„Irisch für Parlamentarier“

Jim Higgins

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Herr Higgins, Irisch ist seit 2007 offizielle Amtssprache der EU, Irland allerdings schon seit 1973 EU-Mitglied. Wieso wurde Irisch erst nach so langer Zeit Amtssprache?
 In den letzten Jahren gab es eine große Wiederbelebung der gälischen Kultur, die dadurch entstand, dass wir Iren gesehen haben, wie stolz Franzosen, Italiener oder auch die Deutschen auf ihre Kultur sind. Es gibt Grundschulen, in denen nun alle Fächer auf Irisch unterrichtet werden. Insgesamt entstand ab 2004 bei uns ein öffentlicher Druck, dass Irisch EU-Amtssprache werden solle.
 
Was war der Anlass für die öffentlichen Forderungen?
 Zum einen die beschriebene irische kulturelle Renaissance, zum anderen sah die irische „Sprachgruppe“, die sich für Irisch starkmacht, eine Möglichkeit, das Thema 2004 zu forcieren, als Irland die EU-Ratspräsidentschaft inne hatte. Seitdem wurde versucht, Irisch als Amtssprache durchzusetzen, gelungen ist es dann aber erst Anfang 2007.
 
Englisch und Irisch sind die beiden offiziellen Amtssprachen in Irland. Welche Rolle spielt die irische Sprache im täglichen Leben der Menschen? 
 Irisch ist laut Verfassung die Hauptamtssprache der Republik Irland. Allerdings wird Englisch vom Großteil der Bevölkerung als erste Sprache gesprochen. Von den vier Millionen Iren gaben bei der Volkszählung 2006 rund 40 Prozent der Bevölkerung an, Irisch zu können, und 50.000 Menschen sagten, dass sie Irisch nicht nur beherrschen, sondern es auch regelmäßig im Alltag benutzen. 
 
Wieso sprechen nur so wenige Iren Irisch?
 Noch Anfang der 1980er Jahre wurde Irisch im Grunde nur an der Westküste Irlands gesprochen. Ein Problem bestand darin, dass die schriftliche Korrektheit stärker betont wurde als das flüssige Sprechen. Das half der Verbreitung der Sprache nicht. Den Verantwortlichen im Bildungsministerium wurde bewusst, dass ein grundsätzliches Problem des Irischen ein Mangel an Kommunikation war. Die Menschen sollten zum Sprechen ermuntern werden, auch wenn beispielsweise die Grammatik nicht korrekt ist. 
 
Sprechen also immer mehr Menschen Irisch?
 Als es 1973 um den Beitritt Irlands zur Europäischen Union ging, fürchteten viele Menschen, dass das unserer Kultur schaden würde. Aber das Gegenteil war der Fall: Die Iren nahmen durch den Beitritt ihre Kultur bewusster wahr. Es kam zu einer Wiederbelebung, auch der irischen Sprache die Schulen in denen nur Irisch gesprochen wird, sind ein Zeichen dafür.
 
Obwohl Irisch nun seit einem Jahr Amtssprache der EU ist, sprechen nicht alle irischen EU-Abgeordneten Irisch. Was ist da los? 
 Alle Iren lernen die Sprache zwar in der Schule, wenden sie dann aber im Beruf oder im Alltag meist nicht mehr an. Um das zu verändern, bietet das Europäische Parlament sogar Kurse für die Parlamentarier an, damit diese ihr Irisch verbessern und es wieder mehr sprechen können. 
 
Gehen Sie auch zu diesen Irischkursen?
 Nein, ich spreche es fließend. Ich spreche im Europäischen Parlament die ganze Zeit Irisch. Aber einige meiner Kollegen besuchen die Sprachklassen. Von den 13 irischen EU-Abgeordneten sprechen derzeit nur vier Irisch.
 
Hat sich die Position Irlands innerhalb der EU verändert, seit Irisch EU-Amtssprache ist?
 Da wir bereits seit 1973 in der EU sind, sind wir als Mitglied etabliert. Die Aufwertung unserer Sprache hatte keine besondere Bedeutung für unsere Wirtschaft. Irland ist Teil des Mosaiks der 27 Mitgliedstaaten. Dazu gehört jedes Land mit seiner eigenen kulturellen Identität und mit seiner eigenen Sprache. Indem wir als EU-Mitglied nun auch unsere eigene Sprache haben, nähern wir uns dem europäischen Ziel der „Einheit in der Vielfalt“. 
 
Hat die Aufwertung zur EU-Amtssprache in Irland zu einem neuen Verhältnis zur Sprache geführt? 
 Dank der EU sind wir uns unserer Kultur wieder bewusster. Immer mehr Menschen sind stolz darauf, dass sie Iren sind. Lange gab es bei uns die Sorge, dass die EU-Mitgliedschaft unserer Kultur schaden würde, dass dadurch die Vielfalt verloren geht, aber das Gegenteil ist der Fall. Ein größer werdender Teil der irischen Bevölkerung nimmt die irische Kultur, und mit ihr die Sprache, nun begeistert an. Auch jüngere Menschen beschäftigen sich wieder mehr damit, und möglicherweise sprechen in Zukunft auch mehr Abgeordnete im Europäischen Parlament Irisch. 
 
Trotzdem haben die Iren gerade den EU-Reformvertrag abgelehnt. Hat das auch etwas mit der Belebung der irischen Kultur zu tun?
 Das würde ich nicht sagen. Aber diese Belebung gab den Iren das Selbstvertrauen, ihre Meinung frei zu äußern. Sie haben neuerdings ein stärkeres Selbstbewusstsein und sind sich ihres Platzes in der EU sehr sicher. So hatten sie keine Angst vor negativen Folgen ihrer Abstimmung. 
 

Das Interview führten Anna Borowsky und Falk Hartig



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