„Sport hat gesellschaftliche Verantwortung“

von Michael Groll

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Sport erfüllt gesellschaftliche Funktionen. Diese kann und soll er vom Breiten- und Freizeitsport bis hin zum Spitzensport auch erfüllen. Die gesellschaftliche Verantwortung des Sports kann aber erst dann erwachsen, wenn ihm die Möglichkeit gegeben wird, auf gesellschaftlicher Ebene zu wirken. Dies hat Sportpolitik zu leisten. Leider wird kaum ein anderer Begriff aus der Welt des Sports so oft missverstanden wie der der Sportpolitik. Was die Verwirrung auslöst, ist der Fakt, dass der Sport in seinen verschiedenen Ausprägungen nicht nur in die einzelnen Politikbereiche staatlichen Regierens, wie etwa die Gesundheitspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Wirtschaftspolitik oder Bildungspolitik hineinragt. Mit seinem hierarchischen System in der Sportselbstverwaltung vom Verein über die nationalen Kreis-, Landes- und nationalen Dachverbände hin zum Internationalen Olympischen Komitee, seiner Weltregierung, ist der Sport selbst ein politisches System mit eigenen Sportpolitikfeldern, eigenen sportpolitischen Entscheidungsprozessen und eigenem Normengefüge. Der Gebrauch differenzierender Begriffe, wie etwa Sportverbandspolitik oder Europäische Sportpolitik, wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung, um das weite Feld der Sportpolitik zu systematisieren. Inhaltlich gesehen gibt es aber durchaus einen gemeinsamen Nenner.

Sportpolitik kann erstens gestalten, egal durch welchen Akteur. Hierbei liegen die beabsichtigten Wirkungen von Entscheidungen, oder Maßnahmen innerhalb des Sports selbst, wodurch seine Entwicklung betroffen ist. Hierzu zählen etwa die Förderung von Bewerbungen um die Ausrichtung von Weltmeisterschaften durch die Politik oder die Regulierung des Sports auf europäischer Ebene, beispielsweise in der Frage der Ausländerbeschränkungen in Profiligen. Sportpolitik kann zweitens aber auch instrumentalisieren, das heißt die beabsichtigten Wirkungen von Interaktionen liegen außerhalb des Sports bei den Akteuren, die den Sport als Mittel zum Zweck nutzen, wie etwa der Sponsor, der einen Verein unterstützt, um die eigene Bekanntheit zu steigern. Nur durch die Instrumentalisierung kann der Sport auch soziale Ziele verfolgen und realisieren.

Das Instrumentalisierungspotential des Sports, sowohl in seiner aktiven Form des Sporttreibens als auch in seiner passiven Form des Sportkonsums, ist auf zahlreichen Gebieten evident. Zunächst hat Sporttreiben positive Auswirkungen auf die Gesundheit, präventiv, therapeutisch und in der Rehabilitation. Der Sport steht im Zentrum vieler Gesundheitskampagnen und wird gesundheitspolitisch instrumentalisiert. Im sozialen Bereich erfüllt der Sport vielfältige Aufgaben. Das Erlernen sozialer Spielregeln wird durch Sport maßgeblich gefördert: Fairplay, der Umgang mit Niederlagen, das Miteinander im Team ungeachtet von Bildungsniveau, Schichtzugehörigkeit und Herkunft oder der Respekt vor dem Gegner sind die realen Begebenheiten, mit denen sich heranwachsende Sportler auseinanderzusetzen haben. Während es im Alltag kaum Möglichkeiten des Zusammentreffens so unterschiedlicher Personen gibt, finden im Sport Sozialisation und interkulturelle Integration real statt. Auch die Wirtschaft profitiert vom Sport. Im Zusammenhang mit Fans, Medien und Sponsoren ist ein Wirtschaftszweig entstanden, der rund 900.000 Arbeitsplätze bietet, Motor für Infrastrukturmaßnahmen ist und der darüber hinaus wichtige Impulse für den Tourismus gibt.

Spätestens seit dem 2005 von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Jahr des Sports und der Leibeserziehung wird der Beitrag des Sports auch für die globalen Entwicklungsziele intensiv diskutiert. Viele Entwicklungsländer wie zum Beispiel Liberia haben darauf reagiert und können auf eine Nationale Sportpolitik verweisen, in der auf die Bedeutung von Entwicklungshilfeprojekten mit dem Fokus auf Sport für die allgemeine Entwicklung des Landes verwiesen wird. Entwicklungshilfe durch Sport wird neben den beteiligten Ländern auch von internationalen Sportverbänden und durch zahlreiche Nichtregierungsorganisationen wie "Right to play" und "Streetfootballworld" oder Stiftungen wie "Sport for Good" unterstützt.

Durch diese Instrumentalisierungen des Sports werden gesundheitspolitische, wirtschaftspolitische, sozial- und entwicklungspolitische Impulse gegeben, die man als Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung des Sports charakterisieren kann. Die Ziele der Sportpolitik sollten hauptsächlich hierauf gerichtet sein. Gleichwohl gilt es auch, sich zu vergegenwärtigen, dass der Sport auch für weniger sozial dienliche Zwecke instrumentalisiert werden kann, man denke nur an die Olympiaboykotte 1980 und 1984 oder an die Diskussionen um die Olympischen Spiele 2008 in Peking, bei denen es mehr um diplomatische Signale zwischen den Staaten geht. Für den Sport gilt es, die Mehrdimensionalität des Politischen im Sport anzuerkennen. Die Instrumentalisierung des Sports ist Teil der Sportpolitik und muss im sozial dienlichen Bereich zugelassen und gefördert werden. Die Vermischung von Sport und Politik ist in diesem Bereich ein begrüßenswertes Faktum.



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