„Sport ist keine Sozialwerkstatt“

Stefan Chatrath

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Kriminalität, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Sucht, Intoleranz und Werteverfall – es gibt kaum ein gesellschaftliches Problem, zu dessen Lösung heute nicht der Breitensport beitragen soll. In den letzten Jahren ist kein Politikfeld so rasant gewachsen wie dieses – national wie international. Allein in Deutschland sind 1.500 Projekte bekannt, die die soziale, therapeutische und integrative Dimension des Sports in das Zentrum ihrer Arbeit rücken: "Kicken statt kloppen", "Straßenfußball für Toleranz", "Sport tut Deutschland gut", um ein paar zu nennen. Das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fördern ähnliche Projekte international. So werden zum Beispiel in einer Township bei Pretoria in Südafrika Grundschulen bei der Bildung einer Fußballliga unterstützt, die neben den sportlichen Leistungen Grundwerte wie Fairplay und Toleranz fördern will und daher auch hierfür Punkte vergibt. 

Woran liegt es, dass der Sport gerade heute auf diese Art und Weise "politisiert" wird? Neu ist die Instrumentalisierung des Sports durch die Politik nicht. Wir kennen sie aus den Zeiten des Kalten Krieges, als Leistungssportler zu Botschaftern des eigenen Systems stilisiert wurden. Die Instrumentalisierung war damals eher symbolischer Natur: Siegreiche Sportler symbolisierten die Überlegenheit des eigenen Gesellschaftssystems, und die Förderung des Breitensports war vor allem Ausdruck der Lebendigkeit und Fitness der Gesellschaft. Heute ist die Rolle, die dem Sport zugedacht wird, eine andere, viel aktivere: Er soll dazu beitragen, Probleme der Gesellschaft zu lösen, und mithin Aufgaben übernehmen, die eigentlich der Politik vorbehalten wären. 

 Die Politik, die sich in der Vergangenheit mit dem Sport nur schmückte, geht heute mehr und mehr dazu über, im Sport selbst nach Inhalten zu suchen. Ihr fällt es offensichtlich zunehmend schwerer, aus sich selbst heraus Werte und Leitbilder zu entwickeln und die Bürger dafür zu begeistern. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, weshalb die Förderung einer Fußballliga in südafrikanischen Townships als Bestandteil deutscher "Entwicklungszusammenarbeit" gepriesen wird – mit dem, was einst Entwicklungspolitik sein sollte, hat das nämlich herzlich wenig zu tun. 

Was Kinder und Jugendliche in Südafrika und anderswo am dringendsten benötigen, ist eine "Zukunft", ist die Chance, aus ihrem Leben selbst etwas zu machen. Voraussetzung dafür ist wirtschaftliche Entwicklung, sind Investitionen zum Beispiel in Infrastruktur, in ein Bildungswesen und in Energieversorgung. Doch diese Art von Großprojekten sind heute wohl nicht "in". 

Der Sport, insbesondere der Fußball, wird heute geradezu in seine prominente Rolle gedrängt. Wir merken das bei Großereignissen wie zuletzt der Fußballweltmeisterschaft. Der Sport soll der Gesellschaft die Orientierung geben, die die Politik offenbar nicht zu vermitteln vermag. Dass sich Sportfunktionäre in diesem Scheinwerferlicht wohlfühlen, sollte nicht überraschen. Besorgniserregend hingegen ist es, wenn Fairplay und der sportliche Umgang mit Niederlagen tatsächlich die einzigen gesellschaftlichen Werte sein sollten, auf die wir uns heute noch einigen können. Für unsere Gesellschaften bedeutet diese Entwicklung nichts Gutes. 

Aber auch für den Sport selbst ist diese Entwicklung keineswegs positiv – im Gegenteil: Sie schadet ihm. Denn anstatt einfach nur um seiner selbst willen anerkannt zu werden, wird erwartet, dass er einen "sozialen" Zusatznutzen stiftet; der eigenständige Wert des Sports als gesellschaftlich-kulturelle Errungenschaft geht so verloren. Der Sport soll "mehr" als einfach nur Sport sein und verliert genau dadurch seine ihm eigene Qualität, wird letztlich "weniger", weil weniger wichtig. Unter dieser Last – der des vermeintlich notwendigen Zusatznutzens – muss der Sport zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Nicht zufällig vermissen Fans immer häufiger "Persönlichkeiten" im Sport, Sportler mit Charakter und gesundem Eigensinn, Typen wie John McEnroe oder Diego Maradona, positiv Verrückte, die auf einem schmalen Grat zwischen Genialität und Wahnsinn wandeln. Sie sterben heute langsam, aber sicher aus, da ihnen die Freiheit für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit mehr und mehr genommen wird: Der sozialen Rolle des Sports entsprechend sollen Sportler heute der Gesellschaft als "role model" dienen und Vorbild sein für ethisch-korrektes Wohlverhalten. Es wäre daher in der heutigen Zeit auch geradezu unvorstellbar, dass, wie einst 1974, ein bekennender Maoist wie der Fußballer Paul Breitner Heldenstatus erreicht. Wahrscheinlich würde heute darüber diskutiert werden, ob "so einer" überhaupt das Nationaltrikot tragen dürfe. 

Für die Gesellschaft als Ganzes wie auch für den Sport selbst ist die Moralisierung eine schlechte Entwicklung. Es wird Zeit, dass sie wieder zurückgefahren wird.



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