiat. Genaue Regelungen gibt es jedoch nicht. Weber-Wulff ist Professorin für Medien und Informatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Berlin und in Deutschland als „Plagiatjägerin“ bekannt. 2001 stolperte sie über Formulierungen ihrer Studenten und enttarnte mit Hilfe von Google 12 von 34 eingereichten Aufsätzen als komplett abgeschrieben. In einem Fall war lediglich der Name des Autors ausgetauscht worden. Laut Weber-Wulff gibt es keine Zahl, die den Anstieg von Plagiaten in den letzten Jahren belegt. Dennoch: Internetsuchmaschinen und Onlineangebote wie www.hausarbeiten.de machen die Suche nach wissenschaftlichen Arbeiten zum Kinderspiel.

Schon ist in der öffentlichen Diskussion von der „Copy-and-Paste-Generation“ die Rede.Aber nicht nur das Abschreiben ist einfacher geworden, sondern auch das Entlarven der Betrüger. Seit 2001 hat sich Debora Weber-Wulff der Suche nach Plagiaten verschrieben. Sie berät Lehrkräfte, betreut die Online-Lerneinheit „Fremde Federn Finden“ der FHTW, testet Detektionsprogramme wie www.Plagiarism-Finder.de und war Gastrednerin auf der 3. Internationalen Plagiat Konferenz, die vom 23. bis 25. Juni 2008 im englischen Newcastle upon Tyne stattfand. In Großbritannien hat man nicht nur das Problem plagiierter Studienarbeiten, sondern auch das „frisierter“ Lebensläufe erkannt. Mit der ‚Unique Learner Number‘ (ULN) soll Schönfärbern auf dem Arbeitsmarkt jetzt das Handwerk gelegt werden. Jeder Schüler ab 14 Jahren bekommt eine zehnstellige Zahl zugewiesen, die ihn bis an sein Lebensende begleiten soll. Die bisherigen Schülernummern („Unique Pupil Number“) waren jeweils nach Verlassen der Schule gelöscht worden. Zur neuen Nummer gehört ein fälschungssicherer Lebenslauf, der im Internet mit Einschränkungen für potentielle Arbeitgeber einsehbar sein soll. Abschlüsse und Zeugnisnoten, aber auch Schulverweise sind lebenslang gespeichert. Big Brother lässt grüßen. Noch befindet sich die Erfassung in den Anfängen.

Im Mai 2008 wurden ULNs an mehr als 1,5 Millionen englische Schüler vergeben. Eingespeist werden die Informationen in die Datenbank von MIAP (Managing Information across Partners), einem 2002 vom britischen Bildungsministerium ins Leben gerufenen Internetprojekt. Erst 2010 soll der MIAP-Dienst zur Unique Learner Number voll funktionsfähig sein, so die Ankündigung auf der Homepage. Das Projekt wirft viele Fragen auf. Wie lässt sich Datenmissbrauch verhindern? Und was geschieht, wenn die Daten verloren gehen? Besonders brisant: Die britische Regierung unter Gordon Brown war in den vergangenen Monaten wiederholt wegen nachlässigen Umgangs mit sensiblen Daten in die Kritik geraten. Auch Debora Weber-Wulff steht der Entwicklung skeptisch gegenüber. Sie hält die Unique Learner Number unter dem Aspekt der Privatsphäre für sehr gefährlich. Man habe ein Recht darauf, Aspekte des Lebenslaufs wegzulassen, sagt sie. Wichtiger sei, dass „Schüler und Studenten die Freude am Lernen nicht verlieren“. Und ergänzt: „Es muss viel mehr Geld in die Bildung investiert werden. Sonst haben wir bald Leute mit Hochschuldiplom, aber ohne Wissen.“ Und wer fremden Werken in Hausarbeitsbörsen mehr traut als seinem eigenen Verstand, ist vielleicht auch nicht mehr weit vom gefälschten Lebenslauf entfernt.



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