Auf Wiedersehen!

Georg Schütte

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Der Mann läuft schnell, denkt schnell und handelt schnell. Kurt-Jürgen Maaß ist Stratege und Macher. Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) benötigte beide Talente, als es 1998einen Generalsekretär suchte die Reputationdes traditionsreichen Instituts war angeschlagen. Zehn Jahre später wird das ifa nicht nur für seine Präsentationen deutscher Kunst im Ausland, für „Kunst im diplomatischen Dienst“,geschätzt. Maaß hat es auch zu einer Ideenschmiede, einem Thinktank der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik gemacht.Es war eine Dekade der Umbrüche. Die Vereinigung Deutschlands und Westeuropas war Ende der 1990er-Jahre international zur neuen Normalität geworden. Das vereinte Deutschland war auch in den Ländern präsent, die früher im Bereich der DDR-Außenpolitik lagen. „Es wäre nun an der Zeit, die Grundlagen der Auswärtigen Kulturpolitik neu zu definieren“, schrieb Maaß 1999 in der Zeitung Das Parlament. „Müssen die Zielgruppen überdacht werden? Wird es regionale Schwerpunkte geben? Mit welcher Priorität wird über neue Goethe-Institute nachgedacht? Oder wird das ganze System der kulturellen Außenrepräsentanz reflektiert?“ Das Verhältnis zu den USA, Frankreich und Israel bedürfe einer Neubestimmung. Der Dialog mit dem Islam, forderte Maaß damals, müsse intensiviert werden. Auf tragische Weise bestätigte der 11. September 2001 diese Diagnose. Das ifa reagierte mit neuen Initiativen zur langwierigen, aber alternativlosen Arbeit an einem „Dialog auf Augenhöhe“: Es lud Intellektuelle aus islamisch geprägten Ländern ein, ihre Einschätzungen zum Stand der westlich-muslimischen Beziehungen zu formulieren. Der Report „Der Westen und die islamische Welt“ erschien anschließend auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Ein Praktikantenprogramm organisierte die Begegnung junger Menschen aus islamischen Ländern und jungen Deutschen.Vertrauen entsteht nur über Zeit. Die Fähigkeit, eine Kultur mit den Augen der anderen sehen zu können, ist die Basis für einen Dialog der Kulturen. Diese Einsichten hat Kurt-Jürgen Maaß an verschiedenen Stationen seiner Karriere verinnerlicht. In Hamburg und Lausanne studierte er Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. In Brüssel war er Ausschussdirektor der Nordatlantischen Versammlung. Als Abteilungsleiter und später als stellvertretender Generalsekretär arbeitete er in der Alexander von Humboldt-Stiftung daran, ein Vertrauensnetz in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft aufzubauen. Seine Tätigkeit als Redakteur der Deutschen Universitätszeitung zu Beginn seiner Karriere und die spätere Mitarbeit im damaligen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft hatten ihn für diese Aufgabe prädestiniert.Die Vielfalt der Kulturmittlerorganisationen in Deutschland ist für Maaß Herausforderung und Chance. Er initiierte mit dem ifa einen „Runden Tisch USA“, an dem er Mittlerorganisationen und Stiftungen zusammenbrachte. Die Alumni transatlantischer Programme treffen sich seitdem regelmäßig auf beiden Seiten des Atlantiks. Mit dem Goethe-Institut schloss das ifa eine Kooperationsvereinbarung. Eng arbeitet es mit privaten Stiftungen zusammen: Gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung bildet das ifa Kulturmanager für Mittel- und Osteuropa aus.Außenkulturpolitik beginnt im Inland. Diesen Gedanken hat Maaß mit Leben gefüllt. Er initiierte die „Stuttgarter Schlossgespräche“ – ein jährliches Diskussionsforum zur strategischen Verständigung über aktuelle Herausforderungen der Auswärtigen Kulturpolitik. Kurt-Jürgen Maaß hat das ifa konsolidiert. Er musste es durch die schwierige Zeit der Budgetkürzungen steuern, als Außenkulturpolitik nicht als Zukunftsinvestition, sondern als Subvention betrachtet wurde. Die Schließung der ifa-Galerie Bonn gehörte zu den schmerzhaftesten Entscheidungen seiner Amtszeit.Inzwischen hat die Politik umgedacht. Maaß’ Plädoyer, den Unterausschuss für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik wieder einzusetzen, ist längst umgesetzt. Maaß bleibt ein Vordenker: Als Honorarprofessor arbeitet er an der Universität Tübingen mit Studierenden weiter an Zukunftskonzepten der Außenkulturpolitik. Trotz ihres Bedeutungszuwachses fehle es an einer ernst zu nehmenden akademischen Diskussion und wissenschaftlichen Untermauerung, konstatierte er 2005 in dem von ihm herausgegebenen Handbuch Kultur und Außenpolitik. Dies zu ändern wird auch weiterhin eine der Aufgaben sein, denen sich Kurt-Jürgen Maaß nach seinem 65. Geburtstag und dem turnusmäßigen Ende seiner Amtszeit als ifa-Generalsekretär stellen wird. Dass er ein hervorragender Lehrer, ein kluger Stratege, ein zupackender Macher und humorvoller Mensch ist, das durfte der Autor über viele Jahre dankbar erfahren.
 
 



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