„Künstliche Gefährten“

Alexander Wißnet

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Denkt man in Japan anders über Roboter als in Europa? 
 In Japan sieht man den Roboter als Partner, als Unterstützung und Arbeitserleichterung, während er in Europa eher als Bedrohung wahrgenommen wird, auch als Bedrohung für den eigenen Arbeitsplatz. 
 
Sie haben ein Jahr in Japan studiert. Wo sind Ihnen dort die ersten Roboter begegnet?
 Man wird im Alltagsleben noch nicht von Robotern bedient, so weit ist es noch nicht. Aber man sieht sie täglich in der Fernsehwerbung. Es wirkt innovativ, wenn Produkte nicht von einem Menschen vorgeführt werden, sondern von Robotern. 2007 wurde zum Beispiel ein neues Bahnticket eingeführt. Im Werbespot lief ein Roboter durch den Bahnhof und hat erklärt, wie das neue Ticket funktioniert. 
 
Ist Japan das Geburtsland der Roboter?
 Wer Roboter erfunden hat, kann man heute nicht mehr sagen. Die Idee eines künstlichen Gefährten ist schon mehrere Tausend Jahre alt und taucht sowohl in der europäischen als auch in der asiatischen Mythologie auf.
 
Wie hat sich die Roboterentwicklung in Japan vollzogen? 
 Es gab zweierlei Einflüsse. Zum einen gab es bereits eine Tradition von mechanischen Handpuppen und Marionetten, die vor allem im religiösen Bereich eingesetzt wurden. Der zweite Einfluss kam, als die Europäer im 16. Jahrhundert die europäische Uhrwerktechnik nach Japan brachten. Diese wurde in Puppen eingebaut, die der Belustigung dienten. Sie konnten zum Beispiel Treppen hinauf- oder hinuntergehen. Es gab auch einen Automaten, der einen praktischen Nutzen hatte: Er servierte selbstständig Tee. Die Puppe rollte auf Rädern zu einem Gast hin und transportierte dabei eine Teeschale. 
 
Wie kamen die Vorläufer der Roboter in der Bevölkerung an?
 Es gab Vergnügungsparks in Osaka, später auch im heutigen Tokio, wo man diese Puppen gegen ein geringes Entgelt bestaunen konnte. So wurden sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Damals hieß es, man habe Osaka nicht gesehen, wenn man die mechanischen Puppen nicht gesehen habe.
 
Lässt sich die hohe Akzeptanz von Robotern auf die japanische Religion, den Shintu, zurückführen? 
 Das wird oft behauptet. Im Shintu haben viele Sachen ein Eigenleben, eine eigene Seele. Man findet in der japanischen Roboterliteratur aber keinerlei Belege dafür, dass Shintu einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Robotern genommen hat. Nur westliche Autoren, die aus der Ferne versucht haben, das Phänomen Roboter zu erklären, sehen das so. In Japan selbst konnte ich dafür keine Bestätigung finden. 
 
Welche wirtschaftliche Bedeutung haben die Roboter heute in Japan?
 65 Prozent der weltweiten Roboterproduktion kommt aus Japan. Roboter spielen in der Industrie eine nicht wegzudenkende Rolle und erobern auch im Unterhaltungsbereich Märkte. Robotermangas, japanische Comics mit Roboterhelden, machen einen großen Teil des Geschäfts aus.
 
Welche gesellschaftlichen Einflüsse und Tendenzen haben in Japan die Entwicklung von Robotern vorangetrieben?
 Es gibt in Japan wie in allen Industriegesellschaften einen Fachkräftemangel, der sich in Zukunft durch die Überalterung der Gesellschaft noch verschärfen wird. In der Industrie und der Altenpflege setzt man auf Roboter, um diesem Mangel zu begegnen. Es existieren auch Überlegungen, Roboter in der Kinderbetreuung einzusetzen, um Frauen wieder stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Es fehlt aber noch an Robotern, die das tatsächlich leisten könnten. Das ist Zukunftsmusik, die man auch in Japan kritisch sieht.
 
Gibt es in Japan Angst vor einer Zukunft, in der Roboter Menschen beherrschen?
 Man sieht die Bedrohung eher vom Menschen ausgehen, der die Technik missbraucht, als dass die Technik selbst zur Bedrohung wird. Wir sind noch weit davon entfernt, dass die Roboter wirklich schlauer sind als Menschen. Entweder bricht dann das Paradies aus oder die Welt geht unter.
 

Das Interview führte Karola Klatt Roboter in Japan. Ursachen und Hintergründe eines Phänomens. Von Alexander Wißnet. Judicium Verlag, München, 2007.



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